25. Todestag

Ayrton Sennas Unfall hat die Formel 1 entscheidend verändert

Der brasilianische Formel-1-Pilot Ayrton Senna verunglückte im Mai 1994 beim Großen Preis von San Marino in Imola tödlich.

Der brasilianische Formel-1-Pilot Ayrton Senna verunglückte im Mai 1994 beim Großen Preis von San Marino in Imola tödlich.

Foto: dpa

Essen  Am 1. Mai 1994 starb Formel-1-Fahrer Ayrton Senna. Vor 25 Jahren änderte sich alles - von der Sicherheit bis zur Heldenverehrung.

Es ist nicht die Angst, die Rennfahrer begleitet, es ist der Glaube. Der Glaube an die eigene Unverwundbarkeit, der seit Jahrtausenden die Gladiatoren jedweder Couleur unerschrocken ihr Tun ausüben lässt. Bei Ayrton Senna da Silva, der vor 25 Jahren beim Großen Preis von San Marino ums Leben kam, war das nicht anders. „Wir hielten ihn für unzerstörbar“, erinnert sich sein Freund Gerhard Berger. Das, was damals mit der Formel 1 passiert ist, beschreibt der Österreicher am treffendsten von allen: „Es war, als ob die Sonne auf die Erde gefallen ist. "

Der 1. Mai 1994 war der schwarze Sonntag der Formel 1, er hat die Königsklasse nachhaltig verändert. Am Tag zuvor war der Österreicher Roland Ratzenberger im Autodromo von Imola tödlich verunglückt. Das hatte viele geschockt, einige nachdenklich gemacht. Der Grand-Prix-Sport war damals durch eine Vielzahl elektronischer Fahrhilfen und der Fixierung auf den Leichtbau in einem generell gefährlichen Zustand – alles wurde der Technik und dem Tempo untergeordnet. Bei der Sicherheit der Fahrer gab es zunehmend Bedenken, aber diese Frage genoss nur den Bruchteil der Aufmerksamkeit. War es nicht immer ein Sport gewesen, der an der Grenze von Leben und Tod operierte? War es nicht immer gut gegangen? War es natürlich nicht, aber der Verdrängungsmechanismus in dieser Disziplin funktioniert perfekter als alles andere. Das fatale am Limit ist nämlich, dass man erst weiß, wo dieses genau liegt, wenn man es überschritten hat.

Genau das ist an jenem Nachmittag in der Tamburello-Kurve geschehen. Weder die Strecke noch der Williams-Rennwagen des 34 Jahre alten Brasilianers waren für einen Aufprall jenseits der 300 km/h entsprechend gesichert. Die genaue Unfallursache ist trotz einer Anklage der italienischen Staatsanwaltschaft gegen den Konstrukteur Adrian Newey, heute technischer Vater der Red-Bull-Rennwagen, nie geklärt worden. Die Lenksäule am Auto des dreimaligen Weltmeisters war gebrochen, aber ob es Ursache oder Folge des Dramas gewesen ist? In jedem Fall war der Bolide unkontrollierbar geworden und in spitzem Winkel in eine Betonmauer eingeschlagen.

"Als hätten wir ein Gemälde von Michelangelo gestohlen"

Dass Entsetzen über die Ereignisse in der siebten Runde war weltweit enorm. Sebastian Vettel, der vierfache Weltmeister in Diensten von Ferrari, erinnert sich wie so viele noch genau an jenen Sonntagnachmittag vor dem Fernseher, er war sechs Jahre alt: „Ich erinnere mich an den Moment. Aber ich wusste damals nicht, was es bedeutet. Ich wusste nicht sofort, dass er tot war. Aber mein Vater war ein großer Senna-Fan und er war sehr geschockt." Heute reflektiert er: „Auf der ganzen Welt sind die Fans zu dieser Zeit verstummt. Es ist ein großer Verlust für die Formel 1."

Formel-1-Chefarzt Sid Watkins, der so vielen Rennfahrern nach schweren Unfällen das Leben retten konnte, eilte zu der Stelle, konnte aber nichts mehr tun: „Wir haben ihn aus dem Wagen gehoben, und als wir ihn auf den Asphalt legten, seufzte er. Ich bin absolut ungläubig, doch in diesem Moment hatte ich das Gefühl, als hätte ihn seine Seele verlassen.“ Am Abend zuvor hatte er seinem Freund geraten, doch lieber Angeln zu gehen, aber Senna antwortete: „Ich kann nicht aufhören, ich muss weitermachen." Ein ewig Getriebener, dessen Besessenheit selbst über Angst und Vernunft siegte. Die tödlichen Kopfverletzungen kamen wohl von einem Aufhängungsteil, das sich durch den Helm gebohrt hatte. Offiziell wurde der Tod erst im Spital festgestellt, die Show musste weitergehen.

„Was den Unfall verursachte, lässt mich bis zum heutigen Tag nicht los", sagt Konstrukteur Adrian Newey, „die wenigen Haare, die ich noch hatte, fielen mir aus." Der erfolgreichste Rennwagendesigner der Formel 1, der heute für Red Bull Racing arbeitet, spürte trotz der abgewiesenen Anklage der italienischen Staatsanwaltschaft die Ressentiments der Motorsportgemeinde: „Viele gaben uns die Schuld dafür. Als hätten wir der Welt ein Gemälde von Michelangelo gestohlen."

Mehr Sicherheit bekam Priorität

Nach der ersten Schockstarre blieb vieles nicht mehr so sorglos, wie es war. Vermarkter Bernie Ecclestone fürchtete nach dem Schicksalsschlag um das Image der Formel 1, sein Freund Max Mosley machte als Präsident des Automobilweltverbandes FIA das Bemühen um mehr Sicherheit zu seiner Priorität. Das Ergebnis: zwei Jahrzehnte lang kam kein Pilot mehr auf einer Formel-1-Piste ums Leben. Rigoros waren die Rennställe und die Rennveranstalter von Jahr zu Jahr zu immer größeren Sicherheitsauflagen gezwungen worden. Mosley, Watkins und Michael Schumacher als Vertreter der Fahrergewerkschaft GPDA setzten auf die Vorbeugung. Zugleich wurde die Unfallforschung auf ein wissenschaftliches Niveau gehoben, mit einem Grundstock von 60 Millionen Euro für die Sicherheitsstiftung.

Beim allerersten der bislang 1000 Formel-1-Rennen hatten viele Fahrer nicht einmal einen Helm getragen, sollten Strohballen die Zuschauer am Streckenrand sichern. Die entscheidende Maßnahme Ende Anfang des neuen Jahrtausends war die Entwicklung eines Kopf- und Nackenschutzsystems namens HANS, das maßgeblich vom Mercedes-Konzern gefördert wurde. Heute ist dieses mit dem Helm verbundene Schutzgeschirr Pflicht bis hinunter in die Nachwuchsklassen. Der tragische Tod Sennas hat das Bewusstsein nachhaltig verändert. Ihm haben viele Fahrer ihr Leben zu verdanken, weil ein solcher Sinneswandel sonst so schnell und konsequent nicht möglich gewesen wäre.

Alles im Wissen, dass es die absolute Sicherheit nie geben wird. Die natürliche Grenze bleibt die Belastbarkeit des Menschen. Das weiter verbesserte Material wird immer stärkeren Fliehkräften widerstehen können, der Körper aber wird diese dann nicht mehr aushalten, selbst wenn der Rennwagen heil bleiben sollte. Es wäre deshalb fatal, wenn die Formel-1-Piloten allein auf die Unzerstörbarkeit vertrauen würden. Ein Irrglaube, der tödlich sein kann. Auch daran erinnert das tragische Vermächtnis des Ayrton Senna. Von ihm bleibt mehr als nur der Mythos.

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