Skispringen

Skisprung-Ikone Martin Schmitt: Lieber gucken statt springen

Martin Schmitt.

Martin Schmitt.

Essen.   Der einstige Skisprung-Star Martin Schmitt freut sich über deutsche Erfolge. Als TV-Experte ist er bald mit seinem Ex-Kollegen Hannawald vereint.

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Von seiner großen Liebe kann er nicht lassen: Martin Schmitt (38), der viermalige Skisprung-Weltmeister, Team-Olympiasieger und zweimalige Gesamtweltcupsieger wird die Skisprungsaison als TV-Experte weiter begleiten. Ein Gespräch über den überraschend starken Severin Freund, das baldife Wiedersehen mit einen guten alten Bekannten vor der Kamera und Olympia bei Eurosport.

Herr Schmitt, die Weltcupsaison im Skispringen hat am vergangenen Wochenende begonnen. Vor knapp drei Jahren haben Sie Ihre Karriere beendet und arbeiten jetzt als TV-Experte. Trotzdem: Wenn Sie die Sprünge jetzt sehen: Will man da nicht wieder mitmischen?

Schmitt: Nicht wirklich (lacht). Natürlich ist Skispringen ein toller Sport und ich kann mich noch gut in die Situationen hineindenken. Das Gefühl, einen tollen Sprung zu haben und die Schanze runterzusegeln, das ist schon genial. Da fühle ich mich gerne in die Athleten rein. Aber auf der anderen Seite weiß ich auch, was alles dazu gehört, ein Skispringer zu sein. Wie schwierig und komplex diese Sportart ist und welchen Aufwand man dafür betreiben muss. Deswegen reizt es mich jetzt nicht so sehr, die Ski noch einmal anzuschnallen. Es lebt sich jetzt schon leichter (lacht).

Wo haben Sie eigentlich das erste Springen im finnischen Kuusamo verfolgt?

Schmitt: Ich saß zu Hause vor dem Fernseher.

Das passt ja, Sie sind TV-Experte beim Sender Eurosport, steigen jedoch erst Ende Dezember bei der Vierschanzentournee aktiv mit ein.

Schmitt: Ja, ich werde am Wochenende zwar beim nächsten Weltcup-Springen in Klingenthal sein. Aber nicht vor der Kamera, sondern eher als Beobachter.

Dafür feierte Ihr einstiger Wegbegleiter Sven Hannawald mit dem Saisonstart seine Premiere als TV-Kommentator bei Eurosport. Wie fanden Sie ihn?

Schmitt: Ich habe ihm gerne zugehört, eine vertraute Stimme (lacht). Für ihn ist es natürlich eine ganz neue Aufgabe, da wird er noch mehr reinwachsen, man hat von Tag zu Tag gemerkt, dass er und sein Kollege Matthias Bielek stärker harmonieren und sich immer besser in ihre Rollen einfinden. Es war ein sehr ordentlicher Start. Ich habe danach kurz mit Sven telefoniert und es hat ihm viel Spaß gemacht. Ich freue mich schon auf unsere gemeinsamen Auftritte.

Nun ist Eurosport ja ohnehin in aller Munde, die Olympischen Winterspiele 2018 werden eben nicht mehr bei ARD und ZDF, sondern auf Eurosport zu sehen sein, mit Ihnen im Team. Wird das noch einmal eine besondere Bühne sein?

Schmitt: Ja klar, Olympia zu begleiten und dann auch noch von der eigenen Sportart berichten zu können, ist schon etwas Tolles.

Waren Sie selbst überrascht, dass die Öffentlich-Rechtlichen nicht wenigstens im Rennen um die Sublizenzen zugeschlagen haben?

Schmitt: Es war schon ein Stück weit überraschend, dass die Spiele nun exklusiv bei Eurosport gelandet sind. Für mich eine sehr freudige Überraschung. Aber es hatte sich ja in den vergangenen Wochen schon ein bisschen abgezeichnet, sonst hätte man schon früher von einer Einigung gehört. Für das gesamte Eurosport-Team wird das eine neue Aufgabe sein und man setzt hinter den Kulissen alles daran, dass der Zuschauer Olympische Spiele auf höchstem Niveau erleben darf. Ich freue mich!

Blicken wir noch einmal aufs vergangene Wochenende zurück: Waren Sie als Gesellschafter der Agentur, die Severin Freund managt, überrascht, dass der bei den ersten beiden Springen erst Zweiter und dann Erster wurde, dass er im zweiten Springen stolze 146 Meter hinlegte?

Schmitt: Das hätte ich echt nicht gedacht, das konnte man so nicht erwarten. Er hat in den letzten Trainingseinheiten vor der Saison und speziell in Finnland einfach seine Sachen zusammengekriegt. Das zeigt auch wieder, was für ein großartiger Sportler er ist.

Nach seiner Hüft-OP hat er fünf Monate der Vorbereitung verpasst.

Schmitt: Ich habe ihn Anfang November mal springen gesehen, da war er sicherlich noch nicht so weit. Aber er hat mittlerweile die Routine und die Fähigkeiten um da zu sein, wenn es drauf ankommt. Da ist er sehr konzentriert und trifft die richtigen Entscheidungen. Die technischen Fehler, die man im Herbst noch im Absprung bei ihm sehen konnte, hat er abgestellt, er ist blitzsauber und sehr aggressiv mit viel Geschwindigkeit gesprungen, und hat seine Qualitäten im Flug perfekt ausgespielt. Ich denke, dass seine Voraussetzungen für die Saison sehr gut sind. Jetzt darf man allerdings nicht erwarten, dass es jedes Wochenende so weitergeht. Irgendwo wird es sich bemerkbar machen, dass ihm viel Trainingszeit fehlt. Aber so ein Start nimmt ihm und der ganzen deutschen Mannschaft schon einmal den Druck, Severin kann jetzt in Ruhe weiterarbeiten. Und er hat jetzt die Gewissheit, dass er, wenn alles stimmt und er einen Topsprung hat, absolut konkurrenzfähig ist um bei den Besten dabei zu sein. Mit diesem Wissen könnte man ein schlechteres Wochenende dann auch schon mal verkraften.

Sehen Sie den Grand Slam von Sven Hannawald, den historischen Sieg bei allen vier Springen der Vierschanzentournee, diesmal in Gefahr durch den Slowenen Peter Prevc?

Schmitt: Eher nicht, wir haben ja den Severin (lacht). Eine gewisse Gefahr für den Sven ist natürlich immer vorhanden, aber Skispringen ist derzeit so sensibel, ein kleinster Fehler, und man landet nicht auf Platz eins, sondern auf Rang fünf, neun oder 15. Deshalb glaube ich an mehrere Sieger bei der Vierschanzentournee. Ich glaube, Sven ist da ganz entspannt. Er hat aber auch schon gesagt: Wenn es einer schafft, ist er der erste Gratulant.

Ein Fazit des ersten Wochenendes. Wie fanden Sie … ... den deutschen Springer Karl Geiger?

Schmitt: Für ihn war es mitr Platz sechs und neun ein toller Start in die Saison, zumal Kuusamo eine Schanze ist, die ihm als absprungstarken Springer nicht entgegenkam.


...den letztjährigen Dominator Peter Prevc?

Schmitt: Er war erwartet stark, trotz des dritten und des siebten Platzes. Ich glaube, der Sturz am Freitag hat ihm auch am Samstag noch ein bisschen gehandicapt. Er hat zwar nicht drüber gesprochen, aber ich glaube schon, dass ihm da noch etwas weh tat. Aber speziell seine Performance am Freitag war schon großartig. Er wird auch in dieser Saison wieder das Maß der Dinge sein.

… den erst 17-jährigen und tollkühnen Domen Prevc, der am Freitag siegte?

Schmitt: Immer am Limit, wie man ihn kennt. Bei seinem ersten Sprung am Freitag musste ich schon ein bisschen schlucken. Es ist fantastisch, was er macht, aber er bewegt sich absolut im Grenzbereich. Wir müssen hoffen, dass das immer gut geht. Er ist ein bisschen wie Max Verstappen in der Formel 1.

… Maciej Kot, den Polen, der die Vorbereitungswettbewerbe im Sommer dominierte?

Schmitt: Für die polnische Mannschaft war die Erwartungshaltung nach den dominanten Springen von Kot im Sommer recht hoch. Dass es im Winter schwieriger wird, war fast zu erwarten. Ich denke trotzdem, dass das polnische Team um Kot noch sehr stark werden wird.

Samstag und Sonntag wird erstmals in Deutschland gesprungen, der Weltcup in Klingenthal steht an. Was zeichnet die Vogtland-Arena aus?

Schmitt: Eine sehr große Schanze, sie macht einen sehr mächtigen Eindruck. Wenn man da oben sitzt, bekommt man gleich nach dem Absprung sehr viel Rückmeldung von den Skiern, die Druckverhältnisse in der Luft sind schon sehr groß, es gibt eher eine höhere Flugkurve. Man muss trotz der Schanzengröße sehr gut abspringen, braucht eine gute Technik und Absprungdynamik. Das alles muss man ohne Geschwindigkeitsverlust in den Flug umsetzen. Insgesamt ist es eine Anlage, die sehr herausfordernd ist. Ich bin mal gespannt, wie Severin es dort löst, wie schnell er sich mit der Anlage anfreundet und seinen Rhythmus dort findet.

Ihre Prognose...

Schmitt: Wenn Peter Prevc am Freitag nichts Dramatisches beim Sturz davongetragen hat und wenn er fit ist, erwarte ich ihn schon sehr stark. Der Norweger Daniel-André Tande wird in Klingenthal stark springen, das tut er häufig.

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