Marsberg. Tagung zum „Medienalltag junger Menschen“. Teilnehmer sprechen über Internetsucht, Cybermobbing und Interventionsmaßnahmen

Smartphone, Facebook, WhatsApp – die Technik ist zum ständigen Begleiter der Pubertät geworden. Junge Menschen, die durch die Fußgängerzone laufen und dabei nicht den Blick von ihrem Smartphone lassen können. Schülergruppen, die zusammensitzen und sich gleichzeitig Textnachrichten mit anderen, die weit weg sind, hin und her schicken. Kinder, die auf Displays starren.

„Derzeit erleben wir in unserer Gesellschaft einen rapiden und facettenreichen Anstieg problematischer Mediennutzung“, sagt Prof. Dr. Dorothee Meister von der Universität Paderborn (Medienpädagogik und empirische Medienforschung). Sie führte durch die Fachtagung zum „Medienalltag junger Menschen“ mit seinen Risiken und Nebenwirkungen.

Cyber-Mobbing und die Folgen für die Opfer

1. Beleidigungen, Gerüchte, Lügen, Ausgrenzungen, peinliche Fotos und Videos. Was gibt die Anlässe zu Cybermobbing?
Laut unserer Studien sind es zu 62 Prozent das Aussehen, 28 Prozent soziale Unterschiede, 23 Prozent Rassismus, 19 Prozent Sexismus und 16 Prozent Homophobien.

2. Welche Auswirkungen hat Cybermobbing auf die Opfer?
Sie entwickeln ein negatives Selbstwertgefühl. Sie vermeiden Kontakt oder sie lassen ihre Wut an anderen aus. Sie schwänzen die Schule oder fehlen im Job. Das kann bis zum selbstverletztenden Verhalten oder Suizid führen. Die Opfer tragen die Auswirkungen lange mit sich rum. Bei 20 Prozent der Opfer wird es zu einer dauerhaften Belastung. 20 Prozent, das sind 500 000 Jugendliche und Kinder. Ein großes Problem ist auch, dass die Opfer nicht gern mit Erwachsenen darüber reden. Sie wollen kein Opfer sein und sie schämen sich deshalb. Viele fühlen zu ihren Eltern keine Nähe und reden deshalb nicht mit ihnen oder sie haben Angst davor, was sie tun werden, wenn sie es erfahren haben.

3. Was kann man gegen Cybermobbing tun?
Prävention sollte Pflicht an allen Schulen sein. Beratungsteams sollten herangezogen und Netzwerke mit Experten und Organisationen ausgebaut werden. Schulen sollten sich untereinander vernetzen. Kinder und Jugendliche sollten mit einbezogen werden und die Kritikfähigkeit des eigenen Verhaltens eingeübt werden. Manche Kinder und Jugendliche haben einfach nicht das Gespür dafür, was sie anrichten. Aber auch Anbieter müssen in die Pflicht genommen werden. Der Gesetzgeber auch. In Österreich gibt es ein Cybermobbing-Gesetz. Ein bundesweiter SOS-Button müsste eingeführt werden mit Hilfe- und Speicherfunktion. Damit könnten sich die Opfer sofort Hilfe und Beratung holen.

Ablauf

350 Teilnehmer aus dem Einzugsgebiet des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe aber auch dem Ruhrgebiet waren zu der Fachtagung gekommen. Vormittags referierten namhafte Referenten im Kloster Bredelar. Workshops zur Vertiefung der Thematik fanden nachmittags in der LWL–Klinik Marsberg, Kinder und Jugendpsychiatrie, statt.

Ziel

Dr. med. Falk Burchard, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik Marsberg: „Ziel der Fachtagung ist es, einen ganzheitlichen Überblick über das in unserem Alltag immer präsenter werdende Thema problematischer Mediennutzung zu bieten, um das Verständnis zu schärfen, Hilfestellungen an die Hand zu geben und den Umgang mit Betroffenen, deren Angehörigen aber auch mit Fachkräften noch weiter zu verbessern.“ Prof. Dr. Dorothee Meister: „Smartphones haben sich zu sozialen Universalwerkzeugen entwickelt und bestimmen unser Handeln.“

Internetsucht

Internet- und Computerspielsucht nehmen zu. Begleiterkrankungen inklusive. Die Kinder und Jugendlichen ziehen sich zurück oder haben Entzugserscheinungen, wenn eine Nutzung des Internets nicht möglich ist. „Sucht, Vereinsamung und Verwahrlosung sind die Kehrseite des World Wide Web“, sagt PD Dr. med. Bertte Wildt vom LWL-Universitätsklinikum Bochum. Er ist Deutschlands führender Experte für Internetabhängigkeit.

Frühintervention

„Eine besondere Versorgungslücke stellt die Frühintervention der Internetsucht bei Jugendlichen dar“, sagt Dr. Kai W. Müller von der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Er ist in der Ambulanz für Spielsucht tätig.

Propaganda

Die Bandbreite islamistischer Propaganda im Internet ist groß. „Wir müssen die ‘Generation Allah’ erreichen“, so Dipl.-Psychologe Abmad Mansour vom Musliminschen Forum Deutschland. Der arabisch-israelische Psychologe war selbst Islamist. Heute arbeitet er mit Jugendlichen in Projekten gegen religiösen Extremismus. Über Ursachen, Erscheinungsformen und Wirkungen exzessiver Smartphonenutzung sprach Prof. Dr. Peter Vorderer vom Institut für Medien und Kommunikationswissenschaft der Uni Mannheim.

Cybermobbing

„Die Digitalisierung verändert unsere Lebenswelt vollkommen und schafft neue Gewalt“, sagt Dr. Katarina Katzer. Sie arbeitet am Institut für Cyberpsychologie und Medienethik in Köln. „Wir stehen vor ganz neuen gesellschaftlichen Voraussetzung im Umgang mit den Opfern und Tätern.“ Und die meisten Opfer und Täter sind Kinder und Jugendliche. Laut Studien dreimal so viel wie Erwachsene. Und: „Cybermobbing ist härter als ,nur’ Mobbing in der Schule“, sagt sie. Schon 12-Jährige seien niemals ohne Smartphone. Und sie nutzen darüber auch das Internet. Viele Eltern würden deshalb den Überblick über die Internetnutzung ihrer Sprösslinge verlieren. Das Smartphone ist also immer dabei. Das Opfer steht dauernd im Opferstatus. Dr. Katzer: „Der Täter ist deshalb auch immer dabei. Tag und Nacht.“ Dadurch steige die psychische Belastung für das Opfer. Auch das Täterwerden sei kinderleicht. „Ein Touch auf dem Display, schon ist es passiert.“ Die Distanz des Täters zum Opfer steige, ebenso zum eigenen Verhalten. In der Folge sinke die Hemmschwelle. Und der Täter könne leicht in die Masse des Internets untertauchen. Dr. Katzer: „Die Verantwortung verlagert sich. Neue Normen und Werte entstehen. Darin sehe ich eine Gefahr.“

  • Folgen Sie der Lokalredaktion im Altkreis Brilon auch auf Facebook.