Europaspiele

SPD-Politikerin Freitag: Europaspiele „völlig überflüssig“

Minsk rüstet sich für die European Games.

Minsk rüstet sich für die European Games.

Essen/Minsk.  Weißrussland-Präsident Lukaschenko wird als „letzter Diktator Europas“ bezeichnet. Trotzdem findet dort ab Freitag die Europaspiele statt.

Frühzeitig erreichte die Fackel des Friedens Minsk. In der weißrussischen Hauptstadt beginnen am Freitag die zweiten Europaspiele. 4000 Athleten werden bei der abgespeckten Olympia-Version zehn Tage lang um Medaillen kämpfen. 350.000 Tickets sollen nach Wunsch des Gastgebers verkauft werden.

Der Ankunft des Friedenssymbols wohnten laut Organisatoren rund 2000 Menschen bei. Dabei leben in Minsk fast zwei Millionen.

Die Friedensfackel ist ein nicht gerade überzeugendes Symbol in einem Land, das als einziges in Europa die Todesstrafe vollstreckt. Das in der Rangliste der Pressefreiheit auf Rang 153 von 180 liegt. Dessen Präsident Alexander Lukaschenko seit 25 Jahren an der Macht ist, hart gegen Demonstranten und Oppositionelle vorgeht und aus seiner Abneigung gegen Homosexuelle keinen Hehl macht.

150 Athleten für Deutschland

Als ihn der 2016 verstorbene Bundesaußenminister Guido Westerwelle als „den letzten Diktator Europas“ bezeichnete, antwortete Lukaschenko: „Als ich das hörte, dachte ich, es ist besser, ein Diktator zu sein als schwul.“ Europa zu Gast bei einem Diktator.

Deutschland entsendet trotzdem 150 Athleten zu den Europaspielen (live auf Sport1). 115 weniger als nach Baku 2015, dafür aber prominente Sportler wie Timo Boll und Dimitrij Ovtcharov. Für die Tischtennis-Asse geht es um die Olympia-Qualifikation für Tokio 2020. Deshalb empfindet Uschi Schmitz, Chef de Mission, die deutsche Teilnahme auch als „alternativlos“. Der Sport stünde im Vordergrund.

SPD-Politikerin Freitag kritisiert Vergabe

Während sich Sportler und zurückhalten, kommt aus der Politik lautstarke Kritik am Ersatzgastgeber für die abgesprungenen Niederlande. „Wir alle wissen aus Erfahrung, dass insbesondere Länder mit zweifelhaftem Zugang zu demokratischen Wertevorstellungen und Errungenschaften solche Veranstaltungen zu prunkvollen Selbstdarstellungen nutzen“, sagt Dagmar Freitag, Sportausschussvorsitzende im Bundestag, dieser Redaktion. „Aber zu spürbaren Veränderungen im Land selbst führen die Veranstaltungen nicht. Die Todesstrafe wird bleiben, die Verfolgung von Homosexuellen auch.“ Sie hält „schon die Einführung dieses Wettbewerbs aus sportlicher Sicht für völlig überflüssig“.

„Auch mit Zustimmung von Hörmann“

Die SPD-Politikerin aus Iserlohn erwartet von der deutschen Delegation hinsichtlich kritischer Auseinandersetzung „wenig bis nichts.“ Der frühere Generalsekretär Michael Vesper habe als Vertreter des DOSB „nicht die Kraft oder auch nicht den Willen“ gehabt, gegen die Vergabe zu stimmen. „Deutschland ,glänzte’ mit Enthaltung, ganz sicher auch mit Zustimmung des damaligen und auch heute noch amtierenden Präsidenten Alfons Hörmann.“ Freitag sagt deutlich: „Wer den Kopf einzieht, wenn es darauf ankommt, verliert das Recht, hinterher zu kritisieren.“

Kritik käme ohnehin zu spät. Minsk hat sich herausgeputzt für das Multisport-Event. Seit Wochen wird in der Stadt für die Europaspiele geworben. Der weißrussische Botschafter in Berlin, Denis Sidorenko, beziffert die Kosten für die Spiele mit 100 Millionen Euro. Viel Geld für ein Land, das zu den zehn ärmsten Europas zählt. Viel Geld, das Lukaschenko es wert ist für „zweifellos das wichtigste gesellschaftspolitische Ereignis in der Geschichte des unabhängigen Weißrusslands“.

Leserkommentare (1) Kommentar schreiben