Sportpolitik

Moskau 1980: Sport als Spielball der Systeme

Vollbesetzte Ränge, Lücken auf dem Platz: Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele im Boykottjahr 1980.

Vollbesetzte Ränge, Lücken auf dem Platz: Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele im Boykottjahr 1980.

Foto: dpa Picture-Alliance

Essen.  Die USA und die Sowjetunion trugen ihren Kalten Krieg auch bei Olympia aus. Im Mai 1980 stimmte das bundesdeutsche NOK für den Boykott der Spiele in Moskau

Heiner Brand, Guido Kratschmer und Karl-Heinz Riehm haben eine große Gemeinsamkeit, obwohl der eine Handball-Spieler, der nächste Zehnkämpfer und der Dritte im Bunde Hammerwerfer war: Allen dreien verwehrte die Politik den möglichen Olympiasieg.

Unfreiwillig im Zentrum des Weltgeschehens

Die drei, und eine Menge anderer Sportler, hatten bei einem Kapitel bundesrepublikanischer Zeitgeschichte unfreiwillig einen Platz in der ersten Reihe. Ziemlich genau vor 40 Jahren, am 15. Mai 1980, entschied das bundesdeutsche Nationale Olympische Komitee bei einer Abstimmung in Düsseldorf, die Olympischen Spiele in Moskau zu boykottieren.

Die Delegierten des olympischen Sports waren sich dabei erstens längst nicht einig und zweitens auch nur Getriebene, Komparsen am Rande der Bühne eines globalen Schauspiels. Aus der Sicht des Historikers waren die Schritte, die zum Olympiaboykott führten, wohl eher Resultat einer grandiosen Inszenierung, für den Zeitgenossen der 80er-Jahre wurden sie greifbares Erleben eines bedrohlichen Konflikts.

Heiße Phase im Kalten Krieg

Was war geschehen? Die beiden Supermächte jener Jahre, die USA und die Sowjetunion, hatten in den 70er-Jahren den Weg Richtung Verständigung und Annäherung verlassen und trieben den Kalten Krieg zumindest rhetorisch in eine neue heiße Phase. Im Konflikt der Systeme, der meist über Stellvertreter ausgefochten wurde, hatten die USA 1979 zwei Niederlagen einstecken müssen. In Nicaragua und im Iran vertrieben Revolutionäre jeweils Washington-freundliche Machthaber. Als dann noch die Sowjets in Afghanistan einmarschierten, um dort einen Moskau-hörigen Mann zu stützen, war für die USA offenbar der Punkt gekommen, eine Linie in den Sand zu ziehen. Im Verborgenen stützten sie die antikommunistischen islamischen Mudschaheddin, öffentlich forderten zunächst der damalige US-Präsident Jimmy Carter und später sein Außenminister Cyrus Vance den Boykott der Olympischen Spiele, wenn sich die Sowjetunion nicht aus Afghanistan zurückziehe. Kurz: Der Sport wurde zur Stellvertreterfront im Stellvertreterkrieg.

Obgleich die USA den Verbündeten nicht den Boykott aufzwangen, „empfahl“, so schrieb der Spiegel im Mai 1980, Bundeskanzler Helmut Schmidt „NOK-Chef Willi Daume in Bonn den Verzicht“. Folgerichtig entschied das bundesdeutsche NOK sich dann knapp mit 59:40 Stimmen für den Boykott.

Das IOC verzichtet auf Sanktionen

Weil es beileibe nicht der erste Sportboykott war – bereits 1956 waren die Niederlande, Spanien und die Schweiz wegen der Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes den Spiele in Melbourne ferngeblieben – hatte das IOC Regeln dafür erlassen, wie mit Boykotteuren umzugehen war, setzte aber angedachte Sanktionen dann doch nicht durch. Für die bundesdeutschen Sportler blieb der Boykott formal folgenlos.

In jenen Frühjahrstagen des Jahres 1980 hatte sich mit freundlicher Hilfe der großen Politik jedenfalls eine merkwürdige, heute kaum vorstellbare Koalition gebildet. Neben den USA und der Bundesrepublik blieb vor allem ein großer islamisch dominierter Block den Spielen fern. 41 Nationen verzichteten aus politischen Gründen auf die Reise nach Moskau. 81 Länder entsandten Sportler, darunter Frankreich, Großbritannien, Italien und selbstverständlich die DDR.

Geplatzte Träume von Gold-Favoriten

Heiner Brand, Guido Kratschmer und Karl-Heinz Riehm kamen jedenfalls – so unwägbar der Sport beim

Wettkampf selbstverständlich immer bleibt – um sicher geglaubte Goldmedaillen: Brand war 1978 mit der Handball-Nationalmannschaft Weltmeister geworden; Hammerwerfer Riehm wäre als Weltrekordler angereist; Zehnkämpfer Kratschmer hatte vier Jahre zuvor in Montreal Silber gewonnen und war in bestechender Form. Seinen Favoritenstatus untermauerte er nach der Boykott-Entscheidung mit mit 8649 Punkten und einem neuen Weltrekord bei einem Wettbewerb in Bernhausen. Vermutlich trieb den Sportler, der aus Trotz zumindest als Tourist zu den Spielen nach Moskau gefahren war, eine gehörige Portion Wut im Bauch zur Höchstleistung. Kratschmers Empörung hielt lange vor. Noch 25 Jahre nach dem Boykottjahr tobte er in einem Fernsehinterview: „Das kann ich bis heute nicht nachvollziehen. Die Politik hat uns benutzt.“

Gnadenstoß für Olympia?

Was blieb vom Olympia-Boykott jenseits der Tatsache, dass die Weltpolitik die Träume bundesdeutscher Athleten niederwalzte? Zeitzeugen befürchteten das Schlimmste. Der Berliner „Tagesspiegel“ etwa erwartete den „Gnadenstoß für Olympia“, und der „Spiegel“ orakelte im Mai 1980, dass „das Ende des IOC und die Spaltung des Weltsports“ vielen im Westen „recht sei“ und „nichts mehr die völlige Kommerzialisierung des olympischen Amateursports“ verhindern könne. Der Gnadenstoß blieb aus, die Kommerzialisierung kam.

Nicht nur für die Athleten hatte der Boykott konkrete Folgen. Sportfunktionär Willi Daume, der sich Hoffnung auf den Chefposten des IOC gemacht hatte, fiel aus dem Rennen. Der Spanier Juan Antonio Samaranch übernahm die Geschicke des Olympischen Weltsports – und war dann maßgeblich daran beteiligt, den Amateurstatus für Olympiateilnehmer abzuschaffen. Ob Daume den Wandel verhindert hätte, ist aber fraglich: Der Westen suchte einen Weg, seine Athleten gegen die „Staatsamateure“ des Ostblocks wettbewerbsfähig zu halten.

Und die große Politik? Die Staatenlenker lehnten sich zurück, zufrieden mit dem Spektakel, das der der Sport der Welt bescherte – und kehrten zurück zur Tagesordnung. Die USA und die Sowjetunion blieben im Gespräch. Helmut Schmidt traf sich mit Leonid Breschnew, wurde Ende Juni 1980 mit militärischen Ehren in Moskau empfangen, vereinbarte Handels- und Wirtschaftsbeziehungen. Alle Beteiligten waren sich wohl bewusst, dass bei allen Differenzen der Krieg besser wirklich nur ein Kalter bliebe.

Natürlich hatte die Sache ein Nachspiel. 1984 kam es erneut zu einem Boykott. Teile des Ostblocks blieben den Spielen in Los Angeles fern. Noch einmal wurden deutsche Athleten um Medaillenchancen gebracht. Diesmal aus dem Osten. Das war dann aber auch das letzte Mal.

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