2. Kunstturn-Bundesliga

KTV Obere Lahn verpokert sich am Reck und steht am Abgrund

Restlos bedient: Henry Lettermann, Maik Wehn, Philipp und Felix Wiemers sowie Michel Bürgel (v.l.) beim Verfolgen der letzten Reckübung. Die fünf Scorer von Andrey Likhovitskiy sind nur noch Ergebniskosmetik.

Restlos bedient: Henry Lettermann, Maik Wehn, Philipp und Felix Wiemers sowie Michel Bürgel (v.l.) beim Verfolgen der letzten Reckübung. Die fünf Scorer von Andrey Likhovitskiy sind nur noch Ergebniskosmetik.

Foto: Florian Runte

Fulda.  KTV Obere Lahn steht nach bitterer, weil vermeidbarer 37:40-Niederlage mit dem Rücken zur Wand. Beste Saisonleistung nährt den Funken Hoffnung.

Während die Riege der KTV Fulda vor Freude eskalierte und ihren letzten Turner nach gestandenem Abgang beinahe überrannte, hätte man auf der anderen Hallenseite eine Stecknadel fallen hören können. Selbst die sagenhafte, abschließende Reckübung von Andrey Likhovitskiy, der mit 14,75 Punkten die beste Kür des Tages zeigte, änderte nichts an den langen Gesichtern – weil sie nur noch Ergebniskosmetik war. Mit 37:40 unterlag die KTV Obere Lahn und steht nun vor dem Abstieg aus der 2. Bundesliga.

Besiegelt ist der zwar noch nicht, ihn abzuwenden wird jedoch sehr schwierig. Mindestens einen der drei verbleibenden Wettkämpfe müssen die Wittgensteiner und Hinterländer gewinnen. Zieht man die bisherigen Leistungen heran, sind sie jedoch in allen drei Wettkämpfen Außenseiter. „Es ist noch nichts verloren. Wir werden alles versuchen“, gibt sich KTV Sportwart Albert Wiemers kämpferisch. Schon kommenden Samstag gegen den TV Großen-Linden rechnet er sich eine Chance aus.

Bis dahin gilt es, Wunden zu lecken und die bittere, weil vermeidbare Niederlage aus den Köpfen zu bekommen. Am Barren, dem fünften der sechs Geräte führte die KTV Obere Lahn zwischenzeitlich mit acht Score-Punkten. „Heute geht es nur um Sicherheit“, hatte der KTV--Vorsitzende Philipp Wiemers bereits zur Halbzeit festgestellt, als er erklärte, warum der Niederlaaspher Michel Bürgel diesmal nicht an die Geräte ging: „Er turnt schwieriger, aber weniger sicher.“ Doch ausgerechnet am Schlussgerät Reck schlichen sich dann doch grobe Fehler ein.

Grätsche ins Leere

Erst verfehlte Maik Wehn bei der Katchev-Grätsche die Reckstange und stürzte – wie beim Einturnen. Fulda nutzte dies zum Ausgleich. Dann musste Felix Wiemers fünf Punkte an den nicht nur herausragend, sondern auch äußerst elegant turnenden Alexej Bogdanov abgeben. Beim Versuch, vom Rückstand wieder etwas abzuknabbern, wagte sich Sunny Fiecker an seine schwierigsten Elemente – da hatte er bereits fünf Auftritte in den Knochen. Beim „Adler“ kam er derart aus dem Rhythmus, dass ein Verlassen des Geräts nötig wurde. Mit drei weiteren Punkten war die Mühle für Fulda offen – und Alexander Pfaffenroth machte sie mit einer unfallfreien Schlussübung zu.

Hatte die Obere Lahn am Ende zu hoch gepokert? „Mit einem Sturz weniger hätte es am Ende gereicht, aber das konnten wir vorher nicht ahnen“, räumte Wehn ein, gab aber zu bedenken: „Das lässt sich hinterher leicht sagen, dass man Elemente hätte rausnehmen können. Wir wussten, dass wir Risiko gehen müssen, falls die voll durchturnen.“

Am Ende auf Schwierigkeiten zu verzichten, fiel deshalb schwer, weil es durchgängig ein Kopf-an-Kopf-Rennen war. Die Obere Lahn hatte am Boden vorgelegt, ehe sich Fulda am Pferd und an den Ringen eine 21:20 Halbzeitführung erkämpfte. Am Sprung und am Barren gewann jeweils die KTV Obere Lahn.

Die herausragenden Akteure vor gut 200 Zuschauern waren auf beiden Seiten die Ausländer. Likhovitskiy (Weißrussland) und Artur Davtyan (Armenien) aufseiten der Oberen Lahn, Bogdanov bei Fulda. Er wurde mit 23 Punkten Top-Scorer und turnte mit 79,55 Punkten einen Sechskampf, mit dem er eine Woche zuvor bei der WM im Mittelfeld gelandet wäre – doch in Russland reichen diese Punkte nicht mal für den B-Kader.

Frust trotz Saison-Bestleistung

Der einzige weitere Turner, der an allen Geräten zum Einsatz kam, war der 16-jährige Bad Laaspher Sunny Fiecker, der in Summe 66,85 Punkte und damit seine beste Leistung in dieser Saison erzielte. Am Boden hielt er Fuldas besten „heimischen“ Turner, Alexander Pfaffenroth, mit einer blitzsauberen Leistung in Schach, am Sprung sackte er mit einem Kasamatsu drei Score-Punkte ein und am Barren glänzte er mit einer sauberen Stützkehre sowie einem Doppelsalto zum Abgang.

Und doch ließ Sunny nachher mit den Fäusten an der Hallenwand Dampf ab, weil er sich über ein „Aufsetzen“ am Pauschenpferd und den „Sturz“ am Reck maßlos ärgerte. Der Rotschopf war untröstlich.

Der Aufmunterung seiner Teamkollegen konnte er sich aber Gewiss sein. „Wir gewinnen zusammen, wir verlieren zusammen“, betonte Teamkapitän Wehn und ergänzte: „Wir brauchen einen Sieg, dann sind wir wieder im Soll. In den letzten drei Wettkämpfen sind wir nicht chancenlos.“ Dies stimmt, sofern die Obere Lahn an die Leistung aus Fulda anknüpft. Die war nämlich mit insgesamt 286,80 Turnpunkten die bei weitem beste dieser Saison – Pech war, dass dies auch dem zuvor teils desolaten Fulda gelang.

Ansteigende Formkurve

Neben Fiecker zeigten auch Routinier Felix Wiemers, Rekonvaleszent Felix Weber und – bis zu seinem Sturz – Maik Wehn eine ansteigende Formkurve. Die Gerätspezialisten Vincent Brusch (Pferd, Ringe) und Marvin Schuster (Sprung) blieben ohne grobe Fehler. Übrigens: Der kommende Gegner Großen-Linden erzielte am Samstag mit 289,70 Punkten nur drei Zähler mehr.

######## KTV Fulda taktiert besser ##########

Nach absolut erturnten Punkten, nach „normaler“ Wertung des Weltverbandes FIG, wäre die Obere Lahn mit 286,85:285,80 Punkten Sieger gewesen.

Das Score-Punkt-System der Deutschen Turnliga wandelt die Differenz beider Turner eines Mann-gegen-Mann-Duells noch einmal um. Null bis 0,1 Punkte Differenz bedeuten ein Remis, 0,15 bis 0,25 Punkte bringen einen Score-Punkt, 0,3 bis 0,5 Punkte bedeuten zwei „Scorer“. Drei Scorer gibt es für 0,55 bis 1,0 Punkte Differenz, vier für 1,05 bis 2,0 Differenz, fünf ab 2,05 Punkten Differenz.

So kommen die Komponenten Taktik und Glück hinzu. Fulda setzte seine Turner so ein, dass die Weltklasse-Darbietungen Likhovitskiys und Davtyans relativ gesehen nicht viel brachten.

In der Vergangenheit hat die KTV Obere Lahn wichtige Siege dank guter Taktik gefeiert – etwa im Finale um die Deutsche Meisterschaft im vergangenen Jahr gegen Straubenhardt oder im vergangenen Jahr in Fulda.

######## Die Statistik ##########

KTV Fulda 40
KTV Obere Lahn 37

(285,80:286,85 ; Gerätpunkte 6:6)

Boden

Pfaffenroth - Fiecker 12,05:12,10 0:0
Hatrich - Wehn 11,10:11,50 0:2
Becker - Davtyan 9,40:13,65 0:5
Bogdanov - Wiemers 13,25:11,85 4:0

45,80:49,10 4:7

Pferd

Pfaffenroth - Brusch 11,80:10,75 4:0
Bogdanov - Fiecker 13,35:9,95 5:0
Mattheß - Likhovitskiy 10,55:14,45 0:5
Hofner - Weber 10,05:10,60 0:3
45,75:45,75 9:8

Ringe

Wallbaum - Weber 11,50:10,90 3:0
Hartrich - Brusch 10,50:10,50 0:0
Bogdanov - Fiecker 13,20:11,15 5:0
Pfaffenroth - Davtyan 12,45:14,65 0:5
47,65:47,20 8:5

Sprung

Becker - Schuster 13,05:12,20 3:0
Hartrich - Wehn 12,35:12,30 0:0
Bogdanov - Davtyan 12,55:14,15 0:4
Cholewa - Fiecker 11,15:11,85 0:3
49,10:50,50 3:7

Barren

Wallbaum - Weber 11,50:11,80 0:2
Pfaffenroth - Likhovitskiy 13,05:13,80 0:3
Bogdanov - Fiecker 13,65:11,85 4:0
Hartrich - Wiemers 11,60:11,55 0:0
49,80:49,00 4:5

Reck

Hartrich - Wehn 11,40:9,60 4:0
Bogdanov - Wiemers 13,55:11,00 5:0
Matthes - Fiecker 10,80:9,95 3:0
Pfaffenroth - Likhovitskiy 11,95:14,75 0:5
47,70:45,30 12:5


Andere Resultate der 2. Bundesliga Nord:

TG Saar II - KTV Koblenz 32:36

TV Großen-Linden - Eintr. Frankfurt 31:42

KTG Heidelberg - TSG Grünstadt 30:32

Tabelle nach vier von sieben Wettkämpfen:

Platz // Verein Gerätpunkte // Punkte

1. Eintracht Frankfurt 36:12 8:0
2. TG Saar II 36:12 6:2

3. TSG Grünstadt 34:14 6:2

4. KTG Heidelberg 30:18 6:2

5. TV Großen-Linden 18:30 2:6
6. KTV Koblenz 16:32 2:6

7. KTV Fulda 11:37 2:6

8. KTV Obere Lahn 11:37 0:8

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