Handball

Handball-Dino VfL Gummersbach zittert um den Klassenerhalt

Gummersbach steht unter Druck.

Gummersbach steht unter Druck.

Foto: Getty-Images

Gummersbach  Der VfL war einmal der beste Handball-Verein der Welt. Abgestiegen ist er nie. Doch jetzt ist die Lage ernst. „Ich hoffe, dass es gut ausgeht“, sagt eine Legende.

In Gummersbach bangt jeder auf seine Weise. Die Zuschauer mit den blau-weißen Schals umschließen nervös ihre Kölsch-Plastikbecher, die Mitglieder des Fanklubs Blue-White-Dynamite tippeln ungeduldig auf ihren Trommeln herum, und Torhüter Carsten Lichtlein schlägt sich motivierend immer wieder auf Brust und Schultern. Es ist Sonntagnachmittag, der VfL Gummersbach spielt gegen den HC Erlangen. Die Anspannung in der Halle gleicht der vor einem Endspiel, aber das ist auch gar nicht so falsch. Für den VfL Gummersbach ist jedes Spiel ein Endspiel. Nur zwei Punkte steht er von einem Abstiegsplatz entfernt. Der VfL, das letzte nie abgestiegene Gründungsmitglied der Handball-Bundesliga, bangt um den Klassenerhalt. Gummersbach zittert. Mal wieder.

„Wir stehen zum VfL, Blau-Weiß die Fahnen, es kann nur einen Sieger geben“

Aus den Lautsprechern ertönt die VfL-Hymne, viele Fans wippen mit den Füßen, um das Zittern zu überspielen. Denn als Sieger gingen die Spieler des VfL Gummersbach in dieser Spielzeit nur fünfmal vom Feld. Ein Unentschieden, 22 Niederlagen – nie war der VfL Gummerbach schlechter. Glück nur, dass es mit der SG Bietigheim und den Eulen Ludwigshafen derzeit zwei noch schlechtere Teams gibt. Doch Verfolger Bietigheim ist nur zwei Punkte entfernt.

„Unser Herzblut ist blau“, steht auf dem Banner auf einer der Wände, und Herzblut haben der Verein und seine Anhänger in den vergangenen Jahren einiges gelassen. Im dritten Jahr in Folge steckt der VfL Gummersbach im Tabellenkeller fest, in der vergangenen Saison konnte die Klasse in einem dramatischen Showdown am vorletzten Spieltag gegen den TV Hüttenberg gehalten werden. Derzeit ist die Stimmung nur deshalb nicht ganz unten, weil jüngst ein überraschender Sieg gegen die hoch favorisierten Rhein-Neckar Löwen gelang.

„Mit Trommeln und Trompeten ziehen wir in die Halle ein, wir holen mit Euch die Meisterschaft, und stimmen alle ein“

Häufig kommen sie noch in die Halle, die Spieler, mit denen der VfL Gummersbach seine größten Erfolge feierte. Joachim Deckarm sitzt im Rollstuhl mit blauem Trikot am Spielfeldrand. Und Heiner Brand? Der ist immer da, selbst wenn er nicht anwesend ist. Den Platz vor der Halle haben sie zu Ehren des Weltmeister-Spielers und -Trainers Heiner-Brand-Platz genannt und dazu gleich noch eine Statue aufgestellt. Doch selbst der wohl bekannteste Gummersbacher ist nur ein Mensch. Auch Brand zittert: „Die Mannschaft kämpft, aber das alleine reicht nicht. Da muss mehr Bewegung in die Abwehr, mehr Disziplin in den Angriff“, sagte der 66-Jährige dieser Zeitung vor dem Spiel. Sechsmal war er als Spieler Meister mit dem VfL, zweimal als Trainer. „Ich zittere mit dem Verein – und ich hoffe, dass es gut ausgeht.“

„Der Gummersbacher VfL, bekannt in aller Welt, der Torinstinkt, der Kampfgeist stimmt, und jeder ist ein Held“

Das Spiel beginnt, der VfL Gummersbach liegt nach 16 Minuten 9:6 vorne. Die Mannschaft kämpft, momentan reicht es. Ivan Martinovic und Stanislav Zhukov treffen. Es sind Namen, die weit von den großen der Vergangenheit entfernt sind. Erhard Wunderlich, Joachim Deckarm, Heiner Brand und Andreas Thiel standen für Meisterschaften, Pokalsiege und Titel im Europapokal. Für die goldenen 1970er- und 80er-Jahre, als der VfL Gummersbach als bestes Handballteam der Welt galt. Stefan Kretzschmar, Daniel Narcisse und Kyung-Shin Yoon standen in den 90ern für Torerfolge und Glamour. Mittlerweile sind die Namen nicht mehr so klangvoll, es spielen Martinovic und Zhukov. Für Stars fehlt das Geld, seit der Verein Anfang des Jahrtausends alte Erfolge zurücksehnte, Star-Spieler teuer bezahlte und Partien in der 50 Kilometer entfernten Kölner Arena austragen ließ. Noch heute knabbert der Klub an den Altlasten.

„Ob Sturm, warm oder Sonnenschein, wir stellen uns auf alles ein“

Martinovic und Zhukov sind in dieser Partie gegen Erlangen nur für kurze Zeit Helden. In der zweiten Halbzeit legt Erlangen einen 6:0-Lauf hin, am Ende setzt es eine 25:27-Niederlage. Gummersbach zittert weiter.

Torwart Carsten Lichtlein bleibt dennoch zuversichtlich. „Wir haben noch sechs Spiele. Wir steigen nicht ab!“ Lichtlein wird den VfL am Ende der Saison verlassen. Er geht zum HC Erlangen.

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