Interview

Wolfsburgs Alexandra Popp: "Das Double ist unser Ansporn"

Alexandra Popp greift mit Wolfsburg nach dem DFB-Pokal.

Alexandra Popp greift mit Wolfsburg nach dem DFB-Pokal.

Essen  Alexandra Popp hat im Ruhrgebiet das Fußballspielen gelernt. Mit dem Liga-Primus VfL Wolfsburg greift sie Mittwoch erneut nach dem DFB-Pokal.

Siebenmal ist sie bereits DFB-Pokalsiegerin geworden, heute soll der achte Titel folgen. Die Chancen stehen für Alexandra Popp nicht schlecht, mit dem VfL Wolfsburg ist der Favorit im Endspiel gegen den SC Freiburg im Stadion in Köln-Müngersdorf (17.15 Uhr/ARD). Die 28-jährige Angreiferin, die in Gevelsberg aufwuchs, dort das Fußballspielen erlernte und 80 Partien für den FCR Duisburg bestritt, spricht über die vermeintlich gute Ausgangslage, Zoobesuche und die WM in Frankreich.

Frau Popp, in den vergangenen vier Jahren haben Sie mit dem VfL Wolfsburg immer den Pokal gewonnen, fünfmal insgesamt in diesem Jahrzehnt – ist das Pokalfinale nicht fast schon langweilig?

Alexandra Popp: Nee, gar nicht (lacht). Darauf arbeiten wir ja die ganze Saison lang hin, wir fahren gerne nach Köln. Auch, weil wir wissen, dass dort eine schöne Atmosphäre herrscht und die Leute kommen, weil sie wirklich das Frauen-Finale sehen wollen. Die Stimmung ist ein Traum, der Rasen ist ein Träumchen – es wäre toll, wenn wir in solchen Stadien auch die Bundesligaspiele spielen könnten.

Wie wichtig ist es für den Frauenfußball, seit 2010 das eigene Pokalfinale in Köln zu haben, statt wie in den Jahren zuvor die Vorband für die Männer in Berlin zu geben?

Popp: Sehr wichtig. Klar sind die Zuschauerzahlen momentan nicht die, die man sich erhofft. Aber auch wenn es nur 18.000 Zuschauer in Köln sind, so kommen die tatsächlich nur für dieses Spiel. In Berlin war es schon schwierig, viele Fans für unser Spiel zu gewinnen. Das Karten-Kontingent für das Frauen-Finale war eher gering, ab der 60. Minute kamen dann die Fans der Männer-Teams. Aber man wusste als Spielerin: Die haben wahrscheinlich keine Ahnung, wer da überhaupt gerade spielt. Das war etwas schade. Wir hatten gar keine Chance, über die 10.000 eigenen Fans zu kommen, weil es eben nicht so viele Karten für die Frauen-Fans gab. Und diese Zahl im riesigen Olympiastadion – das verläuft sich. Durch die Neuausrichtung haben wir seitdem ein gutes Stadion, eine tolle Atmosphäre – das macht wesentlich mehr Spaß.

Der SC Freiburg ist der Gegner – ein hartes Los im Finale?

Popp: Ich denke schon. Freiburg steht nicht umsonst im Endspiel, in der Liga sind die Freiburgerinnen auch immer ein sehr unangenehmer Gegner. Von daher bin ich gespannt, wie Freiburg auftreten und das Spiel laufen wird. Freiburg verfügt über sehr viele junge, talentierte Spielerinnen. Klara Bühl im Angriff ist beid- und leichtfüßig, Giulia Gwinn kommt schnell über die rechte Seite – das sind die beiden, auf die wir besonders aufpassen müssen. Es ist Freiburgs erstes Finale, in den vergangenen Jahren haben wir sie gefühlt fast immer im Halbfinale rausgeworfen, von daher wird der SC sehr motiviert sein. Für uns wiederrum ist das auch eine Motivation, denn wir wissen, wie cool es ist, dieses Endspiel in Köln zu spielen.

Erster gegen Siebter – die Favoritenrolle haben Sie mit Wolfsburg inne.

Popp: Wenn wir von Anfang an unsere Qualität auf den Rasen bringen können, wird es schwer für die Freiburgerinnen, keine Frage. Aber sie werden versuchen, uns aus dem Spiel zu nehmen. Die Bundesligatabelle spielt keine Rolle. Man sagt ja nicht umsonst, dass der Pokal seine eigenen Gesetze hat, das ist bei den Frauen nicht anders als bei den Männern. Manchmal kommen Mannschaften weiter, mit denen man nicht gerechnet hat. Der Pokal ist nun einmal der Wettbewerb, in dem man am schnellsten zum Titel kommen kann. Deshalb hoffe ich, dass wir ihn wieder holen.

Böse Zungen behaupten ja, dass das Halbfinale Wolfsburg gegen Bayern bereits das vorweggenommene Finale war…

Popp: Das ist immer einfach gesagt. Klar schaut man auf die Bundesligatabelle und geht beim Halbfinale Erster gegen Zweiter davon aus, das es das beste Spiel sein muss, dass der deutsche Frauenfußball zu bieten hat. Aber wer die jungen Freiburger in den vergangenen Jahren häufiger gesehen hat, der weiß, dass viel Qualität in diesem Team steckt. Freiburg schafft es immer wieder, ein gutes Niveau zu halten und uns zu ärgern, wie jüngst beim 3:2 in der Liga.

Der VfL Wolfsburg steht im Pokalfinale, ist fast schon Meister: Stört da noch das Champions-League-Aus im Viertelfinale gegen Olympique Lyon?

Popp: In der jetzigen Phase ist es erst einmal abgehakt, weil wir uns auf die kommenden Aufgaben konzentrieren. Aber klar, wir treten uns immer noch gefühlt hundert Mal in den Hintern, dass wir ab der ersten Minute des Rückspiels nicht unsere Qualität auf den Rasen gebracht haben. Aber jetzt kommt erst einmal das Pokalfinale, danach können wir Meister werden – das ist unser Ziel.

Das Double ist also Pflicht?

Popp: Es ist unser Ansporn, ja.

Wolfsburg und die Bayern dominieren in den vergangenen Jahren den Pokal und die Liga. Ist das gut für den deutschen Fußball, dass es zwei solche Schwergewichte gibt, die auch international eine Rolle spielen? Oder macht es die Saison langweilig?

Popp: Es ist eher schade. Man merkt schon, dass Wolfsburg und Bayern mehr in den Frauenfußball investieren, um oben zu sein und international eine Rolle zu spielen. Für den Frauenfußball ist es aber auch nicht optimal, dass man weiß, dass mittlerweile gefühlt nur Bayern und Wolfsburg um die Meisterschaft spielen. Da wünscht man sich schon mehr Vereine, die sich etwas trauen, die vielleicht die eine oder andere Investition mehr tätigen, um mehr Spannung in die Sache zu bringen.

Sie sind Olympiasiegerin, haben die Champions League dreimal gewonnen, viermal die Deutsche Meisterschaft, sind siebenmalige Pokalsiegerin und U20-Weltmeisterin - wo lagern Sie all die Medaillen und Pokale?

Popp: In einer Vitrine (lacht). Die wichtigsten habe ich zu Hause in Wolfsburg. Die Champions-League-Medaillen, die goldene aus Rio, die Meisterschaftsmedaillen und meine Pokale der U20-WM. Aber bei Mama und Papa sind auch ein paar.

Vermissen Sie Ihre Heimat Gevelsberg und das Ruhrgebiet mit ihren ehemaligen Vereinen manchmal auch ein bisschen?

Popp: Ja, ich vermisse es schon. Ich tue mich jedes Mal schwer, wenn ich in der Sommer- oder Winterpause mal zu Hause war und dann wieder nach Wolfsburg aufbreche. Man hat Familie und Freunde in der Heimat, entsprechend schwer ist das häufig.

Verzeihen Sie die Ausdrucksweise, aber: Sind Sie eigentlich ein besonders harter Hund? Ende des vergangenen Jahres bekamen Sie im Spiel gegen Essen einen Schlag ins Gesicht, spielten aber noch über eine halbe Stunde weiter. Dann stellte sich die Verletzung als Jochbeinbruch heraus.

Popp: Ja, das zeichnet mich aus (lacht). Wenn ich im Spiel bin, habe ich einen unheimlich hohen Adrenalinspiegel, der meinem Körper dann vielleicht auch mal die falschen Signale sendet. Dann spiele ich einfach weiter. Erst hinterher wurde mir dann bewusst, was da noch alles Schlimme hätte passieren können.

Und was?

Popp: Ich hätte eine Gesichtslähmung davontragen können, denn unter dem Jochbein verläuft der Gesichtsnerv. Wenn ich in diesen 30 Minuten noch einen weiteren Schlag oder den Ball abbekommen und der Knochen durchgedrückt hätte… Das hätte schlimm enden könne. Da darf man gar nicht so viel drüber nachdenken.

Apropos Hund und wenn wir schon bei Tieren sind: Sie haben eine Ausbildung zur Tierpflegerin in einem Zoo nahe Wolfsburg gemacht. Zieht es Sie manchmal dorthin zurück?

Popp: Ja, ich arbeite zwar nicht mehr dort, aber ich fahre schon immer wieder mal hin. Ich besuche dann meine ehemaligen Kollegen und gehe spazieren. Es ist für mich ein guter Ort, um einfach mal abzuschalten. Ich setze mich dann zwei Stunden vors Affengehege und komme dabei voll runter. Es ist ja auch interessant, die Tiere über all die Jahre zu beobachten und zu registrieren, wie sie sich verändert haben.

Registrieren Sie auch eine Veränderung in der Wahrnehmung des Frauenfußballs? Bei Welt- und Europameisterschaften waren die deutschen Frauen in den vergangenen Jahren nicht mehr ganz so erfolgreich wie einst, aber immerhin wurden Sie 2016 Olympiasieger.

Popp: Sie sind einer der wenigen Journalisten, die diesen Titel überhaupt nennen. Viele gehen davon aus, dass wir in den vergangenen Jahren nicht viel gewonnen haben, aber der Olympiasieg wird dabei immer vergessen. Klar waren die vergangenen eineinhalb Jahre keine idealen, aber es geht nun wieder steil aufwärts. Wir sind für die WM qualifiziert und ich denke, dass die Wahrnehmung deshalb auch wieder besser geworden ist. Aber es stimmt, den richtigen Durchbruch haben wir leider noch nicht geschafft. Das fängt an mit festen Sendezeiten für Livespiele im TV, das ist immer ein Hin und Her und die Stadien werden nicht voll, weil die Sende- und Anstoßzeiten auf Uhrzeiten gelegt werden, an denen viele Leute noch arbeiten und viele Jugendliche noch in der Schule sind. Das sind Dinge, da muss man sich noch einmal Gedanken drüber machen. Aber es ist besser geworden.

Kommenden Monat beginnt die WM in Frankreich, Sie sind die Kapitänin der deutschen Mannschaft – wie sehr wünschen Sie sich den Titel?

Popp: Sehr, das ist klar. Wir fahren nach Frankreich, um weit zu kommen, was aber auch nicht so einfach wird, wie es sich alle vorstellen. Wir hatten einen großen Umbruch in der Mannschaft und innerhalb von zwei Jahren zwei Trainerwechsel. Mit Martina Voss-Tecklenburg hatten wir nun auch nicht so viel Vorlauf vor dem Turnier im Juni, was die Sache nicht einfacher macht. Aber die letzten Testspiele waren schon auf einem hohen Niveau, und so wollen wir uns zunächst für Olympia qualifizieren und alles weitere als Bonus mitnehmen.

Der WM-Titel wäre schon die Krönung der Karriere, oder?

Popp: Absolut. Es ist meine dritte WM, das wäre schon ein Traum, dort den Titel zu holen.

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