Bergsteigen

Grenzerfahrung in 7010 Metern Höhe

Henk Vink (r.) und Thomas Tigges vor ihrem Gipfelversuch. Das Wetter spielt mit und auch der Wind hält keine bösen Überraschungen parat.

Henk Vink (r.) und Thomas Tigges vor ihrem Gipfelversuch. Das Wetter spielt mit und auch der Wind hält keine bösen Überraschungen parat.

Foto: Privat

Tienschan/Feudingen.  Nach vier Wochen Hochgebirge kehrt der Feudinger Henk Vink erfolgreich vom Gipfel des Khan Tengri zurück. Es war eine emotionale Gratwanderung.

Als Henk Vink vor zwei Jahren als erster Niederländer alle „Viertausender“ der Alpen bestieg, konnte er sein nächstes Ziel noch nicht recht deuten. Höher, schneller, weiter? Oder eher härter, schwieriger, gefährlicher? Fest steht zu diesem Zeitpunkt nur, dass Vink noch lange nicht satt ist. Zu viele Ideen treiben den Feudinger Zahnarzt um. Da erinnert er sich an ein Buch von Reinhold Messner, das von den großen Bergwänden der Erde erzählt. Die Wahl fällt auf den 7000er Bergriesen „Khan Tengri“ in Zentralasien, was übersetzt nicht weniger bedeutet als „Herrscher des Himmels“.

Von Anfang an geht es Vink vor allem um eine alpine Herausforderung mit allerlei technischer Schwierigkeiten. Kein Kilimandscharo oder Pik Lenin, keine weiten Ebenen, über die man einfach so hochwandern kann. Genau deshalb scheint der Khan Tengri die perfekte Wahl zu sein. Immer kantig, immer steil, selten sind um das Zelt mehr als zwanzig Meter Platz geboten, ehe es wieder 2000 Meter in den Abgrund geht. Noch etwas ist Vink wichtig: Den Aufstieg will er selbst in die Hand nehmen. Bergführer oder Sherpas, die sein Material schleppen oder die Route vorgeben, kommen nicht in Frage. Vinks einziger Begleiter ist Thomas Tigges aus Bad Fredeburg, den er seit Jahren kennt und dessen Fähigkeiten er im Hochgebirge schätzt.

Psychologische Tricks

Das Organisatorische im Vorfeld läuft über eine Agentur in Kasachstans Metropole Almaty. Die Anreise verläuft problemlos, ein Helikopter bringt Vink und Tigges zum Basislager auf 4000 Meter. Als Vink aussteigt, überwältigt ihn das Landschaftsbild. Es ist der Moment, als er das erste Mal die Dimension des Berges wahrnimmt, der aufgrund seines pyramidenähnlichen Aussehens auch der große Bruder des Matterhorns sein könnte: „Dann stehst du da auf diesem Gletscher, schaust auf den Berg und denkst dir: Oh man, Henk, wie willst du denn da hochkommen!? Was tust du hier eigentlich?“ (lacht) Da helfen nur ein paar psychologische Tricks, wie Vink aus der Vergangenheit weiß: „Wenn du den Berg als großes Ganzes siehst, musst du erst einmal tief schlucken. Du musst einfach versuchen durchzuatmen und dir alles in kleinen Stücken vorzustellen. Dann erscheint es irgendwie machbar.“

Am Basislager angekommen, wird den beiden für Notfälle noch ein Walkie-Talkie in die Hand gedrückt, das ist alles. Ab jetzt sind Vink und Tigges auf sich allein gestellt – wie sie es wollten. Bevor es jedoch losgeht, wartet mit dem einzigen Arzt des Basislagers eine aberwitzige Bekanntschaft: „Er war HNO-Arzt und sprach nur russisch und kasachisch. Das mit dem Blutdruckmessgerät ging gerade noch so, der Rest war nicht mehr möglich. Dann schaltete ich den Übersetzungsdienst von Google ein, anschließend war ich sein bester Freund.“ (lacht)

Der Arzt zeigt Vink seine Dentalausrüstung, die eigentlich keine ist. Nur eine Art Schraubenzieher, um Wurzeln zu ziehen. Der Rest ist HNO-Ausrüstung - aufbewahrt in einem Pappkarton.

Respekt vor der Höhe

Für Vink und Tigges beginnen die täglichen Auf- und Abstiege, um Camps auf verschiedenen Höhen zu errichten. Dabei geht Vink vor allem die Gefahr der Höhenkrankheit durch den Kopf. Hirn- und Lungenödeme sind plötzlich nicht mehr nur medizinische Fachbegriffe, sondern reale, tödliche Gefahren. Nie zuvor war er so hoch oben gewesen: „Nicht zu wissen, ob ich auf die Höhe reagiere - das war für mich die größte Herausforderung. Wenn du das bekommst, während du im Berg bist, hast du eine Überlebenschance von vielleicht zehn Prozent. Da hatte ich am meisten Respekt vor.“ Doch Vink kommt außerordentlich gut zurecht. Über die gesamten vier Wochen muss er keine einzige Tablette zu sich nehmen.

Ohne fremde Hilfe

Auch das Wetter spielt mit, während des Aufstiegs hält vor allem der Wind mit bösen Überraschungen inne. Vink und Tigges besteigen den Khan Tengri ohne fremde Hilfe und nach den Plänen ihres eigenen Reißbretts. Diese Motivation, es auf eigene Faust zu schaffen, bringt sie schließlich an ihr Ziel: „Die Qualität ist dann nicht so wichtig, sondern der Wille. Der entscheidet, ob du oben ankommst oder nicht. Du hast dann viel mehr Adrenalin und kannst Kräfte freisetzen. Das letzte Bisschen musst du aus dem Kopf holen, nicht aus dem Körper.“

Das letzte Bisschen ist der Khan Tengri sicher nicht gewesen. „Ich bin immer noch ziemlich heiß“, sagt Vink ehrgeizig. Ein Buch von Reinhold Messner kann ihm da sicher Abhilfe schaffen.

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