IOC-Solidarmodell

IOC-Solidarmodell - „Athleten dürfen nicht ruhig sein“

Diskuswerfer Daniel Jasinski spricht über die IOC-Haltung.

Diskuswerfer Daniel Jasinski spricht über die IOC-Haltung.

Foto: dpa

Essen  Deutsche Olympiateilnehmer kritisieren IOC-Haltung zur Sportlerförderung. Ihre Fälle zeigen: Erfolge und Medaillen kosten Kraft, Zeit – und Geld.

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Für die Reise zu IOC-Präsident Thomas Bach nach Lausanne hatte Kanu-Olympiasieger Max Hoff keine Zeit. „Ich schreibe an meiner zweiten Masterarbeit, das geht im Moment vor“, sagt der für die KG Essen startende siebenmalige Weltmeister im Gespräch mit dieser Redaktion. Und doch verfolgte der 36-Jährige die Diskussion um die Forderung der deutschen Athletenkommission an das Internationale Olympische Komitee, 25 Prozent des Gesamtgewinns eines Olympia-Zeitraums an die teilnehmenden Athleten auszuschütten. Zwischen 2013 und 2016 erlöste die Olympiade immerhin 5,2 Milliarden Euro.

Treffen am Genfer See

Das Treffen am Mittwoch am Genfer See, ausgelöst durch einen weltweit beachteten Brief des Vereins Athleten Deutschland an das IOC im Mai, führte nicht zum forschen Ziel. Erwartungsgemäß. In einer Pressemitteilung verwies das IOC darauf, dass 90 Prozent der Erlöse in ein Solidarmodell fließen, unter anderem an die 206 Nationalen Olympischen Komitees.

Dennoch werden die Athleten nicht locker lassen bei ihren Forderungen. „Unser Ansatz ist gut. Und: Athleten dürfen in diesem Punkt nicht ruhig sein“, betont Max Hoff. „Olympia ist ein Riesenkommerz, an dem die Protagonisten mehr beteiligt werden müssten.“

Der Vierer-Olympiasieger von Rio de Janeiro 2016 kann finanziell sich nicht allein von der Sporthilfe über Wasser halten. Maximal 700 Euro gibt es im Monat, dazu anderthalb Jahre vor Olympischen Spielen einen monatlichen Bonus für Medaillenanwärter von 1500 Euro über das Elite-Plus-Programm – alles brutto, versteht sich.

Fördertöpfe in Polen und Ungarn

Max Hoff sagt zwar, dass dies ausbaufähig sei. Mag über seine Situation aber nicht lautstark klagen: „Ich kann als Olympiasieger keinen Pensionsanspruch erwarten, auch wenn das in anderen Ländern wie Polen oder Ungarn per staatlichem Fördertopf für eine spätere Rente in Maßen möglich ist.“ Hoff betont dafür: „Ohne eigene Sponsoren geht es in Deutschland auf Dauer mit Spitzenleistungen in Randsportarten nicht. Ich fühle mich da fast schon wie ein Kleinunternehmer.“ Zehn Unterstützer sind auf Hoffs Internetseite verzeichnet. Alle wollen für ihr Geld eine Gegenleistung.

Etwas komfortabler ist die Situation für Damian Wierling von der SG Essen. Der aktuell schnellste deutsche Freistilschwimmer hat den Vorteil, der Sportfördergruppe der Bundeswehr in Warendorf anzugehören. Womit nicht nur das Monatseinkommen gesichert ist.

Athleten stehen im Vordergrund

Der 22 Jahre alte gebürtige Essener kann sich so voll und ganz auf sein Training am Bundesleistungsstützpunkt in seiner Heimatstadt konzentrieren. Nur einmal im Jahr muss er zu einem Lehrgang nach Warendorf. In der übrigen Zeit ist der Deutsche Meister über 50 und 100 Meter Freistil freigestellt. Für die Arbeit im Schwimmbecken.

Trotzdem übt auch Wierling Kritik an der am Mittwoch demonstrierten Haltung des IOC: „Die Athleten stehen bei Olympia im Vordergrund, sie investieren über Jahre mit einer Menge Kraft und ganz viel Zeit in ihre Leistung und verzichten dafür auf viele Dinge. Dafür gibt es viel zu wenig zurück.“

Das sieht auch Diskuswerfer Daniel Jasinski so, wenn er auf andere Sportarten blickt: „Fußballer, Rennfahrer oder Tennisspieler stehen viel besser da als die Leichtathleten. Deshalb wäre es die richtige Entscheidung, mehr Geld für olympische Sportler zu fordern. Das IOC ist jetzt am Zug.“

Vorsicht vor E-Sport

Der 29 Jahre alte Bronzegewinner von Rio de Janeiro hat es vergleichsweise gut. Jasinski wird nicht nur von seinem Klub TV Wattenscheid unterstützt. Er gehört wie Wierling der Sportfördergruppe der Bundeswehr an.

Der gebürtige Bochumer denkt allerdings über den persönlichen Tellerrand seiner Sportart hinaus. „Mehr IOC-Unterstützung für Athleten wäre vor allem eine Riesenmotivation für die Jugend. Die muss man im Auge haben, bevor jemand in E-Sport richtig investiert und sich dort plötzlich viel Geld verdienen lässt. Dann wird es für den realen Sport beim Nachwuchs noch schwieriger wird.“

Versammlung in Düsseldorf

Hockey-Weltmeister und -Olympiasieger Moritz Fürste (33) hat auch als Leistungssportler außer Dienst eine klare Haltung: „Eine Beteiligung der Athleten an den Umsätzen des IOC ist absolut gerechtfertigt, die Fifa zahlt ja den Verbänden der WM-Teilnehmer auch hohe Prämien. Es ist wichtig, dass der Verein Athleten Deutschland unabhängig für eine stärkere Einbindung und Wahrnehmung der Athletenbelange kämpft“

Und wie geht es nun weiter? Für das erste Oktober-Wochenende ist in Düsseldorf die Vollversammlung der deutschen Athletenvertreter geplant. Dann werden auch die IOC-Gelder ein Thema werden. Dass IOC-Präsident Thomas Bach vor Ort sein wird, gilt als eher unwahrscheinlich.

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