Erinnerung an den Krieg

Als Europa nach Düdinghausen kam

Dieser Feldmesskoffer gehörte dem kriegsgefangenen französischen Abbé René La Fuite. Dieser schenkte ihn nach dem Krieg Pastor Würmighausen, der ihn noch jahrelang benutzte. Foto:Privat

Dieser Feldmesskoffer gehörte dem kriegsgefangenen französischen Abbé René La Fuite. Dieser schenkte ihn nach dem Krieg Pastor Würmighausen, der ihn noch jahrelang benutzte. Foto:Privat

Düdinghausen.   Dorfrundgang mit Zeitzeugen, Heimatverein und LWL bringt Jüngeren die Kriegszeit nahe. Manche Begebenheiten haben bis heute Konsequenzen

„Europa in Westfalen“ ist das Thema des europäischen Kulturjahres 2018. Aber was hat Düdinghausen damit zu tun? Der Heimat- und Verkehrsverein wollte die Antwort finden und lud am Samstag, 27. Oktober, mit dem LWL ins Dorf und in den Kulturspeicher der Dreggestobe ein. Zeitzeugenberichte aus dem Zweiten Weltkrieg, Geschichten über Freundschaft unter schweren Bedingungen und ein besonderer Holzkoffer standen dabei im Mittelpunkt.

Der Tag begann mit einem Dorfrundgang. Erste Station: Hof Zimmes. Zeitzeuge Johannes Kropff schilderte das Leben auf dem Hof und im Dorf zwischen 1941 und Ostern 1945.

Man habe mit vielen französischen Kriegsgefangenen und neun polnischen Flüchtlingsfrauen zusammengelebt. Das Verhältnis sei gut gewesen und auch die sprachlichen Schwierigkeiten seien überwunden worden. Beim Einmarsch der amerikanischen Infanterie hätten sich die Franzosen sogar der Gefahr ausgesetzt, den Amerikanern mit weißer Fahne entgegenzugehen, um zu signalisieren, dass von dem Dorf keine Gefahr ausgehe.

Auswirkungen bis in die Gegenwart

Es entstanden Verbindungen, die teilweise bis heute halten, erzählte Kropff. Darunter die gegenseitigen Besuche mit dem damals gefangenen Franzosen Marcel. Dessen Mutter richtete nach dem Krieg in einem Brief ihren Dank für die gute Behandlung ihres Sohnes auf dem Hof aus. Kropffs Tochter studierte später Französisch und erhielt nach einem telefonischen Kontakt mit Marcel sofort die Einladung, drei Wochen lang an der Schule zu hospitieren, an der Marcels Frau Lehrerin war.

Weiter ging es zum Kirchplatz. Auch dort hätten sich bemerkenswerte Ereignisse abgespielt, berichtete Horst Frese, Vorsitzender des HVV. Zum Einen habe der damalige Pastor Paul Würmighausen trotz aller Gefahren die Messen aufrechterhalten, um den Bewohnern Rückhalt zu geben. Zum Anderen habe er dem kriegsgefangenen französischen Abbé La Fuite erlaubt, in der Kirche für dessen Soldaten Messen zu halten. Nach damaligem Recht Hochverrat. Der Abbé hatte zuvor Messen nur mit seinem mitgeführten Feldmesskoffer halten können. Diesen Koffer schenkte er Pastor Würmighausen bei seiner Abreise. „Den Koffer habe ich oft getragen“, erinnerte sich Zeitzeuge Franz-Josef Asmuth. Denn Würmighausen ging nach dem Krieg mit seinen Messdienern und dem Koffer nach Usseln und später nach Haus Sonnenberg, um für die katholische Bevölkerung Messe zu halten.

Am Kirchturm selbst habe Josef Winterberg (Fixes Jupp) am Kriegsende ein weißes Bettlaken befestigt, um den einmarschierenden Amerikanern friedliche Absichten zu signalisieren – gegen den Widerstand einiger Bewohner. Auf dem Kirchplatz hätten die Amerikaner später Verdächtige versammelt, um sie in Internierungslager zu bringen.

Nach dem Rundgang gab es eine Pause mit Kaffee und Waffeln, bevor es in der Dreggestobe weiterging. Die Zuhörerzahl war inzwischen auf 40 gestiegen.

Jedes Jahr habe er als Hauptmann des Bürgerschützenvereins am Kriegerdenkmal eine Rede gehalten, erinnerte sich Ortsvorsteher Ferdi Asmuth. Dabei sei es immer um Krieg gegangen. Das habe seine Einstellung verändert. „Kein Krieg darf mehr von deutschem Boden ausgehen.“

Massen von Flüchtlingen im Dorf

Dr. Oliver Karnau (LWL-Denkmalpflege) hob hervor, ihm sei es wichtig, Europa auch dort mitzuteilen, wo es am wenigsten zu spüren sei. Und das sei der ländliche Raum – obwohl sich dort viel Entscheidendes für die Zukunft Europas abgespielt habe.

„Es berührt mich immer wieder, wenn ich dieses Haus betrete“, erzählte die Zeitzeugin Frau Kober. Sie war mit ihrer Familie als Flüchtling aus Schlesien gekommen und nach der Ankunft in Düdinghausen in der Dreggestobe untergebracht worden.

Die damals 358 Düdinghäuser mussten um das Kriegsende herum 120 französische Gefangene und mehrere hundert Evakuierte aus dem Ruhrgebiet in ihren Häusern aufnehmen. „Das Dorf platzte aus allen Nähten“, so Frese. So ergaben sich Haushalte und eine Dorfgemeinschaft aus verschiedenen Regionen und Nationen des heutigen Europa. Alle hätten in einem Boot gesessen und seien Gefangene gewesen, jeder in seiner Situation. Beim Einmarsch der Amerikaner hätten alle zusammengehalten und alles unternommen, um Schaden von sich und dem Dorf abzuwenden.

Heute pflegt Medebach eine Partnerschaft zur Stadt Locminé in der Bretagne. Ehrenbürgermeister Günter Langen schilderte in bewegenden Sätzen, dass diese Partnerschaft im vergangenen Jahr ihr 25-jähriges Bestehen gefeiert habe. Alles habe begonnen, als er und der damalige Bürgermeister Nolte nach Locminé gereist seien. Die Skepsis der dortigen Bevölkerung sei sehr groß gewesen – immerhin habe die Wehrmacht dort ein Kriegsverbrechen begangen: Dutzende Männer seien in einen Stollen getrieben und erschossen worden. Heute pflege man jedoch eine innige Gemeinschaft.

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