Kolumne

Kolumne: Der Schein ist alles, was in Doha zählt

Die Sonne geht hinter dem "Khalifa International Stadion" in Doha unter.

Die Sonne geht hinter dem "Khalifa International Stadion" in Doha unter.

Foto: dpa

Doha.  In Doha verwenden sie viel Energie darauf, dass nach außen alles blitzt und glänzt. Unsere Redakteurin Melanie Meyer schildert ihre WM-Eindrücke.

Der Bus bringt uns durch eine Stadt, die oft Worte wie irre und absurd in den Kopf schießen lässt. Eine Fahrt durch Doha ist kalt. Die Klimaanlage ist gnadenlos. Durch die aufgeheizten Scheiben spürt man jedoch, dass es draußen anders sein muss. Aber was genau ist da draußen?

Entlang der großen Straßen sehen die Häuserfronten aus wie Kulissen eines Orientfilms. Aber auch, als wären sie aus Pappe. Als wäre außer Front nicht viel. Und irgendwie passt das zu dieser Stadt: Sie ist wie eine große Kulisse.

Eine Kulisse, die noch nicht fertig ist. Baukräne formen das Stadtbild. Allein in zehn Tagen hat man das Gefühl, dass drei neue Gebäude entstanden sind. Die Taxifahrer kommen kaum hinterher, sich neue Navigationsgeräte zu kaufen, so oft gibt es neue Straßen. Am Abend, wenn die Sonne nicht mehr brennt und das Leben erwacht, funkelt die Skyline beeindruckend.

Weiter draußen taucht ein Stadion auf. Neu, modern. Wie ein Ufo, das notlanden musste. Es ist für die Fußball-WM gedacht, die 2022 hier stattfinden wird. Wie riesige Blüten gehen Stationen der neuen U-Bahn auf. Überall wird gearbeitet. Die Menschen, die man trifft, sind sich sicher: „Bis zur WM wird alles fertig sein, das wird gut.“

In Doha verwenden sie viel Energie darauf, dass nach außen alles blitzt und glänzt. Dass dahinter oft Chaos und lähmendes Hierarchiedenken herrscht? Dass es Kritik wegen der Interpretation von Achtung der Menschenrechte von Bauarbeitern gibt? Dass es Meinungsfreiheit schwer hat? Egal. Der Schein ist, was zählt. Und Scheine haben sie genug. Katar ist eines der reichsten Länder der Welt. Und seine Hauptstadt Doha will sich zeigen. Aktuell bei der WM der Leichtathleten.

Da nun die Welt zu Gast ist, wird großer Aufwand betrieben. Allein die Menge an Personal ist beeindruckend. Arbeiter wuseln ständig. Devot, mit gesenktem Kopf. Es ist befremdlich. Selbst auf den Toiletten wird direkt das Waschbecken nachpoliert, wenn der Gast die Hände gewaschen hat.

Doch spricht man die Arbeiter an, die Taxifahrer, die Kassierer dieser Stadt, so äußern sich viele wohlwollend. Sie sind froh, hier arbeiten zu können. In ihren Heimatländern ginge es ihnen viel schlechter. Jeden Taler, den sie hier verdienen, schicken sie nach Hause. Das ist auch so eine Sache: Das Volk von Katar, es ist schwer zu finden. Die meisten, denen man im Alltag begegnet, sind Einwanderer: aus Afrika oder Asien. Englisch hört man genauso oft wie Arabisch.

Die Gastarbeiter sorgen für ein wenig Stimmung im Stadion

Die Gastarbeiter sind es auch, die im Stadion für ein wenig Stimmung sorgen. Wenn Athleten aus Indien, Kenia oder Äthiopien starten, wird es laut auf den Rängen. Die Einheimischen zeigen mäßiges Interesse. Vereinzelt sieht man im Stadion Männer in traditionellen weißen Gewändern auf der Tribüne. Sie scheinen das klimatisierte Ambiente zu genießen – der Sport interessiert sie weniger. Nur als Abderrahman Samba über 400 Meter Hürden die erste Medaille für Katar gewinnt, da zücken auch die Kataris ihre Smartphones.

Einheimische Frauen oder Familien trifft man im Stadion fast gar nicht. Sie halten sich nebenan auf. Da befindet sich ein riesiges Einkaufszentrum mit Eislaufbahn, Freizeitpark und Gondeln auf Kanälen, die Venedig nachempfunden sind.

Dann der Schock, wenn man wieder vor die Tür tritt. Stellen Sie sich vor, Sie sind an einem sehr warmen Ort. Dort stellen sie sich direkt hinter einen parkenden, aber laufenden Reisebus. Die Luft ist heiß und schwer zu atmen, und du denkst: Macht hier auch noch einer einen Sauna-Aufguss? Und dann diese Abendsonne über der Wüstenme­tropole. Welch ein schöner Schein.

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