Serie: Welch ein Ereignis

Als Robert Enkes Tod nicht nur die Sportwelt erschütterte

Die Trauerfeier für den National- und Hannover-Torwart Robert Enke wurde 2009 im TV übertragen.

Die Trauerfeier für den National- und Hannover-Torwart Robert Enke wurde 2009 im TV übertragen.

Foto: Getty

Essen.  „Welch ein Ereignis“ heißt unsere Serie. Hier befasst sie sich nicht mit Spektakel, sondern einem traurigen Ereignis, das unseren Autor bewegt.

Zum ersten und einzigen Mal fehlten mir die Worte. Ich setzte neu an, ließ die Buchstaben stehen, starrte auf den Bildschirm, löschte die Zeile erneut, ehe ich schließlich doch jemand anderes bat, die Meldung zu übernehmen.

„Robert Enke ist tot.“ Der Anruf meines Kollegen hatte mich fassungslos gemacht. Die Nummer eins im Tor der deutschen Nationalmannschaft sah keinen anderen Ausweg, als sich im Alter von 32 Jahren das Leben zu nehmen. Das ganze Land fragte sich: warum? Doch auch über die Grenzen hinaus schlug die traurige Nachricht große Wellen: Kurz nach Enkes Tod hielt der FC Barcelona eine Schweigeminute ab, meldete sich ein Kollege aus Spanien. Den 5:0-Sieg im Pokal gegen Cultural Leonesa im Pokal widmete Trainer Pep Guardiola dem früheren Keeper der Katalanen. „Der Torwart war ein Teil dieses Vereins.“ Die ganze Sportwelt stand unter Schock.

Im Hotel blieben die Vorhänge zu

Am Morgen nach dem 10. November 2009 waren die Vorhänge am Hotel des DFB-Teams in Bonn zugezogen. „Life Is Grand“ stand in großen Lettern über dem Eingang geschrieben, es fühlte sich genau nach dem Gegenteil an.

Journalisten und TV-Teams hatten sich versammelt und wollten eigentlich über die Vorbereitung der Löw-Elf auf das Testspiel gegen Chile und die WM in Südafrika berichten, doch das Sportliche spielte plötzlich keine Rolle mehr. Die Schwere war spürbar vor Ort.

Die anwesenden Reporter wahrten Anstand und Abstand. Dennoch klackerten die Kameras, als Kapitän Michael Ballack für einen kurzen Augenblick in blauer Trainingsjacke an der Eingangstür zu erkennen war.

Ein Bauarbeiter kam zu uns, nippte an seinem Kaffeebecher. „Es muss weitergehen“, sagte er, „Enke hätte es sicher so gewollt“. Doch der Test gegen Chile im Kölner Stadion sollte nicht stattfinden. Die Nationalspieler sahen sich dazu nicht in der Lage. Eine menschliche Entscheidung, wofür sie in den Folgetagen jedoch teilweise auch kritisiert wurden.

Im Moment der Sprachlosigkeit teilte der DFB kurzfristig mit, dass es doch noch eine Pressekonferenz geben sollte. In der alten Telekom-Zentrale rief Sportdirektor Oliver Bierhoff zu einer Schweigeminute auf, brach dann in Tränen aus. Die Fassungslosigkeit sei der Hilflosigkeit gewichen, „weil wir festgestellt haben, dass wir nicht unter Roberts Oberfläche schauen konnten“, so Bierhoff. Gespenstische Atmosphäre im Raum.

Kampf gegen Depression verloren

In Hannover ergriff Witwe Teresa Enke das Wort und machte öffentlich, dass ihr Mann schon länger an Depressionen litt. Für ihren Mut, nur wenige Stunden nach ihrem schweren Verlust auf einer Pressekonferenz erklären zu wollen, was passiert war, bekommt sie noch heute große Anerkennung. „Ich habe versucht, für ihn da zu sein und versucht, ihm Perspektive und Hoffnung zu geben. Ich habe ihm gesagt, dass wir so viele schöne Dinge haben. Uns, Leila und dass wir eine Tochter Lara hatten“, die leider im Alter von zwei Jahren an einer Herzkrankheit starb. „Wir dachten, wir schaffen mit unserer Liebe alles“, doch Robert Enke hat am Ende den Kampf gegen die Depression verloren. In seinem Abschiedsbrief entschuldigte sich Enke bei seinen Ärzten und Angehörigen.

Am darauffolgenden Samstag fand im Stadion von Hannover 96 eine Trauerfeier statt, die live im Fernsehen übertragen wurde. Enkes Schicksal bewegte die ganze Nation.

Ernste Geste von Spaßvogel Podolski

Nach der Trauerfeier im Stadion musste der Ball jedoch weiterrollen. Wie schwer es den Beteiligten fiel, nach dem tragischen Ereignis zur Normalität überzugehen, war wenige Tage später beim Länderspiel in Gelsenkirchen (18. November) gegen die Elfenbeinküste zu sehen. Auch die Zuschauer auf den Rängen hatten Probleme mit der Situation.

Lukas Podolski war es, der an diesem Abend die Richtung wies – nach oben und nach vorne. In der Nachspielzeit gelang ihm das Tor zum 2:2-Ausgleich, doch schon nach elf Minuten hatte der Kölner per Foulelfmeter für die DFB-Elf getroffen. Nachdem der Ball im Netz zappelte, zeigte der sonst als unbekümmerter Spaßvogel bekannte Angreifer mit dem Finger demonstrativ nach oben in die Luft.

Gleich nach Abpfiff, ungewöhnlich rasch, kam er in die Katakomben der Schalker Arena, um mit den Journalisten zu reden und stellte sich genau vor mich. Poldi wollte etwas loswerden. „Jeder weiß, dass ich Katholik bin“, begann er zunächst mit einem Augenzwinkern, ehe er ganz schnell wieder nachdenklich und ernst wurde. „Das war eine Geste für Robert. Der hat oben zugeschaut und uns die Daumen gedrückt. Eine Geste, die zeigen sollte, dass wir vor dem Spiel mit den Gedanken bei Robert waren. Mit dem Anstoß wollten wir aber wieder zur Normalität kommen. Das ist uns, so denke ich, mit dem Spiel auch gelungen.“

Teresa Enke leitet Stiftung

Der Fußball solle „menschlicher“ werden, hatte der damalige DFB-Präsident Theo Zwanziger auf Enkes Trauerfeier versprochen. Leider ist er das viel zu selten.

Robert Enkes Suizid und der beeindruckende Auftritt seiner Frau haben die öffentliche Wahrnehmung für seelische Gesundheit im Sport verändert, aber auch darüber hinaus eine größere Aufmerksamkeit für Depressionen geschaffen. Noch heute setzt sich Teresa Enke für die Enttabuisierung der Volkskrankheit ein – als Leiterin der mit dem DFB geschaffenen Robert-Enke-Stiftung. Eine starke Frau.

Anmerkung der Redaktion: Aufgrund der hohen Nachahmerquote berichten wir in der Regel nicht über Suizide oder Suizidversuche, außer sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Wenn Sie selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leiden oder Sie jemanden kennen, der daran leidet, können Sie sich bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Sie erreichen sie telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.

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