Justiz

Briloner Gericht verurteilt Arzt wegen sexueller Belästigung

Foto: Ulrich von Born / WAZ FotoPool

Brilon.  Aussage gegen Aussage: Für den Richter in Brilon waren die Schilderungen der jungen Pflegeschülerin stringent und glaubhaft.

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Auch wenn er in seinem „letzten Wort“ mehrfach beteuerte, „nichts gemacht“ zu haben: Wegen sexueller Belästigung verurteilte Amtsrichter Härtel am Montag einen Krankenhaus-Arzt aus dem Altkreis Brilon zu einer Geldstrafe von 5625 Euro. Die Tat, um die es ging, liege „am unteren Spektrum dessen, was wir hier verhandeln“, meinte der Richter. Allerdings sei der Vorfall der jungen Pflegeschülerin „sehr nahe“ gegangen, und es habe eine Zeit lang gedauert, bis sie ihn überwunden habe.

Nach Auffassung des Richters hat der Arzt an einem Herbsttag vergangenen Jahres im Aufzug die 23-Jährige umarmt, mit seinem Körper an die Wand gedrückt und versucht, sie zu küssen.

Mitarbeiter haben Aufzug-Verbot

Eigentlich darf das Stationspersonal nur in Begleitung von Patienten den Aufzug benutzen. Wenn die Beschäftigten alleine dienstlich im Krankenhaus unterwegs sind, haben sie die Treppe zu nehmen - „Das ist bei uns ein ungeschriebenes Gesetz“, sagte eine Kollegin am dritten Verhandlungstag am Montag: Beim Warten auf den Lift gehe nämlich zu viel Zeit verloren; schließlich „haben wir unsere Arbeit zu machen.“

Weder Oberamtsanwalt Schauer noch Richter Härtel hatten Zweifel daran, dass sich auf dem Rückweg alles genau so abgespielt hat, wie es die junge Frau vor einem Jahr gegenüber der Polizei und dann auch - unter Eid - am ersten Verhandlungstag geschildert hatte. Er habe „keinerlei Widersprüche“ in den Aussagen der 23-Jährigen festgestellt, zudem habe die junge Frau bei Nachfragen „alle Sprünge in der Geschichte mitgemacht“. Zudem hätte es eines „raffinierten Tatplans“ und „hoher schauspielerischer Kunst“ bedurft, um sich nach einer ausgedachten Anschuldigung zu verstellen und so zu verhalten wie sie es getan hat, die sich über mehrere Sitzungen hinziehende psychologische Aufbereitung des Vorfalls inklusive. Was, so der Richter, hätte die junge Frau dem Arzt denn anhängen sollen? „Es gab kein Tatmotiv.“

Mehrere Tage dienstunfähig

An jenem Tag hatte die Pflegeschülerin einen Patienten nach einer Anwendung zurück auf die darüberliegende Etage begleitet. Bei ihrer Rückkehr sei sie in den Aufenthaltsraum gegangen und habe nicht auf ihre Aufforderung, etwas zu erledigen, reagiert, sagte die Kollegin am Montag. Erst nach mehrfacher Nachfrage, was denn mit ihr sei, habe sie geantwortet: „Dr. XY wollte was von mir.“ Daraufhin habe sie „erstmal durchgeatmet“ und einen jungen Kollegen gerufen, der sich dann weiter um die junge Frau kümmerte. Den angeklagten Arzt habe sie als „freundlich und zuvorkommend“ kennengelernt. Wie die Mutter der 23-Jährigen gestern sagte, sei der Arzt - so die Schilderung ihrer Tochter - „schon immer sehr locker“ gewesen. An jenem Tag sei ihre Tochter „aufgeregt und aufgewühlt“ nach Hause gekommen und habe ihr den Vorfall immer wieder geschildert; mehrere Tage sei sie dienstunfähig gewesen.

Betriebsrat hört beide Seiten an

Der Vorfall war der Geschäftsführung gemeldet worden, woraufhin auch der Betriebsrat eingeschaltet wurde. Eine darin tätige Ärztin erinnerte sich, dass ihr beschuldigter Kollege „erstaunt“ gewesen sei, als ihm offenbart wurde, was man ihm vorwarf: „Er war sich keiner Schuld bewusst.“ Die Pflegeschülerin hatte zu diesem Gespräch eine ausformulierte schriftliche Schilderung mitgebracht. Den Antrag von Verteidiger Brock, diese Einlassung dem Gericht vorzulegen, um die Aussage-Qualität der 23-Jährigen besser beurteilen zu können, lehnte Richter Härtel ebenso ab wie eine Ortsbesichtigung oder die Vernehmung weiterer Zeugen.

Oberamtsanwalt Schauer stufte die Tat in den „unteren kriminellen Bereich“ ein und forderte eine Geldstrafe von 50 Tagessätzen zu je 125 Euro, also 6250 Euro. Rechtsanwalt Zillikens, der die 23-Jährige als Nebenklägerin vertrat, sagte, dass es für die junge Pflegeschülerin keinen Grund gab, sich die Geschichte auszudenken. Leider habe der Angeklagte kein Geständnis abgelegt: „Sonst wäre die Vernehmung und das Gerede erspart geblieben.“

Geldstrafe: 45 Tagessätze zu je 125 Euro

Für Verteidiger Oliver Brock waren in dem Prozess „viele Punkte offen“ und Fragen unbeantwortet geblieben. Da hier Aussage gegen Aussage stand, hätte seiner Meinung nach das Rundum-Geschehen noch weiter erörtert werden mü ssen, um die Aussage-Kompetenz und Aussage-Konstanz der 23-Jährigen besser einschätzen zu können. Er plädierte auf Freispruch.

Richter Härtel sagte, dass der Angeklagte gut beraten gewesen wäre, das seinerzeitige Angebot, das Verfahren gegen Zahlung von 2000 Euro einzustellen, anzunehmen. Aber die Vorwürfe passten offenbar „nicht in das Bild, das er von sich hat“. Es sei schade und bedauerlich, dass er „nicht den Dreh“ zu einem Geständnis bekommen habe. Die Geldstrafe von 45 Tagessätzen à 125 Euro liege „im unteren Bereich“.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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