Bergsteigen

Henk Vink: In eisigen Höhen den Gipfel vor Augen

Henk Vink am Barre des Écrins

Henk Vink am Barre des Écrins

Foto: Privat

Feudingen.   Henk Vink ist Zahnarzt in Feudingen – und der erste Niederländer, der alle „Viertausender“ der Alpen besteigt. Sonntag geht es auf Gipfel Nr. 82

Als Henk Vink noch ein kleiner Junge war, kletterte er gerne auf Bäume. Hauptsache irgendwo hoch, das war sein Wunsch. Und Bäume waren so ziemlich das Höchste, das es in seiner Umgebung gab. Vink wurde im niederländischen Breda geboren, die Stadt liegt acht Meter über Normalnull.

Kletterhallen fehlten in den Niederlanden der sechziger und siebziger Jahre ebenso wie Vereine und Kurse. Nun liegt bekanntlich im Wesen des Menschen das zu begehren, was man nicht hat. Ein vom Bergsteigen träumender Niederländer gehört wohl trotzdem in die Kategorie recht ungewöhnlicher Pioniere, so wie einst Philip Boit, den kultigen Langläufer aus Kenia.

Doch der junge Vink besitzt zu diesem Zeitpunkt seiner Kindheit neben Träumen auch das nötige Glück. Seine Eltern fahren mit ihm in die Schweiz in den Familienurlaub. Vink ist direkt fasziniert von den Bergen, denkt schon beim Antritt der Rückreise nur an den nächsten Aufenthalt. Zu Hause greift er bereits im Januar zum Stift, streicht die Zahlen im Kalender weg und zählt die Tage wie ein Countdown herunter. Die Urlaube in die Schweiz wiederholen sich, die Wandertouren durch die Berge werden häufiger. Vink will immer nur so hoch und so weit wie nur möglich.

1975, Vink ist 14 Jahre alt, machen er und seine Familie bei einer Wanderung Rast: „Dann waren wir bei einer Hütte und plötzlich kam eine Gruppe Bergsteiger vorbei. Es waren sechs Männer, echte Bergsteiger, das verriet ihr Outfit. Gamaschen, Eispickel, und ich sah diese uralten Alubrillen, wie sie Tenzing Norgay und Edmund Hillary trugen. Ich dachte nur: Henk, das willst du auch mal machen.“

Am Gipfel vorbeigelaufen

Über vierzig Jahre später ist Vink der erste Niederländer, der alle „Viertausender“ der Alpen besteigen wird, 82 an der Zahl, einige leicht, andere gefährlich. Der letzte Gipfel, der Grand Combin de la Tsessette, wartet greifbar auf 4135 Metern Höhe. Am Sonntag soll es dort hinauf gehen – wenn das Wetter mitspielt.

Damit endet für Vink eine Sammelreise, die eigentlich nie als solche gedacht war. Seinen ersten Berg über 4000 Meter, das Breithorn, bestieg er nämlich bereits 1979 im Alter von 18 und die Entscheidung alle Gipfel dieser Höhenkategorie zu erklimmen, fiel erst 2011.

Gemeinsam mit seinem Kumpel Thomas aus Nürnberg, den er Jahre zuvor bei der Ausbildung zum Skihochtourenführer kennengelernte, hatte Vink inzwischen viele Touren erfolgreich absolviert. Dazu zählten auch welche über 4000 Meter, doch erst 2011 fragten sich die beiden nach der Besteigung eines sehr schwierigen Gipfels wie beflügelt: Warum jetzt nicht auch alle?!

Dass der Grand Combin de la Tsessette am Ende dieser Odyssee steht, ist nicht nur reiner Zufall, sondern vielmehr eine humorvolle Anekdote über die Hingabe Henk Vinks zum Bergsteigen: „Nun ja, ich war ja bereits 1996 im Massiv des Grand Combin, der aus mehreren Gipfeln besteht. Damals habe ich bis auf einen dieser Gipfel alle bestiegen, nur am de la Tsessette bin ich schlichtweg vorbeigelaufen. Ich konnte ja nicht ahnen, dass ich Jahre später eine komplette Sammlung angehen würde.“ (lacht)

Der erste Niederländer?

Nicht nur die Reihenfolge der 82 Berge – alle liegen in den Westalpen auf dem Staatsgebiet der Länder Frankreich, Italien und Schweiz – ist zufällig. Auch die Tatsache, dass Vink der erste Niederländer auf den „Dächern“ aller Viertausender sein würde, überraschte ihn mehr als dass es ihn anspornte. Vink fragte beim niederländischen Alpenverein nur deshalb nach, weil er wissen wollte, wer und wie viele diese Marke bereits vor ihm schafften.

„Zuvor hatte ich mich damit noch nicht beschäftigt, weil mich das ehrlich gesagt nie interessierte. Dann bekam ich eine E-Mail mit der Antwort, dass noch keine Person auf dieser Liste vermerkt sei. Sie würden mir daher sehr gerne für diesen Moment eine Gipfelflagge des niederländischen Alpenvereins zukommen lassen. Da war ich erst einmal total baff. Ich hatte ja gar nicht angestrebt der erste zu sein.“

Kletterweisheiten

In den Bergen selbst kann Vink auf keine Zufälle hoffen. Übersetzt heißt das: die Natur richtig einschätzen und im Wetter keinen Feind, sondern einen Wegweiser sehen. Um das jedoch tun zu können, benötigt es viel Erfahrung, noch mehr Recherche und unzählige Stunden Training.

„Man sollte Bergsteigen deshalb vor allem langsam angehen. Manche Leute trainieren täglich in der Halle und haben sehr schnell sehr viel Kraft. Das macht sie aber noch lange nicht zu Alpinisten. Fehleinschätzungen werden meist denen zum Verhängnis, die sich überschätzen“, meint Vink und spricht beispielhaft davon, dass die Schwierigkeitsgrade in einer Kletterhalle nicht mit denen in freier Natur zu vergleichen seien.

Henk Vink ist mit Klettern aufgewachsen, als Kind im Baum, als Jugendlicher im Urlaub. Und er lernte zu improvisieren: Heute machen Alpinisten die nötigen Klimmzüge zum Muskelaufbau an Wänden und Geräten in perfekt ausgestatteten Hallen, Vink hangelte sich früher an Utrechter Häuserwänden entlang und zog sich an Dachrinnen hoch. Heute hält er sich unter anderem durch die Teilnahme an Volksläufen und an Skilanglauf-Volksläufen fit – dabei startet er jeweils für den SC Rückershausen.

Ehrgeiz und Vertrauen

In einem Werk des Schriftstellers Henry David Thoreau heißt es: „Der Gipfel hebt sich von der irdischen Grenze ab, weil er unberührt ist. Er wird einem nie vertraut werden. In dem Moment, in dem man seinen Fuß dorthin setzt, ist man schon verloren“. Thoreau liebte die Berge, die Einsamkeit. Seine Schriften erzählen von Demut gegenüber der Natur, von einem ehrfürchtigen Leben mit ihr und nicht gegen sie.

Vink hat die Risiken des Kletterns und die Macht der Natur sehr nah zu spüren bekommen. Einmal musste er mitansehen, wie ein junger Freund in die Tiefe stürzte und starb. Bei allem Ehrgeiz Vinks vertraut seine Familie aber darauf, dass er sich der Gefahren bewusst ist, und weil er, wie seine Tochter Frederike sagt, „jeden Knoten zweimal checkt“. Schließlich soll es weitergehen. Wohin und wie hoch, das lässt Vink offen.

Nur die Frage, warum er überhaupt Berge besteigt, beantwortet er aus dem Stegreif mit den Worten Edmund Hillarys: „Weil sie da sind.“

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