Interview

Dänische Sängerin Ida Gard tritt bald in Brilon auf

Am 24. März im Kump in Brilon: Ida Gard

Foto: Christian Reinhard

Am 24. März im Kump in Brilon: Ida Gard Foto: Christian Reinhard

Brilon.   In Dänemark gilt Ida Gard als aufgehender Stern. Im März tritt sie in Brilon auf. Ein Interview über Bob Dylan, Deutschland und ihre Musik.

Sie ist jemand, der sich in Interview Zeit zum Nachdenken nimmt, bevor sie antwortet. Sie erzählt frei heraus, wie sie mit Bob Dylan ein Konzert spielte und welche Romane ihre Lieder inspiriert haben, und fragt zwischendurch, ob das Konzept und die Bilder hinter ihren Songs verständlich ist. Ihre Wortwahl ist bedacht; man merkt, wie viel es ihr bedeutet, die richtigen Bilder für das zu finden, was sie sagen möchte. Die Texte, die daraus entstehen sind voller Kraft und Metaphern – und mit ihnen ist Ida Gard gerade so erfolgreich.


Inzwischen ist bereits dein drittes Album erhältlich, aber fangen wir doch einmal ganz vorne an: Wie bist du überhaupt zur Musik gekommen? Als ich neun Jahre alt war, habe ich begonnen Klavier zu spielen. Die erste Songs, die ich geschrieben habe, waren ziemlich albern: Ich war sechzehn oder siebzehn und meine Freunde und ich haben zusammen versucht, Musik zu machen. Ich hatte lange Zeit Angst, meine Musik vor anderen zu spielen. Bei meinen ersten Auftritten hatte ich das Gefühl, dass die Zuschauer nicht so reagierten, wie ich es gerne hätte. Deshalb habe ich mich für einen Kurs angemeldet, in dem es darum ging, Songs zu schreiben. In den zehn Wochen, die der Kurs gedauert hat, habe ich vier Songs verfasst, die es alle auf mein Debütalbum geschafft haben. Mit einem dieser Songs habe ich einen Radiowettbewerb gewonnen, daraufhin wurde mir ein Plattenvertrag angeboten– ab da ging also alles ganz schnell!

(Hier geht's zur Hörprobe)


Im März wirst Du auch in Brilon auftreten und Du hast sogar einen Song mit dem Titel „Germany“ geschrieben. Wie kam es dazu?
Ich finde es wunderbar, die Möglichkeit, von einem anderen Land zu kommen und auftreten zu dürfen. Das ist ganz typisch deutsch. Ich glaube, die Deutschen hören sich einfach gerne Livemusik an. In den letzten drei Jahren bin ich bereits einige Male durch Deutschland getourt und das Land heißt ausländische Musiker ganz herzlich willkommen – das ist toll! Ich spreche nur ein kleines bisschen Deutsch, aber wir lernen die Sprache hier auch in der Schule. Ich mag die systematische Struktur dahinter sehr gerne, und für Dänen ist Deutsch einfach zu lernen, weil die beiden Sprachen so ähnlich sind. Und natürlich habe ich gehofft, mit so einem Song noch öfter in Deutschland auftreten zu dürfen! (lacht)


Beim Spot-Festival standest Du mit Songs auf der Bühne, die Flüchtlinge aus unter anderem dem Irak und aus Syrien geschrieben hatten. Wie fühlt es sich an, mit Menschen, die einen anderen kulturellen Hintergrund mitbringen, zu arbeiten?
Ich war sehr bewegt davon! Die junge Frau, die den Song geschrieben hatte, den ich vorstellen durfte, konnte ich leider nicht kennen lernen. Ich wünschte, es wäre möglich gewesen, sich einmal mit ihr zu treffen und sich mit ihr zu unterhalten, aber leider ging das nicht. Gleichzeitig ist es aber auch hart, die Geschichten, die hinter diesen Songs stehen, zu lesen und zu wissen, dass jemand genau das erlebt hat – und dass dort draußen Menschen sind, die dasselbe genau in diesem Moment durchmachen.


Bei einer weiteren Tour durftest Du Bob Dylan begleiten. Hattest Du eine Möglichkeit, ihn kennenzulernen?
Ich hatte auch gehofft, wenigstens einmal kurz mit ihm sprechen zu dürfen, aber so war es nicht. Niemand von uns durfte ihn kennen lernen; nicht einmal beim Soundcheck haben wir ihn gesehen. Dafür konnten wir uns mit den Musikern aus seiner Band unterhalten und die waren total nett und bodenständig. Es war ziemlich komisch, die ganze Zeit über Bob Dylan nicht persönlich zu Gesicht zu bekommen, aber gleichzeitig war es eine unglaubliche Erfahrung, einmal auf dieser großen Bühne auftreten zu dürfen!


Wie sieht es aus, wenn Du einen neuen Song schreibst: Taucht da eine Melodie in deinem Kopf auf?
Ich glaube, das erste, was ich habe, ist nicht ein Konzept, aber zumindest eine Idee, wie der Song am Ende aussehen wird oder zumindest worum es gehen soll. Dann geht es nach und nach. Zuerst schreibe ich die Strophe, dann den Refrain, dann wieder die Strophe, bis ich einen Song zusammen hab.

Früh zu lernen, Dinge zu tun, die einem Angst machen 

Dein zweites Album trägt den Titel „Doors“. Was bedeutet dieses Symbol, die Tür, für Dich?
Die Tür steht dafür, dass sich neue Möglichkeiten ergeben. Es geht darum, jede Möglichkeit anzunehmen, die sich ergibt, es geht um das Geben und Nehmen mit deinen Mitmenschen. Gleichzeitig geht es um die Erwartungen, die wir oft an andere und an uns selbst haben, auch ohne sie auszusprechen.


Dein neues Album trägt den geheimnisvollen Titel „Womb“. Worum geht es darauf?
Inspiriert wurde es von dem Buch „Populärmusik aus Vittula“ von dem schwedischen Autor Mikael Niemi. Mit meinen Songs versuche ich, einzelne Szenen aus dem Roman nachzuahmen. Bei dem Bild „Womb“ geht es immer um eine Entwicklung, beinahe um eine Wiedergeburt oder den Schritt in einen neuen Lebensabschnitt, zum Beispiel von der Jugend zum Erwachsensein. Natürlich geht es aber auch um das Ausbrechen aus einem früheren Leben. Der Roman hat mich da sehr berührt und ich würde ihn jedem empfehlen!


Das Musikvideo zu „Womb“ sieht so viel dunkler aus als die Musikvideos, die wir zuvor von Dir kannten. Was hat sich zwischen „Doors“ und „Womb“ für dich verändert?
Bei den drei Alben, die ich nun schon herausgebracht habe, habe ich den Eindruck, dass ich da ein Muster erkennen kann: „Doors“ war eine Reaktion auf mein erstes Album, ebenso wie „Womb“ eine Reaktion auf „Doors“ ist. Letzteres war dabei etwas leichter und eher an den Mainstream angepasst. Danach wollte ich nicht mehr immer glücklich auf der Bühne stehen müssen, ich wollte etwas machen, das düsterer und aggressiver ist. So ist „Womb“ entstanden und ich bin mir jetzt schon sicher, dass mein viertes Album wieder weniger dunkel werden wird.

Ich glaube, wenn man ein Album herausbringt, dann zwingt man sich immer ein Stück weit in eine Box hinein. Man geht raus und sagt, „Schaut, diese CD ist das, was ich bin.“ Letztendlich wird man aber immer mehr sein als nur ein Album, und mit jedem neuen Album breche ich wieder aus der Box aus, die das vorherige Album um mich herum gebaut hat.


Deine Songtexte sind abstrakt und voller Symbole und Metaphern. Ist das etwas, was die Musik für dich besonders spannend macht?
Auf jeden Fall! Ich würde sagen, ich bin schon zu einem sehr großen Teil auch Schreiberin oder gar Autorin. Ich schreibe viele Texte, die dann nicht zu Songs werden, und ich mochte schon immer Musik, die es versteht, mit Hilfe von ihren Texten aufzufallen. Ich glaube, wenn ich Musik höre, dann höre ich zuerst den Text und dann den Beat. Ich könnte mir auch gut vorstellen, einmal etwas zu veröffentlichen, das keine Musik ist. Ich arbeite gerne an anderen Texten und hatte einmal die Möglichkeit, den Autor von „Populärmusik aus Vittula“ zu treffen. Das hat mich sehr inspiriert, also mal schauen, ob von meinen anderen Texten auch einmal etwas an die Öffentlichkeit gelangen wird.


Im Musikgeschäft gibt es viele junge Talente, die es mit ihren Songs versuchen möchten: Hast Du etwas in den letzten Jahren gelernt, das Du an sie weitergeben würdest?
Es ist ein langer Prozess, und Dinge, Lieder oder Ideen, die am Anfang dieses Prozesses funktionieren, werden vielleicht am Ende nicht mehr funktionieren, deshalb muss man viel Neues ausprobieren. Außerdem ist es gut, früh zu lernen, Dinge zu tun, die einem Angst machen, sich aber dennoch richtig anfühlen, sich z.B. auf eine Bühne zu stellen, einen Schlagzeuger zu fragen, ob er mit dir zusammenarbeiten möchte, Kontakte zu knüpfen. Versuche, dich mit deinen Ängsten anzufreunden!

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