Leichtathletik

Weitspringerin Mihambo ist Deutschlands große WM-Hoffnung

Malaika Mihambo sprang im Berliner Olympiastadion auf Platz eins.

Malaika Mihambo sprang im Berliner Olympiastadion auf Platz eins.

Foto: dpa

Berlin.  Malaika Mihambo ist in diesem Jahr die beste Weitspringerin der Welt. Mit ihrer ruhigen Art ist sie der Kontrast zu Sprintstar Lückenkemper.

Im Auge des Sturms ist es ganz ruhig. Und Malaika Mihambo ist die Ruhe selbst. Um sie herum bebt das Berliner Olympiastadion, da sagt die Athletin der LG Kurpfalz schon wieder Sätze wie: „Zu wissen, dass ich jetzt schon so weit springen kann, gibt mir ein gutes Gefühl für die WM.“ Wenig später sitzt sie im Presseraum in den Katakomben des Stadions. Dem düsteren Betoncharme trotzt sie mit einer Ausstrahlung von tiefer Ausgeglichenheit. Über ihren Sprung des Tages kann sie nicht viel sagen, nur: „Ich war völlig im Tunnel.“ Sie warte noch auf die Auswertung der Videoanalyse, der Biomechanik. Manchmal ist ihre Sachlichkeit erstaunlich.

Topfavoritin für die WM in Doha

Überbordende Euphorie ist die Sache der alten und neuen Deutschen Meisterin im Weitsprung nicht. Das war sie noch nie. Auch als die 25-Jährige 2018 an gleicher Stelle Europameisterin wurde, machte sie durch große Sätze in den Sand, nicht aber in die Mikrofone auf sich aufmerksam. „Es gibt Sportlerinnen und Sportler, die sind extrovertiert, haben aber wenig Erfolg“, sagte ihr Trainer Ralf Weber dem Tagesspiegel. „Bei Malaika ist das umgekehrt.“

Am Sonntag gewann die Athletin der LG Kurpfalz mit 7,16 Metern. So weit war sie noch nie zuvor gesprungen. In der deutschen Bestenliste zog sie mit der Wattenscheiderin Sosthene Moguenara gleich. Nur die früheren DDR-Athletinnen Heike Drechsler (7,48) und Helga Radtke (7,21) liegen noch vor ihr. Zudem baute sie ihre Führung in der Weltjahresbestenliste noch einmal aus. Viermal ist Malaika Mihambo in diesem Jahr schon über die magische Marke von sieben Metern gesprungen. Sie gilt als Topfavoritin auf den WM-Titel im Herbst in Doha/Katar. „Wenn sie gesund bleibt, kann sie eine Medaille gewinnen“, sagt Uwe Florczak, leitender Bundestrainer Sprung, im Gespräch mit dieser Zeitung. „Sie ist sehr, sehr schnell geworden, das ist ganz großes Kino.“

So schnell, dass Mihambo am Samstag auch über die 100 Meter Bronze gewann. Sie spielt sogar mit dem Gedanken, einen Doppelstart bei der WM zu wagen. Aber: „Ich bin der Meinung, dass sie sich in diesem Jahr auf den Weitsprung konzentrieren sollte“, sagt Florczak. „Die Chance auf eine Medaille ist zu groß. Aber was in Zukunft ist? Einen Start im Weitsprung und in der Staffel halte ich bei Olympia im nächsten Jahr zum Beispiel für möglich.“

So oder so: Malaika Mihambo ist derzeit eines der strahlenden Gesichter der deutschen Leichtathletik. „Sie ist eine tolle Persönlichkeit, sehr authentisch. Sie tut der Leichtathletik gut“, sagt Florczak. Mit ihrer ruhigen Art ist sie der Gegenentwurf zu Gina Lückenkemper, einem anderen Gesicht der deutschen Leichtathletik.

Die 100-Meter-Vizeeuropameisterin vom SSC Berlin – die am Samstag nur eine Hundertstel schneller war als Mihambo – ist schon dreimal unter elf Sekunden gelaufen, sie ist in der Erfolgsspur. Doch im Wesen ist sie völlig anders, lauter, extrovertierter: Sie sagt, was sie denkt – auch mal mit derben Worten. Und die Soesterin liebt das Spiel mit dem Publikum, die EM wurde zur großen Gina-Show.

Die stille Mihambo fährt indes auch sportlich eine andere Strategie. Während Lückenkemper nicht müde wird zu betonen, dass sie für richtige Topzeiten „noch zwei Monate Zeit“ habe, springt Mihambo schon jetzt Bestweiten. Sie weiß: Ja, die Saison ist lang. Ja, die Konkurrenz um Weltmeisterin Brittney Reese aus den USA wird noch kommen. Aber als Nummer eins der Welt nach Doha zu fahren „fühlt sich sehr gut an. Ich nehme das als positive Bestärkung für das Vertrauen, das ich eh schon in mich selbst habe. Ich nutze es, um daraus noch mehr positive Kraft zu ziehen.“

Malaika Mihambo weiß, was ihr gut tut. In Schwetzingen bei Heidelberg hat sie ihre Basis gefunden. Nach der EM hat sie Indien bereist, einen zehntägigen Meditationskurs belegt, nimmt Klavierstunden. Sie engagiert sich in einem sozialen Projekt an ihrer alten Grundschule, studiert den Master in Umweltwissenschaften. Sie liebt es, Grenzen zu überwinden – von Ländern, in der Grube oder von Disziplinen.

So klar Malaika Mihambo in ihren Entscheidungen, ihren Äußerungen ist – einmal weiß sie am Sonntag dann doch nicht weiter. Danach gefragt, was passieren müsse, damit man Sie einmal richtig ausrasten sehe, muss sie lachen. „Gute Frage“, sagt sie. „Das sehen wir dann, wenn es passiert, würde ich sagen.“ Vielleicht ja schon in Doha.

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