Olympia

Bochumer Anwalt: „Das IOC erzeugt eine Scheinwelt“

Anwalt Christof Wieschemann aus Bochum

Anwalt Christof Wieschemann aus Bochum

Essen.  Rechtsanwalt Christof Wieschemann aus Bochum vertritt den russischen Skilangläufer Alexander Legkow. Ein Interview.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Die Nachricht überraschte am Ende nicht mehr wirklich: Das Internationale Olympische Komitee (IOC) beendete – drei Tage nach den Winterspielen – seine Sanktionen gegen Russland und dessen Staatsdoping. Damit ist das russische NOK offiziell zurück in der Olympia-Familie.

Für den Bochumer Rechtsexperten Christof Wieschemann ist dies eine überfällige Entscheidung. Der Anwalt vertritt den russischen Skilangläufer Alexander Legkow und hat einen 34-seitigen Brief an die Medaillengewinner in Pyeongchang geschrieben. Im Interview spricht er über seine Beweggründe und seine Kritik am IOC.

Sie sagen, die Ergebnisse der Olympischen Spiele seien irregulär. Warum?

Christof Wieschemann: Weil die russischen Athleten nicht dabei waren. Es geht nicht darum, dass ich es den internationalen Athleten nicht gönne, aber natürlich schmeckt ein Sieg besser, wenn man gegen die Besten angetreten ist. Und das war in Pyeongchang nicht der Fall.

168 russische Athleten waren ja dabei. Hätten es mehr sein müssen?

Wieschemann: Ja. Es gibt auf der einen Seite 28 die tatsächlich frei gesprochen wurden, aber darüber hinaus sind eine ganze Reihe Athleten betroffen, bei denen wir bis heute nicht wissen, warum sie ausgeschlossen wurden. Ich habe immer wieder ausdrücklich beantragt, man möge die Daten offen legen. Das hat das IOC verweigert.

Haben Sie dafür eine Erklärung?

Wieschemann: Nein. Ich kann nur sagen, dass das gesamte Verfahren unglaublich ignorant war. Ich bin selber Richter am deutschen Sportschiedsrichter, ich weiß, wie Verfahren laufen und wie man ermittelt. Ich habe bestimmte Anforderungen an das Verfahren. Zum Beispiel habe ich beantragt, die Blutproben sollten nachgeprüft werden, und darauf hat das IOC nicht reagiert. Erst kurz vor der Anhörung hat es mitgeteilt, dass nur die Urinproben geprüft würden. Ich war stocksauer, als ich erfahren habe, dass auch die WADA genau das im Herbst 2016 beantragt hatte. Wenn damals die Blutprobe von meinem Mandanten Alexander Legkow geprüft worden wäre, wäre er in Südkorea dabei gewesen.

Sie kritisieren mehrmals den Kronzeugen Grigori Rodtschenkow. Hat er gelogen?

Wieschemann: Eindeutig. Er behauptet beispielsweise immer wieder, dass die Urinproben zwischen null und vier Uhr nachts ausgetauscht worden wären. Wir wissen aber mittlerweile, dass zumindest die Hälfte der Proben tagsüber im Labor eintrafen und sofort analysiert wurden. Und in seinem Tagebuch steht, dass er bis auf eine Ausnahme immer vor Mitternacht zu Bett gegangen ist. Später hat er selbst zugegeben, die Einträge gefälscht zu haben. Wie soll man da wissen, was stimmt?

Sie schrieben auch, auch ein Junioren-Weltmeister sei unschuldig bestraft worden.

Wieschemann: Das war Evgeniy Belov. Keiner seiner Flaschen zeigte irgendeine Markierung oder Veränderung, seine Werte waren unauffällig. Trotzdem ist er verurteilt worden, weil sein Name auf der „duchess list“ stand.

Bei den Olympischen Spielen wurden zwei russische Athleten positiv getestet. Wie bewerten Sie das?

Wieschemann: Wenn ein Athlet gedopt hat, gehört er gesperrt. Ich habe dafür kein Verständnis, und dass es ausgerechnet die Russen bei diesen Spielen waren, dafür habe ich überhaupt kein Verständnis. Sie wussten ja, dass alles auf dem Spiel steht. Dafür gibt es keine Erklärung.

Sie üben scharfe Kritik am IOC und werfen dem Komitee einen Interessenkonflikt vor. Was fordern Sie?

Wieschemann: Mit „Athleten Deutschland“ hat sich gerade eine Interessenvereinigung gegründet. Das ist eigentlich gut, nur das Problem ist: Der organisatorische Rahmen ist vom IOC, dem DOSB etc. vorgegeben. Was wir aber unbedingt brauchen, ist eine völlig unabhängige Athleten-Organisation, einen weltweiten Staatenverband nur von Athleten, der auf Augenhöhe mit allen anderen Verbänden über die Bedingungen verhandelt. Dann brauchen wir eine unabhängige Kontrollinstanz und daneben eine unabhängige Sanktionsinstanz – wie das Deutsche Sportschiedsgericht.

Ist der internationale Sportgerichtshof CAS für Sie eine unabhängige Instanz?

Wieschemann: Organisatorisch nein. Die Richter hatten Charakter und waren in ihrer Meinungsbildung unabhängig, die Organisation als solches ist es aber nicht. Das sieht man an John Coates, der Vizepräsident des IOC und Präsident des CAS ist.

Werden aus ihrer Sicht die Russen vorverurteilt?

Wieschemann: Ja. Es ist wie in einer Echokammer: Das IOC und die WADA beanspruchen Meinungshoheit. Wenn sie ein Jahr erzählen, dass sie ermitteln und wasserdichte Beweise haben, glaubt auch irgendwann die Öffentlichkeit daran. Nur, wenn man den Vorhang zur Seite zieht und sieht, da ist nichts, dann ist die Öffentlichkeit betrogen. Das IOC und die WADA haben eine Scheinwelt erzeugt.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben