Armut

Armut hat auch im Hochsauerlandkreis viele Gesichter

Altersarmut ist nur eine der vielfältigen Formen von Armut.

Altersarmut ist nur eine der vielfältigen Formen von Armut.

Foto: WAZWPNGG-Region Südwestfalen/Mura

Altkreis.  Armut? Die gibt’s doch nicht bei uns im Sauerland! Doch! Denn Armut ist nicht nur Mangel an Geld. Das ist auch Vereinsamung und Nicht-Teilhabe.

Armut hat viele Gesichter. Auch bei uns im Hochsauerland. Denn sie findet oft im Stillen statt. Heute ist der Internationale Tag zur Beseitigung der Armut in der Welt. Er wurde 1992 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen ins Leben gerufen und soll betroffenen Menschen Gehör verschaffen. Wie wichtig es ist, sich mit dem Überwinden von Armut zu beschäftigen, zeigt zum Beispiel der Umstand, dass der Caritasverband Brilon in diesem Jahr ein eigenes „Armutskonzept“ mit dem Titel „Armut gemeinsam überwinden“ verabschiedet hat.

Schulden und Armut

Wer an Armut denkt, hat im ersten Moment Menschen vor Augen, die mit ihren finanziellen Mitteln nicht klar kommen und in eine Schieflage geraten sind. „Gründe dafür gibt es viele“, sagt Anna Tuss von der Schuldnerberatung des Sozialdienstes katholischer Frauen mit Sitz in Brilon. Wachsende Lohnungleichheiten, Tod des Partners, Trennung, Krankheit oder Arbeitslosigkeit können Gründe dafür sein. Manche Gründe bedingen sich auch gegenseitig. „Die meisten Menschen mit finanziellen Schwierigkeiten kommen leider nicht zu uns, wenn es fünf vor, sondern wenn es schon fünf nach Zwölf ist“, so die Sozialarbeiterin und Sozialpädagogin. Die Flut von Angeboten zum Beispiel für das größere Fernsehen oder das modernere Handy weckten Begehrlichkeiten. Und durch die Möglichkeit der Ratenzahlung entstehe schnell der Eindruck, dass sich das jeder leisten könne. „Und dabei verlieren einige oft den Überblick.“

Scheu vor dem ersten Schritt

Bei vielen sei die Scheu vor dem ersten Schritt und damit zu einer Schuldnerberatung zu gehen sehr groß. „Die meisten unserer Klienten kommen aus eigenem Antrieb. Einige werden aber auch zum Beispiel von den Fallmanagern der Städte, den Gerichtsvollziehern oder anderen Beratungsstellen auf uns aufmerksam gemacht. Unser Angebot ist überkonfessionell, kostenlos und selbstverständlich läuft alles anonym“, garantiert Anna Tuss. Man muss sich auch nicht anmelden, sondern kann einfach zu den festen Sprechzeiten kommen. Die sind in Brilon dienstags von 8.30 bis 11 Uhr und donnerstags von 13.30 bis 16.30 Uhr; in Marsberg jeden ersten Mittwoch im Monat von 10 bis 12 in der Alten Propstei, in Medebach an jedem zweiten Mittwoch im Monat von 10 bis 12 Uhr im Rathaus und in Winterberg an jedem zweiten Mittwoch von 13.30 bis 15.30 Uhr ebenfalls im Rathaus.

Definition von Armut

Aber nicht jeder, der Schulden hat, ist automatisch arm. Ab wann gilt ein Mensch als arm? „Im Allgemeinen unterscheidet man zwischen relativer und absoluter Armut. Relative Armut bedeutet, dass man nicht notwendigerweise hungern muss, um arm zu sein. Wer deutlich weniger Geld als ein Durchschnittsverdiener bekommt, kann durchaus sozial ausgegrenzt sein und unter Armut leiden“, sagt Prof. Dr. Hendrik Schmitz von der Uni Paderborn. In Deutschland gelte ein Haushalt in der Regel als arm, wenn er über weniger als 60 Prozent des Median-Haushaltseinkommens verfügt. Das bedeutet: Man sortiert alle Haushalte nach Einkommen, wählt den mittleren aus und nimmt davon 60 Prozent. Dies ist in der Regel die Definition von Armut in entwickelten Ländern. Nach derzeitiger Definition der Weltbank ist demnach arm, wer mit weniger als 1,90 Dollar pro Tag auskommen muss. Die Statistiker von IT NRW haben 2016 eine Armutsgefährdungsquote errechnet, die für den HSK und den Kreis Soest bei 14,8 Prozent lag. Landesweit lag sie bei 16,7 Prozent. Den Begriff Armut auf das Fehlen finanzieller Mittel zu reduzieren, ist nur eine Seite der Medaille.

Die Facetten von Armut

„Der Begriff Armut hat viel mehr Facetten. Sie ist eine Notlage, die aus materieller, sozialer und seelischer Sicht betrachtet werden muss“, sagt Uli Schilling vom Caritasverband Brilon. Vereinsamung, keine Teilhabe am normalen Alltag oder die seelische Armut, wenn ein Mensch temporär mit seinen Sorgen und Nöten allein ist, seien auch Formen von Armut. Er selber habe vor einigen Jahren mit seiner Frau versucht, für zwei Monate vom Hartz-IV-Satz zu leben. „Das größte Problem war die Möglichkeit der gesellschaftliche Teilhabe. In die Zeit fielen Ostern und Erstkommunion. Wer da noch hätte Geschenke machen wollen, wäre mit dem Geld nicht ausgekommen.“ Wer zu einem Geburtstag eingeladen werde und wegen finanzieller Engpässe kein Präsent kaufen könne, der ziehe sich womöglich zurück, feiere aus den selben Gründen den eigenen Geburtstag nicht, meide Kontakte, kapsele sich ab, vereinsame, verarme, so Schilling.

Und dann gibt es ja auch noch die verdeckte Armut: Menschen, die Ansprüche auf staatliche Sozialleistungen haben, diese aber aus Unkenntnis oder Scham nicht geltend machen. 2003 eröffnete der Caritasverband in Brilon den ersten Warenkorb: Medebach und Winterberg folgten eineinhalb Jahre später, Olsberg 2010. „Das fing in Brilon ganz schleppend an mit wenig teilnehmenden Geschäften und wenig Kunden. Hätten die Ehrenamtlichen und wir nicht einen langen Atem gehabt, wäre das Projekt gescheitert.“ Und heute?

„Ich würde sagen, dass sich die Zahl derer, die den Warenkorb in Anspruch nehmen, von 2005 bis jetzt verdoppelt hat“, bilanziert Uli Schilling. Das liege aber nicht nur am steigenden Bedarf. Das habe auch mit dem wachsenden Bekanntheitsgrad und damit zu tun, dass die Scheu gesunken sei, zum Warenkorb zu gehen. Auf gewisse Weise wird Armut dadurch schon fast gesellschaftsfähig.

Für Schilling ist es wichtig, dass etwas gegen die wachsende Schere zwischen Arm und Reich getan werden muss. „Gut bezahlte Arbeit ist der beste Schutz vor Armut“, ist seine feste Überzeugung. Darüber hinaus habe der Caritasverband eine Vielzahl an Angeboten, um Armut zu bekämpfen oder einzudämmen. Das fängt mit dem Warenkorb an und geht über Omnibus (ein Angebot für Langzeitarbeitslose), Kochkurse, Hausaufgabenhilfe, Arbeitskreise und Migrations- und Integrationsdienste. Die Fachleute sprechen von sogenannten stillen Diensten

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