Musik

22-Jähriger aus Altastenberg baut Gitarren mit Seele

Steven den Toom Luthier ist einer der jüngsten Gitarrenbauer Deutschlands. Der Niederländer baut seine Instrumente in Altastenberg.

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Altastenberg.  Der 22-jährige Steven Den Toom Luthier lebt in Altastenberg und dürfte Deutschlands jüngster Gitarrenbauer sein.

Sie heißen Ilona oder Lucy. Er erschafft keinen Jack oder Bernd. „Frauen sind das Schönste, was es gibt, daher vergebe ich nur weibliche Namen.“ 200 bis 300 Stunden lang haucht er jeder von ihnen Seele ein. So lange, bis sie „gut genug“ sind. „Die Bezeichnung musste ich erst lernen.“

Sie ist eine Saitenbreite weit von „perfekt“ entfernt, aber weit mehr als handwerklich in Ordnung. Steven Den Toom Luthier ist Gitarrenbauer - und vermutlich einer der jüngsten in ganz Deutschland. Der 22-Jährige lebt und arbeitet im höchstgelegenen Dorf des Sauerlandes. Von Altastenberg will er es an die Spitze des Instrumentenbaus schaffen.

Beruf in Belgien erlernt

Wie kommt ein junger Mann aus den Niederlanden aufs Land? „Ich war 15 Jahre alt, stand vor meinem Realschulabschluss und vor der Frage: Was mache ich danach?“, erzählt der gelockte Blondschopf. Er sei immer schon kreativ gewesen, habe mit Holz gearbeitet und mit elf Jahren angefangen, E-Gitarre zu spielen.

„Mein Nachbar hat mir von einer Geigenbauschule erzählt. Aber das war nicht mein Instrument. Aber dann habe ich gehört, dass man in Belgien Gitarrenbauer werden kann. Ich glaube, in England gibt es eine Schule und in Deutschland zwei. Ich in dann mit 16 Jahren nach Belgien und habe das Handwerk für klassischen Gitarrenbau dort erlernt.“

Einen Traum erfüllt

In der Zeit, als er und seine beiden Brüder aus dem Elternhaus waren, erfüllten sich auch sein Vater und seine Mutter einen langgehegten Traum. Sie brachen die Zelte in Holland ab und zogen ins Sauerland.

„Mein Zuhause in den Niederlanden gab es nicht mehr und so bin ich mit 19 nach der Ausbildung zu ihnen hierher gekommen. Oben und unten vermieten wir Ferienwohnungen und in der Mitte wohnen wir selbst.“ Dort hat der 22-Jährige seine kleine Werkstatt, wo „Ilonas“ und „Lucys“ das Licht der Welt erblicken.

Fünf bis sechs Instrumente pro Jahr

„Mehr als fünf bis sechs Gitarren pro Jahr schaffe ich nicht. An jedem Instrument arbeite ich zwei bis drei Monate“, sagt der Gitarrenbauer. Am Anfang steht dabei die Wahl des richtigen Holzes: „Es muss leichtes, trockenes Material für die Decke sein – denn sie entscheidet zu etwa 90 Prozent über den Sound. Ob es ein boomiger oder eher ein leichter, warmer Klang wird.“

Für Steven besteht die Decke unbedingt aus alpenländischer Fichte. „Das Holz muss langsam gewachsen sein, eine gleichmäßige Maserung haben und stabil sein. Am besten ist es, wenn die Bäume knapp unterhalb der Vegetationsgrenze gestanden haben. Die Sauerländer Fichte eignet sich nicht, sie wächst zu schnell.“

Eine Frage des Holzes

Aber auch der Verarbeitung des Rohmaterials Holz muss eine enorme Bedeutung beigemessen werden. „Es gibt wirklich spezielles Klangholz, das jahrelang luftgetrocknet lagern muss. Dann muss es richtig gesägt werden und auch da ist nicht jeder Baum gleichermaßen gut.“

Fichte habe in der Wachstumsphase die Tendenz, sich zu drehen. „So ein Holz ist dann später nicht stabil genug.“

Immerhin muss eine bespannte Gitarre bis zu 40 Kilo Belastung standhalten.

Alle Gitarren sind Geschwister

Jede Gitarre für sich ist ein Unikat. Boden und Zarge können aus Padouk, Palisander oder Ahorn sein; den Hals baut Steven aus Zeder, das Griffbrett aus Ebenholz.

Und dann gibt es natürlich noch künstlerische Besonderheiten wie kleine Tulpen als Intarsien oder Perlmutt, das mitverarbeitet wird.

„Man kann hören, dass die Gitarre von mir ist. Sie hat schon eine sehr persönliche Note, auch wenn jede anders klingt. Letztlich sind sie aber alle Geschwister aus meiner Klangfamilie.“

Mit Schellack

Ganz zum Schluss wird wieder und wieder in ganz dünnen Schichten ein Schellack aufgetragen. „Bei industriell gefertigten Gitarren ist das oft eine dicke Schicht. Ich mache das wochenlang ganz dünn, damit das Holz auch danach noch Bewegung hat.“

Die aus holländischer Hand im Sauerland gebauten Gitarren müssen sich aber in der Musikerwelt ihren Weg suchen. Steven Den Toom Luthier ist daher oft unterwegs, um bei Messen, an Musikhochschulen, bei Konzerten oder Festivals sein Instrument vorzustellen.

Deutschland, Liechtensten, Österreich, Schweiz. „Ich habe keinen Namen, auf den ich aufbauen kann. Ich muss mir meinen Namen selbst machen. Und das geht nur, indem Künstler das Instrument in die Hand nehmen, es spielen und sagen: Ja, das ist es!“

Eine Frage des Klangs

Die Klangfarbe jeder Gitarre, davon ist der 22-Jährige Wahl-Sauerländer überzeugt, ändert sich mit jedem Tag, an dem das Instrument gespielt wird. „Sie wird immer besser, immer lauter, immer saftiger und immer kristalliner in den Zellen des Holzes - sie hat ja schließlich eine Seele.“

Nach rund 300 Arbeitsstunden, in denen das Instrument dem Macher ans Herz gewachsen ist, kommt die Stunde des Abschiednehmens. „Ja, ich trenne mich nicht leicht von einer Gitarre, an der ich so lange gearbeitet habe.“ Aber wer je nach Aufwand zwischen 4000 und 6500 Euro für ein Instrument ausgibt, der will es auch selbst hegen, pflegen und lange etwas davon haben.

„Wir alle sind ja nicht ewig auf dieser Welt. Aber die Zeit, die ich hier bin, möchte ich nutzen, um etwas Nachhaltiges zu schaffen, etwas von mir zu schaffen, das bleibt. Es gibt viele namhafte spanische Gitarrenbauer, die schon lange nicht mehr leben, deren Instrumente aber heute noch gespielt werden.“ Wer weiß, welche Musik in 100 Jahren auf einer „den Toom Luthier“ erklingen wird...

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