Skispringen

Einfach fliegen lassen: Wie Leyhe mit dem Druck umgeht

Stephan Leyhe ist momentan Deutschlands bester Skispringer.

Stephan Leyhe ist momentan Deutschlands bester Skispringer.

Foto: dpa

Willingen.  Stephan Leyhe geht als bester deutscher Skispringer in den Heim-Weltcup in Willingen. An drei Wettkampftagen kommen wohl mehr als 50.000 Fans.

Wenn Stephan Leyhe aus dem Fenster seines Hotelzimmers schaut, kann er es fast sehen. „Das ist schon witzig. Mein Elternhaus ist vielleicht ein Kilometer Luftlinie von hier entfernt“, erzählt der Skispringer aus dem sauerländischen Upland. Dass ein Weltcup, so wie an diesem Wochenende, in seinem Heimatort Willingen stattfindet, ist für den 27-Jährigen immer noch etwas Besonderes. „Das ist ein Privileg, das nicht vielen Springern auf der Welt vergönnt ist“, sagt Leyhe und schmunzelt.

Noch dazu, wenn es sich dabei um einen Saisonhöhepunkt mit wohl mehr als 50.000 Zuschauern an drei Wettkampftagen handelt. Willingen ist von der Stimmung her im Weltcup wohl nur mit Zakopane zu vergleichen. Doch auch unter den vier Heim-Weltcups, die Leyhe schon absolvierte, sticht der Willingen noch einmal hervor. „Ich weiß, dass ich mit der besten Form angereist bin, die ich jemals hatte“, sagt der Nordhesse.

Besser als Wellinger und Freitag

Der Beweis lässt sich leicht liefern: Im Gesamtweltcup ist Leyhe mit Platz sieben zurzeit bester Springer des Deutschen Skiverbandes, vor den Stars wie Olympiasieger Andreas Wellinger oder Richard Freitag. Im polnischen Wisla erreichte er in diesem Winter mit Platz zwei sein bestes Weltcup-Ergebnis, später gelang Leyhe das Kunststück, bei der Vierschanzentournee Gesamtdritter zu werden – ohne bei einem der Einzelspringen auf das Podest geflogen zu sein.

Macht Stephan Leyhe in dieser Saison etwas anders als in den Jahren zuvor? „Ich habe nichts geändert beim Training oder in den Abläufen. Aber während der Saisonvorbereitung gab es ein Aha-Erlebnis“, verrät der olympische Silbermedaillen-Gewinner von Pyeongchang. Dabei geht es um den Absprung des 1,82-Meter-Manns. „Aggressiver, offensiver“, beschreibt Leyhe seine neue Art, den Schanzentisch zu verlassen. Hätte man da nicht eher drauf kommen können? Leyhe lacht. „Das ist einfach so passiert. Die Kunst ist, dieses Gefühl abzuspeichern und nun wieder abrufen zu können.“

Das gelingt ihm momentan mit beeindruckender Konstanz, seine deutschen Teamkollegen erscheinen da wackeliger. Hat sich damit auch Leyhes Rolle innerhalb des DSV-Teams verändert? „Man ist selbstbewusster zum einen, aber einfach auch routinierter“, sagt der Wintersportler, der allerdings gerade als ein besonders stiller Vertreter gilt – und daran hat sich im Grunde auch nichts geändert. „In der Mannschaft spielt keine Rolle, wer wie im Gesamtweltcup platziert ist“, verrät Leyhe, „den Umgang untereinander machen wir nicht von Platzierungen abhängig.“

Mag der Bundestrainer Werner Schuster ihn noch so loben („Stephan ist eine Bank geworden“), Experte Dieter Thoma ihn kräftig ermuntern („Ich wünsche mir, dass er im Wettkampf ein bisschen egoistischer wird“) – Leyhe bleibt cool. Stärkster Deutscher, das ist für ihn nur „ein Kompliment, das ich gerne mitnehme“. Leyhe – der Springer, der nicht abhebt.

In der Heimat ist dies aber gar nicht so einfach, prasselt in Willingen doch besonders viel auf den Jungen aus Schwalefeld – ein 580-Seelen-Ortsteil – ein. „Ich habe gelernt, damit umzugehen“, erzählt Leyhe. „Vieles versuche ich aufzusaugen, dann fokussiere ich mich wieder ganz auf den Sport.“

So klingt einer, der mit Druck umzugehen weiß. „Wenn ich nur fünf Prozent draufpacke, dann geht das bei mir nach hinten los“, sagt der Sauerländer. Nein, auch auf der ihm so vertrauten Mühlenkopfschanze will der Lokalmatador nichts erzwingen. Er will die „große Vorfreude“ genießen und es einfach fliegen lassen.

Es bleiben noch genug Ziele

Moderater Ehrgeiz ist das also, was sich als Erfolgsrezept erwiesen hat und Leyhe möglichst noch den einen oder anderen Höhepunkt in seiner Karriere bescheren soll. Einen Weltcupsieg im Einzel zum Beispiel – oder auch eine Medaille bei der Skisprung-WM, die vom 19. Februar bis 3. März in Innsbruck ausgetragen wird. „Hungrig muss man immer bleiben, es gibt noch genug Ziele. Da ist noch einiges offen“, betont der Sportsoldat. Doch das geht er Schritt für Schritt an – so wie immer.

Andererseits – wie kann es denn da angehen, dass da ein Japaner namens Ryoyu Kobayashi daherkommt und quasi aus dem Nichts an die Weltspitze, ja sogar in eine eigene Liga springt? „Ja, das ist dann wieder so ein Geheimnis des Skispringens“, sagt Leyhe fast philosophisch – und blickt aus seinem Hotelzimmer in Willingen.

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