Gericht

Briloner sieht nach Verfolgungsjagd mit Polizei kein Problem

Am Amtsgericht Brilon muss sich ein 33-Jähriger verantworten, weil er unter anderem einen Polizisten mit Tierabwehrspray verletzt haben soll.

Am Amtsgericht Brilon muss sich ein 33-Jähriger verantworten, weil er unter anderem einen Polizisten mit Tierabwehrspray verletzt haben soll.

Foto: picture alliance

Brilon   Vor dem Amtsgericht Brilon gibt ein 33-Jähriger an, von der Polizei zur Flucht genötigt worden zu sein. Eine Polizistin habe ihre Waffe gezogen.

In Fußfesseln kommt der Angeklagte in den Gerichtssaal am Amtsgericht Brilon. Glatze, Vollbart, unter dem Hemd spannen sich die breiten Oberarme und einen kalten Blick, der jeden Zeugen ganz genau mustert. Von Schuldgefühl ist nichts zu sehen.

In Ruhe lauscht er den Vorwürfen durch die Staatsanwältin. Sie verliest in der Verhandlung mehrere Anklagen. Er soll am 31. Oktober 2018 in einer Tempo-30-Zone am Nordring Richtung Ratmerstein eine Fahrschülerin im Gegenverkehr mit 80 km/h überholt haben. Ein entgegenkommendes Fahrzeug habe bis zum Stillstand abbremsen müssen. Problematisch ist in der Verhandlung, dass sich zwar jeder an den weißen Audi erinnern kann, der viel zu schnell unterwegs war, jedoch konnte niemand bei der Geschwindigkeit den Fahrer erkennen. „Vielleicht hätte das Auto auch noch vor den Fahrschulwagen gepasst, wenn ich nicht bis zum Stillstand abgebremst hätte. Das kann ich schwer einschätzen. Ich habe vor allem aus Schreck gebremst“, sagt ein Fahrer aus dem Gegenverkehr. Zu der Sache äußerte sich der Angeklagte nicht. Er schaute den Richter auch auf Nachfrage nicht an, starrte kühl geradeaus. Das Verfahren wurde aus Mangel an Beweisen eingestellt.

Häusliche Gewalt ruft Polizei auf den Plan

Am 24. Januar begab sich die Polizei zur Wohnung der Freundin des Angeklagten. Sie besuchte zuvor die Polizeiwache, um einen Fall von häuslicher Gewalt zu melden. Dort fanden sie den 33-Jährigen in der Einfahrt der Wohnung im Auto der Freundin. Die Beamten blockierten die Ausfahrt, der Angeklagte setzte den Wagen zurück und fuhr anschließend zügig durch ein Blumenbeet am Streifenwagen vorbei. Dabei soll er das Fahrzeug touchiert und einen Schaden von 600 Euro verursacht haben. Der Angeklagte will davon nichts wissen. Er sei genötigt worden davonzufahren, weil eine Polizistin grundlos ihre Waffe gezogen und auf ihn gerichtet habe. „Ihr haltet euch für eine kleine Kommune, aber verhaltet euch wie die Cowboys. Ich weiß nicht, was ihr versucht darzustellen. Das war wie im besten Bruce Willis Film“, sagt er aus. Daraufhin entbrannte eine Verfolgungsjagd von Nehden bis zum Ostring.

„Wir haben Abstand gehalten, weil die Situation zu gefährlich war. Irgendwann haben wir ihn fahren lassen, weil wir ihn eh kannten“, sagt ein Polizist aus. Der Angeklagte fügt ernst hinzu: „Ja, einfach mal fahren lassen. Dann beruhigt sich die Lage auch“, während er in Ruhe seine Brille putzt. Von einer gezogenen Waffe wusste der Polizeibeamte jedoch nichts. Die besagte Beamtin war bei der Verhandlung jedoch nicht anwesend. Sie soll in drei Monaten aussagen.

Wiedersehen mit Widerstand

Bis die Beamten den flüchtigen 33-Jährigen fanden, dauerte es bis zum 2. März. Am Haus der Eltern in Soest fanden sie einen Wagen mit drei weiblichen Insassen vor. Der Angeklagte kam wenig später aus dem Haus, bedeckt mit Schal und Mütze. „Wir wollten seine Identität feststellen, aber er nuschelte nur irgendeinen Namen und griff dann plötzlich in seine Hosentasche“, beschreibt ein Beamter das Geschehen. Der Polizist habe daraufhin das Handgelenk des Angeklagten festgehalten, aber dieser habe sich in den Wagen fallen lassen und den Beamten so mit sich gezogen.

Der Beamte habe auf dem Angeklagten gelegen und dessen Arme festgehalten. In einer Hand des 33-Jährigen befand sich ein Tierabwehrspray. Durch Anwinkeln des Handgelenks gelang es ihm, das Spray gegen den Polizisten einzusetzen. Er traf ihn im Mund und an der Nase. Um die Atemwege von dem Inhalt zu befreien, musste er in eine Klinik fahren. Weitere Beamte gingen in das Fahrzeug und hielten den Angeklagten fest bevor es ihnen gelang ihn zu fesseln und in einen Streifenwagen zu bringen. Immer wieder habe der Angeklagte versucht, die Beamten mit Tritten und Schlägen zu verletzen. Die Anklage lautet auf gefährliche Körperverletzung. Aber auch zu diesem Punkt fehlen Informationen von Seiten des Angeklagten. Er soll laut Rechtsanwalt Jan-Christian Hochmann Verletzungen im Rippenbereich bei der Festnahme erlitten haben. Die Zeugen wissen nicht, wie es dazu gekommen sein könnte.

Die Frauen, die sich ebenfalls dort aufhielten, haben laut den Polizisten lautstark protestiert und den Vorfall eventuell auch mit dem Handy gefilmt haben.

Richter und Anwalt uneinig

Vor Gericht entbrennt auch eine Meinungsverschiedenheit zwischen Rechtsanwalt Hochmann und Richter Härtel. Der Pflichtverteidiger gibt an, nicht genug Zeit gehabt zu haben, um sich auf den Fall vorzubereiten und regt an, das Verfahren an einem späteren Tag zu beginnen. „Jetzt haben wir alle Zeugen geladen und sie kennen den Verhandlungstermin schon länger. Das hätte Ihnen auch früher klar sein können“, wendet Härtel ein. Schon zu Beginn der Verhandlung äußert der Anwalt die Meinung, dass das Verfahren an diesem Tag kein Ende finden würde. „Ich möchte gerne noch die Zeuginnen aus dem Auto hören und sehen, was auf dem Handy gefilmt wurde. Dazu möchte ich dann auch alle Beamten befragen“, sagt er zum Ende des Verhandlungstages. Von den sichergestellten Handys hätte der Anwalt laut Härtel wissen müssen. Dann hätten die Informationen bereits an diesem Tag Gegenstand sein können. „Wo bin ich denn hier gelandet, wenn ich keine Zeuginnen zur Entlastung meines Mandanten befragen kann“, fragte der Rechtsanwalt noch genervt. Die Verhandlung geht im September weiter.

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