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Olympia im Selbstversuch - Körperspannung beim Eiskunstlauf

Laura Millmann (l.) im olympischen Selbstversuch.

Foto: Volker Hartmann/WAZ-Fotopool

Laura Millmann (l.) im olympischen Selbstversuch. Foto: Volker Hartmann/WAZ-Fotopool

Netphen.   Eiskunstlaufen paart Anmut und Athletik. Wir wollten es wissen - und trainierten mit der Eissportgemeinschaft Siegerland. Sehr bald stellten wir dabei fest: Geradeaus fahren reicht nicht aus. Der Weg zur ersten Pirouette führt über viele Stürze und blaue Flecken.

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Körperspannung! So heißt das Zauberwort beim Eiskunstlaufen. Schade, dass ich davon so wenig besitze. Sonst würde meine erste Trainingsstunde vielleicht nicht zur kompletten Wackelpartie werden. Aber so ist es eine ganz schöne Herausforderung, das heutige Trainingsziel zu erreichen: Meine erste Pirouette.

Vorsichtig zwänge ich mich in die orangenen Schlittschuhe, die eigentlich keine richtigen Kunstlaufschuhe sind, und schnalle sie so fest es geht. Wir sollen uns nur locker einlaufen, da haut es auch schon einen meiner Kollegen richtig hin. Ich sehe an seinem Gesicht, dass er Schmerzen hat. Sofort ruft der Trainer einen Krankenwagen. Helle Aufregung und Verdacht auf einen gebrochenen Fuß sind das Ergebnis. Und ich bin mir nicht sicher, ob ich wirklich weiter machen will.

Das letzte Mal, dass ich auf einer Eisbahn stand, ist mehr als zehn Jahre her. Damals wollte ich einen Jungen aus meiner Klasse beeindrucken. Ich hatte Angst hinzufallen und mich zu blamieren. Die Sorge, dass ich mich blamieren könnte, habe ich bei der Eissportgemeinschaft Siegerland nicht. Zu familiär ist das Gefühl in der 15-köpfigen Gruppe. Wir sind alle Anfänger, stellen uns gemeinsam der Herausforderung. Aber die Angst vorm Fallen ist immer noch da. Jetzt vielleicht mehr denn je.

Angstabbau, Grundtechniken, Körperkontrolle

Trainer Lutz Arndt versucht mir die Angst zu nehmen. Er versichert mir glaubhaft, dass so ein heftiger Sturz in den vergangenen 20 Jahren noch nie vorgekommen sei. Und er erklärt mir, wie ich sicherer werden kann: „Du musst dein Laufverhalten verändern. Nicht über den Ballen abrollen, sondern die Füße nach außen setzen und das Gewicht immer wieder verlagern. Dann kann nichts passieren.“

Sein Kurs hat insgesamt drei Ziele: 1. Angst abbauen, 2. Grundtechniken lernen, 3. Körper unter Kontrolle bekommen. Im Moment arbeite ich noch an Stufe 1. Nach der zweiten Runde werde ich etwas sicherer und schneller. Trotzdem flitzen ständig die Kinder der fortgeschrittenen Gruppe an mir vorbei, machen Drehungen, Sprünge oder laufen rückwärts. Und sind dabei immer noch schneller als ich. Es sieht bei ihnen so einfach aus.

Professionelle Kurven

Nach dem Aufwärmen stehen heute professionelle Kurven auf dem Programm. Wir sollen um Stühle herum Slalom laufen und jede Runde wird der Abstand etwas enger. Schulter drehen, Oberkörper mitnehmen und so die Füße steuern. Damit sind wir auf jeden Fall schon in der zweiten Stufe. „Mir ist es wichtig, dass ihr Körpergefühl bekommt. Also: Was macht mein Körper, wenn ich ihn in einer bestimmten Weise bewege?“, erklärt unser Trainer. Ganz wichtig dabei: Körperspannung! „Da musst du auch noch dran arbeiten“, meint er grinsend in meine Richtung.

Also heißt es Zähne zusammen beißen, Schulterblätter zusammen ziehen, Oberkörper aufrichten – und weiter geht’s mit Schwung um die Stühle. Je enger sie stehen, desto mehr muss ich das Knie einsetzen, um die Kurve überhaupt zu kriegen. Aber egal wie sehr ich mich bemühe, irgendetwas vergesse ich immer. Noch fühlt es sich auch komisch an, mit wirklich viel Schwung zu fahren. Ich kann ja noch nicht einmal bremsen. Bisher versuche ich mit unbeholfenen Kurven zum Stehen zu kommen oder fahre verbotenerweise gegen die Bande. Nicht sehr elegant.

Bremsen ist nicht so einfach

Bremsen kommt im nächsten Schritt. „Das ist schwieriger als Kurven fahren, weil ihr dafür auf einem Bein fahren müsst.“ Lutz macht es uns vor: Gewicht verlagern, den einen Fuß nach vorne übersetzen und die Kufe gegen die Laufrichtung stellen. Hier habe ich endlich ein Schlüsselerlebnis. Nach anfänglicher Ratlosigkeit geht es plötzlich ganz leicht. Ich bringe das linke Bein nach vorne und komme abrupt zum Stehen.

Lange Zeit zum Freuen bleibt nicht. Es stehen Sturzübungen auf dem Programm. Wieder brauche ich einige Versuche, bis ich mich so zur Seite fallen lasse, dass ich weder auf dem Steißbein noch auf der Hüfte lande. Das wird blaue Flecken geben. Aber wenigstens habe ich danach weniger Angst. Meiner ersten Pirouette steht eigentlich nichts mehr im Wege.

Wäre da nicht das Problem mit dem Gleichgewicht. In der Theorie geht es so: Die Pirouette beginnt im Ausfallschritt, ein Bein gebeugt, das andere ausgestreckt, dabei nimmt man das Gewicht fast komplett auf das gebeugte Bein. In dieser Position fängt man an, sich zu drehen. Der eine Arm ist ausgestreckt und steuert den Schwung. Dann muss man sich aufrichten, die Arme auf der Brust kreuzen und die Füße zusammen ziehen.

Das Eis fühlt sich normal an

Damit sind wir spätestens in der dritten Stufe angekommen – den eigene Körper unter Kontrolle bringen. Ich stolpere, wedel mit den Armen, um irgendwie das Gleichgewicht zu halten und mache alles, nur keine Pirouette. Und immer wieder höre ich den Trainer rufen: Körperspannung nicht vergessen. Noch einmal! Das Eis fühlt sich inzwischen fast normal an unter meinen Füßen. Also konzentriere ich mich jetzt nur auf die Bewegungen, denke nicht mehr daran, dass ich stürzen könnte – und lege einfach los. Ich fange auf dem gebeugten Bein an, richte mich im Schwung auf und drehe mich immerhin dreimal um meine eigene Achse. Meine erste, kleine Pirouette. Spätestens jetzt verstehe ich den Reiz am Eislaufen: Die Schwerelosigkeit, die man fühlt, wenn man es nur schafft, seinen Körper unter Kontrolle zu bekommen.

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