US Open

Tennis: Rafael Nadal ist wieder der König von New York

Außer sich vor Freude: Rafael Nadal nach seinem Finalsieg bei den US Open.

Außer sich vor Freude: Rafael Nadal nach seinem Finalsieg bei den US Open.

Foto: Reuters

New York.  Erschöpft, aber glücklich: Rafael Nadal gewann bei den US Open seinen 19. Grand-Slam-Titel und jagt nun den Rekord von Roger Federer.

Es fühlte sich wie eine kleine Ewigkeit an. Aber es waren nur zwölf Sekunden, die Rafael Nadal auf dem blauen Boden des Arthur Ashe-Stadions lag. Zwölf Sekunden der absoluten Erleichterung, des puren Glücks. Auch des stillen Genießens nach der größtmöglichen Herausforderung. Nadal war wieder der König von New York, zum vierten Mal schon, aber was lag hinter ihm in dieser mitreißenden Tag-und-Nacht-Show in der größten Tennisarena der Welt: Ein sicherer 2:0-Satzvorsprung, ein möglicher Start-Ziel-Sieg ohne große Nervenanspannung, dann die jähe, unerwartete Wende, eine monumentale Aufholjagd seines jungen russischen Rivalen Daniil Medwedew, Zittern und Bangen um den Titel, Strafpunkte wegen Zeitverzögerung, das Lärmen, Jubeln und Toben der aufgepeitschten Fans.

Medwedew etabliert sich als Kronprinz im Herrentennis

Und schließlich, nach einer wilden Achterbahnfahrt über vier Stunden und 51 Minuten und 341 Punkten, doch der 7:5, 6:3, 5:7, 4:6, 6:4-Sieg gegen den 23-jährigen Widersacher aus Moskau. „Es war eins der emotionalsten, schwersten Matches meines Lebens. Und einer der größten Siege“, sagte Nadal später, „das wird unvergesslich bleiben.“ Als man wenige Minuten nach dem verwandelten Matchball auf den großen Videoleinwänden die Highlights seiner Major-Karriere zeigte, eine Chronologie von nunmehr 19 Siegen, war es um die Beherrschung des Grand Slam-Herrschers geschehen: Aufgewühlt vergrub er seinen Kopf in den Händen, senkte den Blick, wurde von Tränen geschüttelt. „Es war einfach zuviel. Ich zeige solche Gefühle nicht gern in der Öffentlichkeit“, sagte der Matador, abseits seiner Kampfzone Centre Court ein eher scheuer, zurückhaltender Vertreter.

Mit seinem zweiten Grand Slam-Sieg dieser Saison, dem siebten Major-Erfolg auf Hartplätzen oder Gras, rückte der 33-jährige Mallorquiner nun seinem ewigen Gegenspieler, dem befreundeten Schweizer Maestro Roger Federer, ganz dicht auf die Pelle. Federer, in dieser Saison ohne Grand Slam-Erfolg geblieben, verharrte bei seinen 20 Pokaltrophäen, während Nadal und Djokovic jeweils zweimal zuschlugen, Djokovic in Melbourne und Wimbledon, Nadal in Paris und in New York. Die neue Hitliste lautete nun, Stichdatum 2019: Federer 20, Nadal 19, Djokovic 16. Und der Rest der Welt: Zunächst einmal Fehlanzeige, er musste weiter auf den ersten Sieg warten, Stan Wawrinka war immer noch der Letzte, der jenseits der Großen Drei gewann, 2016 in New York.

Aber so einfach, wie diese Geschichte auch nach den Offenen Amerikanischen Meisterschaften des Jahres 2019 klingen könnte, nämlich mit der fortgesetzten Dominanz der außergewöhnlichen Gentlemen – so einfach war es eben nicht. Denn mit Medwedew etablierte sich in diesem Sommer und beim letzten Grand Slam der Spielzeit ein veritabler Anwärter für zukünftige Großtaten.

Wie der Russe sich im Big Apple vom ausgepfiffenen Buhmann zum gefeierten Elitewettkämpfer wandelte, wie er seine Müdigkeit nach einem stressreichen Turniermarathon vor den US Open immer und immer wieder abschüttelte, und wie der dann bis zur absoluten Erschöpfung, gegen alle Zweifel und Selbstzweifel, eine faszinierende Aufholjagd gegen Nadal bot, dies alles katapultierte ihn nun auch in die Rolle des herausgehobenen Verfolgers des Führungstrios. „Ich habe mein Herz gezeigt hier draußen auf dem Platz“, sagte Medwedew am Sonntagabend unter stürmischem Jubel der Fans. Kein Zweifel: Er blieb trotz seiner Niederlage der Mann der Stunde, der Mann mit den meisten Siegen der Saison (50), der Mann auch, der wie kein anderer die Fantasie einer Wachablösung befeuerte, den Vormarsch jüngerer Profis zum Gipfel.

291-Minuten-Drama im Tollhaus New York

Gern wird von den Hauptdarstellern eines großen Duells behauptet, sie hätten alles auf dem Platz gegeben und gelassen. Aber wann traf es wirklich mehr zu als in diesem 291-Minuten-Drama im Tollhaus New York – und vor allem auf einen Mann, den die breite Masse der Sportfans noch nicht wirklich kannte vor ein paar Monaten. Aber jener Daniil Medwedew spielte, kämpfte und rackerte auf Augenhöhe mit dem ultimativen Matchplayer Nadal, er ließ keinen Trick, keine Finte, keinen Schlag aus. Und er fing damit erst so richtig an, als er eigentlich schon geschlagen schien, mit zwei Sätzen und einem Break im Rückstand: „Ich hatte mir schon überlegt, was ich bei der Zeremonie sagen würde“, erklärte Medwedew später. Im fünften Satz, bei einer 1:0-Führung, war er sogar mit drei Breakbällen nahe dran, eine totale Kehrtwende festzuschreiben. Aber Nadal wehrte die Attacke ab, noch einmal hier und jetzt, in einem fast symbolischen Akt. Aber auch er wusste, was die Stunde geschlagen hatte, in dieser Nacht, die auf den ersten Blick keinen Umschwung im Machtgefüge gebracht hatte. „Daniil gehört die Zukunft“, sprach der Champion. Vielleicht könnte diese aber sehr bald Gegenwart werden.

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