Jugendfußball-Eklat

Mäßige Strafen: Spruchkammer fehlen nach Chaos-Spiel Beweise

Für die Jugend-Spruchkammer mit (v.l.) Peter Werthenbach, Armin Schäfer, Maik Otto und Peter Füllengraben ist der kniffligste Fall der laufenden Saison. Nach Anhörung einer zweistelligen Anzahl von Zeugen und rund zwei Stunden Verhandlung bleibt es bei zwei Sperren mittlerer Länge und dreistelligen Strafzahlungen.

Für die Jugend-Spruchkammer mit (v.l.) Peter Werthenbach, Armin Schäfer, Maik Otto und Peter Füllengraben ist der kniffligste Fall der laufenden Saison. Nach Anhörung einer zweistelligen Anzahl von Zeugen und rund zwei Stunden Verhandlung bleibt es bei zwei Sperren mittlerer Länge und dreistelligen Strafzahlungen.

Foto: Florian Runte

Kaan-Marienborn.   Partie zwischen der JSG Berleburg/Edertal und dem 1. FC Dautenbach endet im Chaos. Im Raum stehen Morddrohungen, Schläge und Rassismus-Vorwürfe.

Zitate von Morddrohungen („Ich steche euch alle ab“) in der einen Stellungnahme, Rassismus-Vorwürfe in der anderen – die Schreiben der Vereine nach dem A-Junioren-Fußballspiel am 11. Mai zwischen der JSG Edertal/Berleburg und dem 1. FC Dautenbach hatten es in sich. „Ich mache das hier seit zehn Jahren, aber solche Sachen habe ich hier noch nicht gelesen. Ich bin schockiert, dass so etwas möglich ist“, sagte Maik Otto, Vorsitzender der Jugend-Spruchkammer in Siegen-Wittgenstein.

Das Sportgericht hörte eine zweistellige Zahl Zeugen und verhängte nach zwei Stunden Verhandlung Sperren gegen Spieler des 1. FC Dautenbach – eine „wegen Bedrohung und grober Unsportlichkeit“ bis zum 20. September, eine wegen Unsportlichkeit für acht Wochen. Ein Spieler wurde von Anschuldigungen freigesprochen, weil er nicht identifiziert werden konnte. Zumindest einer der „Angeklagten“ zeigte sich zuvor in seinem „Schlusswort“ reuig: „Mein Verhalten war natürlich falsch.“

Geldstrafen gab es auch. Berleburg/Edertal muss 100 Euro Ordnungsgeld wegen „ungebührlichen Verhaltens von Spielern und Zuschauern“ zahlen, für Dautenbach sind es 75 Euro. Unterm Strich muss der Club vom Sender wohl mehr zahlen – er trägt 70 Prozent der Verfahrenskosten, 30 Prozent Berleburg/Edertal.

Höhere Sperren wären möglich gewesen, wenn die eingangs zitierte Aussage einem Spieler hätte zugeordnet werden können. Weil ein schwerer „Brocken“ zu erwarten war, tagte die Spruchkammer nicht wie üblich zu dritt, sondern zu viert. Armin Schäfer, Peter Werthenbach und Peter Füllengraben unterstützen Otto bei der kniffligen Aufgabe, das Geschehen zu rekonstruieren.

Anfälle von Amnesie

Dies war nur bedingt möglich. Einerseits, weil einige Zeugen acht Tage nach dem Spiel Anfälle von Amnesie zeigten („Ich weiß es nicht mehr genau, ich habe seitdem so viele Spiele gesehen...“), während andere zu sehr im Fußball-„Tunnel“ waren („Ich habe nichts mitbekommen und auf den Boden geguckt“).

Andererseits war das Geschehen schlicht unübersichtlich, weil nicht nur die Spieler, sondern auch Zuschauer an der Eskalation beteiligt waren. In einem Spiel der Sorte „mehr schlecht als recht“ (Dautenbach-Trainer Tom Otterbach) wurde viel getreten und provoziert – eine zweistellige Zahl von Gelben Karten und zwei „Rote“ (beide Dautenbach) sprechen Bände.

Der Spielverlauf – beide Teams hatten vor dem Spiel noch gute Chancen auf die Meisterschaft – tat ein Übriges hinzu: In der Nachspielzeit glich Dautenbach zum 3:3 aus. „Die sind dann alle in Richtung Auswechselbank und den Zuschauern von Edertal/Berleburg gelaufen und haben vor denen gejubelt“, gab der Schiedsrichter bei seiner Zeugenaussage zu Protokoll. „Weil von dort die ganze Zeit provoziert worden war“, begründeten die Siegener.

Aussage gegen Aussage

Als ein Zuschauer die Mutter eines Dautenbacher Spielers beleidigte und daraufhin von diesem angegangen wurde – dies bestätigte der Schiedsrichter in seiner Zeugenaussage – mündete die Situation in ein Handgemenge vor der „Tribüne“ am Limburg. Die Siegerländer räumten ein, dass ihrem Spieler „die Sicherungen durchgebrannt“ seien, baten aber zu berücksichtigen, dass der Spieler zuvor im Spiel einen Schlag gegen den Kopf erhalten habe. Als nach Auflösung der Rudelbildung noch ganz kurz zu Ende gespielt wurde, setzte sich der Zwist nach Abpfiff auf dem Weg zur Kabine fort – ob mit oder ohne „Berührung“, dazu gingen die Aussagen – wie häufig in der Verhandlung – auseinander.

Der als Platzordner eingetragene Zuschauer von Berleburg/Edertal, der geschlagen worden sein soll, konnte nicht zweifelsfrei benennen, durch wen. Dafür zeigte er sich reuig: „Nach dem 3:3 ist von unserer Seite aus die Wortwahl unglücklich gewesen, auch ich habe einen Spieler beleidigt“, räumte er ein: „Rassistisch war aber nichts dabei.“

Fremdenfeindlichkeit hatte Dautenbach, in dessen A-Jugend der Migrationsanteil unter den Spielern hoch ist, in seiner Stellungnahme beklagt – übrigens nicht nur bezogen auf das verhandelte Spiel: „Es kam bei den Auswärtsspielen in Wittgenstein immer öfter vor, dass unsere Spieler aufgrund ihrer Herkunft und Hautfarbe angefeindet wurden.“ Dass nicht nur „Chorknaben“ zum eigenen Team gehören, räumt der 1. FC derweil auch ein, allerdings steuere man auch gegen: „Wir haben im Winter Störenfriede gebeten, den Verein zu verlassen.“

Angetrunkene Zuschauer

Die Empfehlung, keinen Alkohol bei Jugendspielen auszuschenken, sprach die Spruchkammer gegenüber Berleburg/Edertal aus. Die 20 Zuschauer hinter dem Wellenbrecher waren teils angetrunken. Maik Otto abschließend: „Ich glaube jeder, der hier ist, weiß dass die zitierten Worte auch so gefallen sind. Auch die Provokationen waren eindeutig. Beide Seiten müssen wieder dahin kommen, einfach vernünftig Fußball zu spielen. Was wir hier verhandelt haben, ist das Allerletzte. Ich hoffe, dass wir uns in diesem Rahmen nicht noch einmal wiedersehen.“

Erwogen wird, am Rande des nächsten Aufeinandertreffens der beiden A-Jugenden etwas gemeinsam zu unternehmen – etwa einen Grillabend nach dem Spiel. Deshalb wurden am Rande der Versammlung auch Nummern unter den Vereinsvertretern ausgetauscht. Diese hatten sichtbar den Kaffee auf. „Ich bin entsetzt und enttäuscht“, sagte Dautenbachs Trainer Tom Otterbach. Auch Yannik Lückel, der den Vorstand des VfL Bad Berleburg bzw. Berleburg/Edertal in der Versammlung vertrat, fand klare Worte: „Es fehlen einem die Worte, dass es sich so hochschaukeln kann, wir reden hier über ein Jugendspiel auf Kreisebene. Alle Beteiligten müssen sich hinterfragen, es hat sich keine Seite mit Ruhm bekleckert.“ Über das verhandelte Spiel hinaus schrieb Lückel den Jugendspielern ins Stammbuch, an ihrer Konfliktbewältigung zu arbeiten. „Das hat sich ja nach dem Spiel weiterentwickelt in privaten Nachrichten, wo es hieß, dass man sich ja auch mal so treffen könne. So kann man doch im Leben keine Schwierigkeiten lösen.“

„Verlängerung“ in Beddelhausen

Damit spielte er auch auf das „Nachspiel“ vier Tage später an. Am vergangenen Mittwoch spielte Dautenbach in Beddelhausen bei der JSG Ebenau/Diedenshausen, verlor dabei mit 2:5. Ins Publikum mischten sich unter anderem einige Spieler der JSG Berleburg/Edertal, die nicht nur über die überraschenden fünf Tore von Ebenau/Diedenshausen jubelten, sondern auch über vergebene Chancen von Dautenbach. Hinzu kamen aus den Reihen des Publikums provokante, teils auch beleidigende Rufe.

Auch hier kam es nach dem Spiel zu Aufruhr, weil ein Dautenbacher Spieler einem Spieler von Ebenau/Diedenshausen beim Gang in die Kabine einen Ball an den Hinterkopf schoss. Folge war ein Gerangel, in dem dann auch Spieler von Berleburg/Edertal mitmischten. Ebenau-Trainer Christopher Heiner alarmierte die Polizei, die mit drei Streifenwagen anrückte – doch da waren die Dautenbacher schon ungeduscht in ihrem Bus in Richtung Siegerland verschwunden. Die Spruchkammer befasste sich mit dieser Rangelei nicht, da sie außerhalb des eigentlichen Sportgeschehens stattfand. Stattdessen könnte es ein Nachspiel vor einem Zivilgericht geben, denn die Polizei nahm eine Anzeige wegen Körperverletzung auf.

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