Tischtennis

Roßkopf/Fetzner: Vor 30 Jahren begann der Tischtennis-Boom

Sie können es noch: Jörg Roßkopf (l.) und Steffen Fetzner in Doppel-Aufstellung.

Sie können es noch: Jörg Roßkopf (l.) und Steffen Fetzner in Doppel-Aufstellung.

Foto: Lukas Schulze

Düsseldorf  Vor 30 Jahren wurden Jörg Roßkopf und Steffen Fetzner Weltmeister. Durch ihren Sieg in Dortmund waren sie plötzlich Stars – ein Doppel-Interview.

Dann ist es plötzlich wie damals. „Ich mache den Aufschlag, Rossi nimmt an“, sagt Steffen „Speedy“ Fetzner und geht für das Foto in Position. In dieser Pose wurden er und Jörg Roßkopf berühmt. 1989 zogen sie erst 10.000 Zuschauer in der Dortmunder Westfalenhalle und bald ein ganzes Land in den Tischtennis-Bann. Am Montag vor 30 Jahren wurden der aktuelle Bundestrainer Roßkopf (49) und Sportmanager Fetzner (50) Doppel-Weltmeister. Gemeinsam am Tisch stehen die früheren Teamkollegen von Borussia Düsseldorf nur zum Spaß. Doch sie wissen noch ganz genau, wie es damals war.

Herr Roßkopf, Herr Fetzner, 30 Jahre liegt Ihr großer Triumph jetzt zurück – was denken Sie, wenn Sie die Bilder von damals aus der Westfalenhalle sehen?

Steffen Fetzner: Das ist immer noch Gänsehaut, pure Freude. Wenn man die Bilder sieht, erinnert man sich sofort wieder daran, wie es damals war. Die Atmosphäre, 10.000 Zuschauer. Und daran denkt man doch gerne. Wenn wir das Finale verloren hätten, wäre das sicher nicht so…

Jörg Roßkopf: Ich habe mir noch nie das ganze Spiel angeguckt. Nur die Ballwechsel ab 20:16 – die kenne ich auswendig. Als erste deutsche Tischtennis-Weltmeister wurden wir ja damals von einer Sendung zur nächsten rumgereicht und überall haben sie uns die Bilder der letzten Ballwechsel gezeigt. Mir reicht das aber auch. Wichtig war, dass wir den Punkt bei 20:19 auch gemacht haben…

Fetzner: Ich habe heute noch Angst, dass du den verhaust! (lacht) Ich dachte mir: Spiel den doch einfach auf den Tisch!

Was war passiert?

Roßkopf: (lacht) Ich habe so einen Ball immer diagonal gespielt, noch nie parallel… Aber dann sehe ich da auf der anderen Seite diese beiden Riesenbabys umfallen, die versuchen, einen von mir gespielten Ball zu umlaufen. Und ich dachte nur: Da sollte der doch gar nicht hin! Aber im Endeffekt war es genau perfekt – auch für die Zuschauer…

Wissen Sie noch, wen Sie nach dem Matchball alles im Arm hatten?

Fetzner: Auf den Bildern habe ich jetzt wieder gesehen, dass da unser Masseur und unser chinesischer Trainer direkt bei uns waren. Aber es waren einfach unglaublich viele Leute, das nimmt man gar nicht so wahr.

Roßkopf: Ich weiß noch, dass ich beim Stand von 20:16 gesehen habe, wie sie hinten angefangen haben, einen roten Turm aufzustellen, damit die Zuschauer nicht in den Innenraum kommen. Ich habe die ganze Zeit die Leute aus dem Augenwinkel gesehen…

Fetzner: Echt? Deshalb hast du bis 20:19 keinen Ball mehr getroffen?! (lacht)

Roßkopf: (lacht ebenfalls) Ja, wahrscheinlich. Und am Ende waren trotzdem hunderte Leute da und kamen auf einen zu. Früher war das noch einfacher, heute wäre das mit den ganzen Sicherheitsbestimmungen gar nicht mehr möglich.

Erinnern Sie sich denn sonst noch an einen Moment im Spiel?

Fetzner: Ich weiß noch, dass ich Probleme hatte, meine Nervosität in den Griff zu bekommen. Dann habe ich in der Mitte des zweiten Satzes zum ersten Mal einen Rückhandschlag getroffen. Das war die Initialzündung. Da dachte ich: Jetzt geht’s.

Roßkopf: Da war mir auch klar: Wenn Speedy jetzt sogar schon `ne Rückhand trifft, dann ist alles möglich...

Als Sie dann Weltmeister waren: Wie wurde gefeiert? Oder liegt das alles unter dem Mantel des Schweigens?

Beide: Nö!

Roßkopf: Das wurde groß gefeiert…

Fetzner: Ja, ausgiebig…

Nun kommen Sie schon: Wie war das?

Roßkopf: Nun ja, wir hatten schon Glück, dass nebenan ein Hotel mit großer Bar war…

Fetzner: Und direkt nach dem Spiel, kurz bevor wir live zum ins Sportstudio nach Mainz zugeschaltet wurden…

… noch vor dem Fußball!

Fetzner: Genau, noch vor dem Fußball – Da hatten wir uns im VIP-Raum auch schon ein Bier gegönnt.

Roßkopf: Ach, hast du?

Fetzner: Ja, ich schon. Aber klar, du hast wahrscheinlich schon wieder gedacht: Nee, komm, ich muss mich noch konzentrieren… (beide lachen)

Das wurde Ihnen ja oft nachgesagt: Dass Sie, Herr Roßkopf eher der ruhige, ehrgeizige waren und Sie Herr Fetzner, der extrovertiertere, der Draufgänger. Stimmt das?

Fetzner: Mein Image sah tatsächlich so aus, dass ich eher der Lebemann war, er der Introvertierte. Aber wenn du so einen Titel gewinnst, dann musst du auch mal die Sau rauslassen. Jörg hatte da schneller wieder im Hinterkopf, dass wir in der Woche noch das Europapokal-Finale mit Borussia Düsseldorf spielen mussten. Aber es war jetzt nicht so, dass ich mein Talent verschleudert habe. Ich habe genauso hart trainiert. Wenn es aber vorbei war, dann brauchte ich direkt ein Ventil, Druck und Stress abzulassen. Wir waren 19 und 20 Jahre alt, das ist schon ein Alter, in dem man erkennt, dass es außer Tischtennis noch was anderes gibt… Im Internat hat man ja auch lange auf Vieles verzichtet.

Den WM-Titel haben Sie dann aber auch zusammen gefeiert, oder?

Roßkopf: Wir waren eine große Mannschaft mit sehr, sehr vielen Leuten: Spielern, Betreuern, Funktionären. Da wurde schon so gefeiert, wie man feiern sollte, wenn man Weltmeister wird. Da geht dann erstmal keiner ins Bett.

Fetzner: Obwohl wir am nächsten Morgen schon wieder um elf Uhr einen Termin mit dem damaligen IOC-Präsidenten hatten…

Roßkopf: Und wir haben uns sicher hundertmal von unserem Düsseldorfer Trainer anhören müssen: Aber unter der Woche seid ihr wieder fit, da spielen wir Europapokal.

Fetzner: Genau, nicht so wild, bitte! (lacht)

Roßkopf: Aber schon da hat jeder gewusst, dass das ein Riesenstartschuss war. Jeder, der an diesem Abend-Nacht-Morgen mitgefeiert hat, wusste, dass wir etwas ganz Besonderes für den Tischtennis-Sport in Deutschland erreicht hatten. Jeder hat daran verdient: Die Bundeliga-Spieler, die Vereine, die Sponsoren, die TV-Anstalten. Wir wussten: Dieser Sieg hat nicht nur unsere sportliche Karriere angeschmissen, sondern allen im Tischtennis geholfen.

Sie waren dann von einem auf den anderen Tag Sport-Stars: Wie war das?

Fetzner: Am Anfang war das schon irre. Als wir montags nach Düsseldorf gefahren sind...

Roßkopf: … Ja, sonntags konntest du auch noch nicht fahren. (lacht)

Fetzner: … Auf jeden Fall: Als wir nach Düsseldorf zurück in unsere Wohnung kamen, stand das Telefon nicht mehr still. Da haben wir als erstes eine Geheimnummer beantragt. Hinzu kamen die Empfänge bei Rossi und bei mir zu Hause. Da fährt man mit der Kutsche durchs Dorf, alle sind da und feiern. Aber dann ist man auch schnell wieder im Alltag, wenn man kurz danach schon wieder das nächste Finale spielt.

Schützt Ihre Sportart Sie dadurch, nicht abzuheben?

Fetzner: Irgendwie schon. Man hatte gar keine Zeit, um abzuheben.

Roßkopf: Wenn wir da mehr Zeit gehabt hätten, hätten wir das sicher mehr genießen können. Natürlich war es cool für uns, dass wir nach dem Finale in Düsseldorf mit einem Privatjet zur TV-Sendung nach Berlin geflogen wurden. Aber uns war es viel wichtiger, dass der uns hinterher auch direkt wieder zurück nach Düsseldorf geflogen hat, damit wir mit den Fans in der Altstadt feiern konnten. Mein Ort hat nie wieder so einen Empfang erlebt. 10.000 Leute waren auf den Straßen. Wir wurden mit dem Cabrio wie ein König durch die Gegend gefahren. Die Zeit haben wir genossen. Aber wir wussten auch: Es geht weiter. Wir wollten überall gewinnen und haben gewusst, wir können es auch schaffen.

Haben Sie gerne Doppel gespielt oder was das nur eine Zweckgemeinschaft?

Roßkopf: Ich habe sehr gerne Doppel gespielt. In der Mannschaft und im Verein war es wichtig. Das wurde auch so vorgelebt. Heute ist das anders: Timo Boll spielt vielleicht einmal im Jahr ein Turnier für die Mannschaft und im Doppel entscheidet er spontan.

Fetzner: Doppel hatte damals eine andere Wertigkeit. Heute sind die Spieler mehr auf sich fokussiert. Jeder denkt nur an sein Einzel, dann kommt die Mannschaft und Doppel ist irgendwo noch weiter unten. Bei uns gab es das nicht, da hat jeder alles gespielt. Was besser ist? Darüber lässt sich streiten.

Roßkopf: Unser großes Plus bei der WM war, dass wir ein eingespieltes Doppel waren. Manche unserer Gegner mussten sich erst im Turnier finden. Dadurch, dass wir zusammen im Verein waren, haben wir jede Woche irgendwo international zusammen Doppel gespielt. Vor allem in der Liga konnten wir auch was einstudieren. Es hilft, wenn man weiß, wie der andere tickt. Das sehe ich auch heute noch bei meinen Spielern so: Wenn ich an Olympia 2020 denke, dann ist es für mich auch wichtig, ein eingespieltes Doppel zu haben – auch wenn der Stellenwert nicht mehr so ist.

Wie war die Rollenverteilung?

Fetzner: Wir haben uns gegenseitig immer hochgezogen. Klar, Rossi war der bessere Einzelspieler, aber ich habe das Optimale aus meinen Möglichkeiten rausgeholt. Schon von der Spielanlage her war es so, dass ich mit weicheren Schlägen vorbereitet habe, und er hat von Härte in seinen Endschlägen beim Vollenden profitiert – wie beim Matchball.

Sie haben nicht nur zusammen in Düsseldorf Doppel gespielt, Sie haben auch dort gewohnt. Wie war das WG-Leben?

Fetzner: Wir haben hier zusammen gewohnt, trainiert, fast 24 Stunden am Tag zusammen verbracht. Auch unser Trainer hat im gleichen Haus, sogar auf der gleichen Etage gelebt wie wir. Das war wie eine Familie. Es hat uns stark gemacht und auch ausgezeichnet. Es war blindes Verständnis. Jeder wusste, wie der andere tickt, nicht nur am Tisch, sondern auch privat.

Die Identifikation mit Stadt und Verein war groß…

Roßkopf: Für den Verein zu leben – das machen heute die wenigsten Spieler. Bei uns war das anders. Da hast du vor Ort gelebt, bist zum Metzger und dann in die Halle gegangen. Heute werden Spieler eingeflogen. Wir sind noch als Verein zusammen in den Urlaub gefahren, das waren Highlights für uns. Man hat sich als Team ganz anders vorbereitet – auch vor einer WM. Das war toll, aber Zeiten ändern sich. Wenn ich als Verein heute entscheiden müsste, würde ich Wert darauf legen, dass die Spieler wissen, was im Verein passiert und dass sie sich auch einbringen.

Erinnern Sie sich noch an besondere Prämien von damals?

Fetzner: Ein Fahrrad. Von Kettler. Die waren damals WM-Sponsor. Ich hab da ein Fahrrad genommen – du bestimmt Gartenmöbel, oder?

Roßkopf: (lacht) Keine Ahnung.

Fetzner: Aber ehrlich jetzt: Das Fahrrad wurde vor kurzem geklaut. Als meine Tochter in Düsseldorf umgezogen ist, habe ich sie gefragt, wo denn mein WM-Fahrrad sei, da sagte sie, das habe jemand aus dem Keller gestohlen. Dabei hatte mein Vater das all die Jahre so schön gepflegt… Und jetzt? Einfach weg.

Roßkopf: Das haben sie bestimmt verscherbelt und dir nur gesagt, dass es geklaut worden sei. (lacht)

Aber die WM-Medaille ist schon noch da?

Fetzner: Ja, die ist … irgendwo. (lacht)

Roßkopf: So ist es bei mir auch.

Fetzner: Ich bin viel umgezogen: Von Düsseldorf nach Berlin, Schweden, Grenzau, Katar – irgendwo im Karton zu Hause bei meinen Eltern ist sie hoffentlich noch.

Und was ist aus WM-Ball und WM-Schläger geworden?

Fetzner: Unsere Schläger sind bei der Ausrüsterfirma von damals.

Roßkopf: Der Ball ist bei mir im Keller.

Fetzner: 20 Jahre nach dem WM-Titel war eine deutsche Meisterschaft in Bielefeld. Da haben wir nochmal einmal zusammen Doppel gespielt.

Roßkopf: Und da hat Hans Wilhelm Gäb mir den WM-Ball in einer Vitrine überreicht.

Fetzner: Angeblich ist das der Ball – ich habe auch einen. (lacht)

Roßkopf: Wenn er sagt, er hat sich den direkt nach dem Spiel gesichert, dann glaube ich ihm das. Der Ball steht jetzt im Keller. Für mich haben Trophäen keinen Stellenwert.

Fetzner: Obwohl: Olympia- oder WM-Medaillen muss ich nochmal gucken. Wenn die weg wären, würde das schon wehtun. Genauso wie mit dem Fahrrad!

Roßkopf: Das beschäftigt dich jetzt schon irgendwie.

Fetzner: Ja, wirklich!

Roßkopf: Als ob du Fahrrad fahren würdest.

Fetzner: Trotzdem… Wer weiß, wofür so etwas gut ist.

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