Nachruf

Niki Lauda: Ein Leben immer an der Grenze

Niki Lauda.

Niki Lauda.

Essen.  Weltmeister, Teamchef, TV-Experte: Das Gesicht der Formel 1 ist mit 70 Jahren gestorben. Erinnerungen an einen Mann am Limit.

Es ist 22 Jahre her, als sich Niki Lauda, der Stargast der Essener Motor Show, mit dem früheren Sportchef Hans-Josef Justen zu einem Interview verabredet hatte. Weil ihn die Geschäfte kurzfristig nach Wien zurückriefen und er deshalb zum eigenen Flieger nach Düsseldorf eilen musste, fragte Lauda den Reporter, ob dieser ein Auto habe. Hatte er. Der Toyota stand vor der Grugahalle. Und so chauffierte der Formel-1-Weltmeister den Journalisten in dessen Auto nach Düsseldorf. Der Fotograf kam auf den Rücksitz, Lauda lenkte und erzählte, Justen schrieb auf dem Beifahrersitz jedes Wort mit. Vor dem Flughafen hatte Lauda nur eine Bedingung: „Wenn auf den Fotos zu sehen ist, dass ich Toyota fahre, gibt es Ärger.“ Der Österreicher stand noch bei Ferrari unter Vertrag.

„Ich werde fürs Fahren und nicht fürs Parken bezahlt.“

Die Anekdote sagt viel aus über Niki Lauda, der am Montag in der Züricher Universitätsklinik mit 70 Jahren im Kreis seiner Familie gestorben ist. Der Österreicher war in vielerlei Hinsicht das Gesicht der Formel 1. Lauda suchte auf und neben der Rennstrecke immer schnelle und pragmatische Lösungen. Als Pilot in 175 Formel-1-Rennen, als Teamchef und Funktionär, als TV-Experte bei RTL, als Luftfahrtunternehmer oder als Chauffeur eines Reporters.

„So sieht man eben aus, wenn man 50 Sekunden im Feuer sitzt.“

Am 1. August 1976 entkam Andreas Nikolaus Lauda beim Formel-1-Rennen auf dem Nürburgring dem Flammentod – und saß 42 Tage später beim Großen Preis von Italien wieder am Steuer seines Ferraris. Der schreckliche Unfall hat zwar seine Spuren im Gesicht und in seinen Organen hinterlassen, doch Lauda hat sich dadurch nicht unterkriegen lassen. Sein Leben kannte keinen Stillstand. Immer in Bewegung. Immer am Limit.

„Ich komme wieder zurück und es geht volle Pulle bergauf.“

Letztlich ist der Formel-1-Weltmeister von 1975, 1977 und 1984 an den Spätfolgen seines Unfalls gestorben. Erst musste er sich im April 1997 und im Juni 2005 Nierentransplantationen unterziehen, dann musste im Juli 2018 seine Lunge ersetzt werden. Von diesem Eingriff erholte sich der geborene Wiener nicht mehr richtig, auch wenn er anlässlich seines 70. Geburtstags im Februar in einer Audiobotschaft noch mit den obenstehenden Worten Millionen Motorsport-Fans einen Beweis seines ungebrochenen Optimismus schickte. In Lauda verliert die Formel 1 ihre größte Persönlichkeit. Den Mann mit dem Kapperl kennt man auf der ganzen Welt. „Niki wird immer eine der größten Legenden unseres Sports bleiben. Er verkörperte Heldentum, Menschlichkeit und Aufrichtigkeit auf und abseits der Strecke“, sagte Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff. Für Mercedes war Lauda so etwas wie der Leitstern: Als Teamaufsichtsrat und Anteilseigener hatte er wesentlichen Anteil an der aktuellen Dominanz der Silberpfeile.

„Wir mussten uns damit auseinandersetzen, dass wir vielleicht morgen nicht mehr da sind. Wir lebten schneller, intensiver.“

Die Formel 1 trägt Trauer. Und so werden sich alle – von Weltmeister Lewis Hamilton bis zum Mechaniker bei Toro Rosso – beim nächsten Grand Prix am Wochenende in Monaco an Lauda erinnern. Jeder kennt ihn, jeder vermisst ihn. Der Österreicher ist und bleibt einer der besten Rennfahrer der Geschichte, er holte als Ferrari-Berater zur Saison 1996 Michael Schumacher zur Scuderia, er war seit September 2012 bei Mercedes und analysierte 22 Jahre lang für RTL als Experte die Formel 1. Die Verfilmung seines Duells 1976 auf den Rennpisten mit James Hunt unter dem Titel „Rush“ mit Daniel Brühl als Niki Lauda haben seit 2013 Millionen im Kino und Fernsehen geschaut.

Niki Laudas Gesicht ist aber auch ein Mahnmal. Lauda saß bei seinem Horrorunfall 1976 rund 50 Sekunden im Feuer, mitten in 200 Litern Benzin, bei Temperaturen von 800 Grad Celsius. Ein Priester gab ihm die letzte Ölung. Es war ein Wunder, dass er überlebte und kurz danach wieder fuhr. Es war eine andere Zeit in der Formel 1. Die Strecken waren so unsicher, dass Jahr für Jahr Rennfahrer tödlich verunglückten. Von Jochen Rindt 1970 bis Ronnie Peterson 1978 waren es in den 1970er-Jahren 14 Tote.

„Das Leben ist wichtiger als der WM-Titel. Ich möchte mich doch nicht umbringen, jedenfalls kein zweites Mal.“

So sehr er auch das Risiko liebte, seinen Kopf schaltete Lauda nie aus. Er stieg nach seinem Crash 1976 zwar 42 Tage später wieder in den Rennwagen und wurde auf der supergefährlichen Hochgeschwindigkeitsstrecke in Monza Vierter, doch als es im letzten Saisonrennen in Japan wie aus Eimern schüttete, stieg er aus, so dass sein Konkurrent Hunt Weltmeister wurde.

Neben dem Motorsport galt Laudas Leidenschaft der Fliegerei. Und so wie er für Millionen Euro den Schriftzug auf seiner Kappe verkaufte, verdiente er auch als Luftfahrtunternehmer viel Geld. Schon sechs Jahre vor Beendigung seiner Formel-1-Karriere im Jahr 1985 gründete der Spross einer Industriellenfamilie seine Fluglinie Lauda Air. Im März 2018 machte Lauda, der vier Kinder aus zwei Ehen hinterlässt, Schlagzeilen, als er Anteile an seiner Linie „Niki“ an Ryanair verkaufte.

„Ich habe es satt, blöd im Kreis herumzufahren.“

Laudas Tod löste nicht nur in der Motorsportszene große Trauer aus. In Österreich rückte sogar die Video-Staatsaffäre kurz in den Hintergrund. „Das ganze Land und die Motorsportwelt trauern um einen ganz großen Österreicher. Er hat sich wie kein anderer mehrmals ins Leben zurückgekämpft“, sagte Kanzler Sebastian Kurz. Jetzt hat Andreas Nikolaus Lauda seinen letzten Kampf doch verloren. Nicht nur für Österreich gilt: Servus Niki!

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