Kolumne

Kolumne: Die Kehrseite des Exklusiv-Klubs Profisport

Foto: Montage/Eling

Essen.  Im globalen Sport wird jede Regung, jedes Wort, jeder Satz interpretiert. Es ist die Kehrseite des Profisports. Hier ist unsere Kolumne.

Ich musste ihm Recht geben. Nahezu jedes Ereignis wird in der Sportwelt zu einem Symbol, jede Regung, jedes Wort, jeder Satz, alles wird interpretiert und gedeutet. Fakten liefern allein die Ergebnisse, der Rest: märchenhafte Erzählungen vom Auf- und Abstieg einzelner Sportler oder ganzer Mannschaften. Vom Scheitern und Gewinnen.

Nick Heidfeld hatte sich das Hotel nicht ausgesucht. Aber es war ein teures. Die Uhren ticken anders in Etablissements, in denen man für ein Ei mit Béchamelsauce fast 20 Euro zahlt. In manchen Ecken des Ruhrgebiets kann man sich glücklich schätzen, wenn der Tisch abgewischt wird. Hier in Zürich, in diesem Hotel am See, wird für das Frühstück ein weißes, gemangeltes Tuch ausgebreitet. „Wünschen Sie sonst noch etwas?“, fragt der Kellner, leicht nach vorne gebeugt.

Heidfeld kennt Hotels wie diese. Er ist ein ehemaliger Rennfahrer, der sich von berufs wegen schon in anderen Kreisen bewegt – oder bewegen muss. Heidfeld kennt auch Situationen wie diese. Er musste unzählige Interviews geben, muss es heute noch. Als Rennfahrer in der Formel 1, in einem globalen Sport, hat er erlebt, wie es sein kann, wenn jede Regung, jedes Wort, jeder Satz interpretiert werden. In einer Saison etwa, erzählt er, habe er eine Sonnenbrille getragen, und es lief sehr gut. Die allgemeine Deutung: Er war der coole Typ, der alles im Griff hatte. Doch dann lief es nicht mehr, Heidfeld trug immer noch die Sonnenbrille, und es wurde diskutiert, wovor er sich eigentlich verstecken wolle. „Ich hab doch nur eine Sonnenbrille getragen“, sagt er.

Es ist die Kehrseite des Profisports. Man kann sich als Fußballer eines großen Vereins eben keinen Starfriseur ins Mannschaftshotel bestellen und erwarten, dass es im Falle einer schwachen Leistung nicht negativ ausgelegt wird. Man kann nicht mal als Funktionär im weniger millionenschweren Sport Handball einem Spleen frönen und auf Pressekonferenzen bunte Designer-Pullover tragen. Früher oder später wird es zu einem Symbol.

Man kann nicht mal als ehemaliger Rennfahrer ein Interview in einem Hotel geben, das man nicht ausgewählt hat: Die Symbole, die Hinweise auf versteckte Charakteristiken geben können, sind überall. Kommt er mit einem Sportwagen, weil er immer noch schnelle Autos liebt? Oder nimmt er einen praktischen Roller? (Nimmt er) Und wie spricht er mit den Angestellten? Was bestellt er? Keine Sekunde vergeht ohne Beobachtungen.

Heidfeld wird sich seinen Teil gedacht haben, warum der Journalist vor ihm so viel auf seinen Block kritzelt, vielleicht auch, warum er so eine Sauklaue hat. Und warum sitzen wir eigentlich hier und nicht draußen am Züricher See, wo die Sonne scheint?

Es ist egal. Denn Heidfeld ist der, der mit 350 Sachen auf der Strecke gerast ist, der auf dem ganzen Erdball Rennen fuhr mit Michael Schumacher und Lewis Hamilton. Er ist und war Sportprofi, Teil eines äußerst exklusiven Klubs. Er, sein Tun und Lassen, werden immer interessant bleiben. Damit muss er leben.

Immerhin: Gerade kann Nick Heidfeld den Spieß umdrehen. In dieser Saison arbeitet er für Sky als Experte und kann selbst deuten, warum Sebastian Vettel eine Sonnenbrille trägt. Ja, warum eigentlich?

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben