Nachruf

Trauer um Niki Lauda – Kämpfer, Champion und immer am Limit

Niki Lauda 1977 in Hockenheim. Der dreimalige Formel-1-Weltmeister starb am Montag im Alter von 70 Jahren im Kreis seiner Familie.

Niki Lauda 1977 in Hockenheim. Der dreimalige Formel-1-Weltmeister starb am Montag im Alter von 70 Jahren im Kreis seiner Familie.

Foto: dpa

Wien/Essen  Formel-1-Legende Niki Lauda ist am Montag im Alter von 70 Jahren gestorben. Die Sportwelt verliert eine große Persönlichkeit. Ein Nachruf.

Die Verbrennungen seiner Kopfhaut hat Niki Lauda unter einer Mütze verbergen können, wie sehr jener Feuerunfall im August 1976 auf dem Nürburgring seine Seele verletzt hat, weiß keiner. Denn tiefe Freundschaften hat der Österreicher, der dreimal Formel-1-Weltmeister war, nach eigenem Bekunden nie gepflegt. Immerhin, gelegentlich hat er seine Ehefrauen Marlene und Birgit als seine besten Freunde bezeichnet.

Einsam um ihn herum war es trotzdem nie, auch nach dem Ende seiner aktiven Karriere blieb er ein Mann des öffentlichen Interesses. Seine beiden Hobbies, die Fliegerei und den Motorsport, machte er zum Beruf. Sogar das berühmte Kapperl hat er dabei meistbietend an einen Sponsor versteigert.

Vergangenen August war Lauda eine Lunge transplantiert worden. Der eiserne Kämpfer hatte zuletzt verbissen um seine Gesundheit gerungen. Am Montag ist die Formel-1-Legende im Alter von 70 Jahren gestorben. Friedlich sei er im Kreise seiner Familie eingeschlafen, teilte eine Sprecherin der Fluggesellschaft Laudamotion mit.

Champion, Geschäftsmann, Kommentator

Es ist ein langer, kurvenreicher Lebensweg vom Teenager, der sich ein VW Cabriolet Baujahr 1949 kauft und damit gegen den Willen des Vaters Rennfahrer spielt, bis zum Formel-1-Champion, dem seriösen Geschäftsmann und dem Mercedes-Teamaufsichtsrat Lauda.

Das Blödeln, das immer häufiger unter einer Schicht Zynismus liegt, kam ehesten noch im Teilzeitjob als RTL-Kommentator zum Tragen. Aber es hat nie abgelenkt von den rennfahrerischen Verdiensten, die der Mann mit der Mütze hat. Er hat sauber alle Nachwuchsrennserien abgespult, ehe 1971 dann nur noch jene Formel mit der Zahl Eins dahinter übrig bleibt.

Es ist der Große Preis von Österreich 1971, aber sein March-Ford fällt aus. Wie gut, dass er die Erste Österreichische Sparkasse zu Wien als Sponsor gewonnen hat, mit dem Kredit sichert er sich das Cockpit. Aber es braucht eine längere Anlaufzeit. Den Sprung an die Spitze schafft er aus eigener Kraft, als er 1973 in Monte Carlo den Ferrari von Jacky Ickx mit einem BRM auf Distanz halten kann – Enzo Ferrari will daraufhin den jungen Mann im roten Cockpit haben.

Schicksalshafter Feuerunfall

Zehn Jahre lang sind die Italiener erfolglos in der Königsklasse, mit Laudas Ankunft aber kehrt der Erfolg zurück – der 312 B 3 ist ein Rennwagen mit Perspektive. Nur nicht zuverlässig genug, dass es gleich 1974 mit dem Titel klappt, dafür aber mit Laudas erstem von 25 Grand-Prix-Siegen. Legendär wird das neue Modell 312 T, mit dem der Pilot fünf Rennen und am Ende auch den Titel gewinnt – es ist der einzige Formel-1-Rennwagen, der auf der Nordschleife des Nürburgings eine Runde unter sieben Minuten drehen kann.

Ein Jahr später kommt es in der Eifel dann zum schicksalhaften Feuerunfall, dessen genaue Ursache nie geklärt wird, irgendetwas war hinten an seinem Ferrari gebrochen. Lauda trägt schwerste Verbrennungen davon, er erfährt bei vollem Bewusstsein die letzte Ölung.

Dank seinem unbändigen Willen sitzt Lauda 42 Tage später wieder im Rennwagen, wird Vierter auf der gefährlichen Hochgeschwindigkeitspiste von Monza und verpasst den Titel am Ende nur um einen Punkt. Als eine der Unfallfolgen ist sein Sehvermögen auf einem Auge noch stark eingeschränkt und er muss beim Regenfinale in Fuji aufgeben: „Mein Leben ist mir wichtiger als eine Weltmeisterschaft“, sagt der frisch Geläuterte.

Später wird das epische Duell mit James Hunt erfolgreich verfilmt. Alles scheint auf ein Happyend hinauszulaufen, auch im richtigen Leben. Lauda wird erfolgreicher Geschäftsmann, kann mehrfach den Kampf für eine eigene Fluggesellschaft gegen die Branchenriesen gewinnen, beweist nach einem Absturz einer Chartermaschine, dass nicht seine Piloten, sondern der Hersteller Schuld war, findet immer wieder neue Airline-Modelle und fliegt bis zum Schluss selbst. Doch dem Schicksal kann er nicht davonfliegen. Die inneren Verletzungen von 1976 holen ihn immer wieder ein, er lebt mit zwei gespendeten Nieren, auch die Lunge ist damals verätzt worden.

Ein Leben am Limit

Ein Blackout hat lange verhindert, dass sich Niki Lauda überhaupt an die Geschehnisse seines Unfalls erinnert hat. Und selbst die Filmaufzeichnungen hat er betrachtet, als ob der Horror-Crash jemand anderem widerfahren wäre. Die Angst danach, der Überlebenskampf hatten ihn allerdings sehr wohl jahrelang beschäftigt.

Einmal, nach dem Zug an einer Haschzigarette, hatte er einen Flashback: „Ich beugte mich im Badezimmer übers Waschbecken, und als ich in den Abfluss schaue, kamen alle Gedanken zurück. Ich sah mich selbst leblos in ein tiefes Loch fallen und dachte: Jetzt stirbst du.“ In Wirklichkeit aber lebte er. Immer am Limit, außer in Gelddingen. Sein Geiz war legendär, nur wenn er Gäste in seinem Wiener Lieblingscafé „Imperial“ empfing, ließ er es sich nicht nehmen, die Zeche zu bezahlen. Landsmann Toto Wolff, mit dem zusammen er aus den Silberpfeilen echte Siegerpfeile machte, zog ihn ständig mit der Sparsamkeit auf. Und was tat Lauda? Er schrieb ein Buch über Geld…

Was andere über ihn denken, ist Niki Lauda schon immer egal gewesen – und dass er, als er 1973 in Zandvoort am Wrack des sterbenden Roger Williamson vorbeigefahren ist, später kommentiert „Ich werde fürs Fahren bezahlt, nicht fürs Parken“, gehört zu der Mischung aus Wiener Schmäh und absoluter Ich-Bezogenheit, die diesen Charakter aus Karbon ausgemacht hat.

Hart auch immer gegen sich selbst. Sein Spitzname „the rat“ (die Ratte) allerdings damit nichts zu tun – der ist lediglich den vorstehenden Schneidezähnen geschuldet. Übel genommen hat Niki Lauda diesen Vergleich niemand. Sentimentalitäten waren wirklich nie sein Ding.

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