Kolumne Freistoss

Warum sich der Boomer nicht beleidigen lässt

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Eine Kolumne von Peter Müller

Eine Kolumne von Peter Müller

Foto: Seric Kuzoluk (Montage)

Essen.  Eine Beleidigung im Netz und ihre Folgen. Gedanken über eine Jugend in den Siebzigern - mit ganz großem Sport. Eine Kolumne.

Neulich hat man mir in einem der Sozialen Netzwerke, bei denen man sich fragt, warum sie eigentlich so genannt werden, eine Empfehlung gegeben. Na ja, es war eher eine Aufforderung. Jemandem, der – na klar – seine Identität verbirgt, um ungehemmt pöbeln zu können, hatte einer meiner Fußball-Kommentare nicht gepasst. Also schrieb er darunter:

GEH STERBEN, BOOMER!

Hm. Da kommt man doch ins Grübeln. Erster Gedanke, reflexartig: Wir reden hier über Sport – wie durchgeknallt muss man sein, um so ausfallend zu werden? Dann fiel mir spontan eine Geschichte ein, die mir ein Freund mal erzählt hatte, der für seine tanzfreudige Tochter zu deren Teenager-Zeiten den Fahrdienst übernommen hatte, sie aus einem Club abholte und dort den beiläufig gemurmelten Satz hörte: „Jetzt kommen sie schon zum Sterben hierhin.“

Als Udo über Bodo vom Rambo-Zambo-Kickerverein sang

Und schließlich dachte ich: Boomer – der Typ glaubt tatsächlich, mich damit beleidigen zu können. Boomer, das ist die Kurzfassung von Baby-Boomer, das sind die Menschen, die in den geburtsstarken Jahren von 1946 bis 1964 zur Welt kamen. Boomer sollte also in diesem Fall bedeuten: alter Sack, der nicht mehr mitreden soll.

Boomer heißt in meinem ganz persönlichen Fall aber auch: eine Jugend in den Siebzigern, die man nicht missen möchte. Mit Bands wie Deep Purple, Led Zeppelin und Golden Earring. Mit berauschendem, weil ganz neuem deutschen Rock von einem gewissen Udo Lindenberg, dessen Texte über Riki Masorati mit dem Bleifuß, Bodo Ballermann vom Rambo-Zambo-Kickerverein oder den Malocher aus dem Ruhrgebiet („Ich hau jetzt ab nach Paris, da ist das Leben so süß“) bis heute in Erinnerung blieben. Mit Otto, dem Giganten unter den Komödianten, den wir in jeder Lebenslage zitieren konnten („Großhirn an Faust: Ballen!“).

Begegnungen mit Revier-Fußballhelden, die noch Nähe zuließen

Und mit ganz großem Sport. Es gab unvergessene nächtliche Stunden an Vaters Seite auf der Wohnzimmercouch – weil Muhammad Ali boxte, der Größte. Es gab grandiose Erlebnisse im Stadion, wo die hohe Fußballkunst von Franz Beckenbauer, Wolfgang Overath, Günter Netzer und Gerd Müller zu besichtigen war. Es gab erfolgreiche Jagden nach Autogrammen von Revier-Fußballhelden, die noch Nähe zuließen: Stan Libuda, Ente Lippens, Ata Lameck, Ennatz Dietz, Siggi Held – die Liste ließe sich locker um 100 Namen erweitern, ohne irrelevant zu werden.

Der Boomer hat übrigens, als er jung war, auch viel Mist gebaut. Aber rotzig-respektlos gegenüber Älteren war er nicht. Der Boomer hat den Pöbler deshalb einfach blockiert.

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