Tierschutz

Der komplex-verflochtene Fall am Ziegenhof in Brilon

Die Momentaufnahme: Blick in den Ziegenhof bei Brilon. Rund 700 Ziegen soll der Bestand umfassen Zu dem Zeitpunkt, als die Westfalenpost den Hof besuchte, war der Stall in einem guten Zustand.

Die Momentaufnahme: Blick in den Ziegenhof bei Brilon. Rund 700 Ziegen soll der Bestand umfassen Zu dem Zeitpunkt, als die Westfalenpost den Hof besuchte, war der Stall in einem guten Zustand.

Foto: Jürgen Hendrichs

Brilon.   Werden Ziegen in Brilon unter skandalösen Bedingungen gehalten oder wird ein Landwirt zu Unrecht an den Pranger gestellt? Eine Bestandsaufnahme.

Der Umweltausschuss des Hochsauerlandkreises beschäftigt sich am Donnerstag, 9. März (17 Uhr, Kreishaus Meschede), mit der Affäre um den Briloner Ziegenhof. Der Fall, der durch einen Film der Organisation PETA ins Rollen gekommen war, ist komplex. Mehrere Anzeigen sind eingegangen. Unter anderen gegen den Betreiber des Ziegenhofes und gegen das Veterinäramt. Die Ermittlungen sind aufwändig. „Derzeit gibt es keine neuen Erkenntnisse“, sagt Oberstaatsanwalt Werner Wolff.

Veterinäramt und Politik

Die Sauerländer Bürgerliste (SBL) hat einen Katalog mit 30 Fragen zur Sitzung des Umweltausschusses gestellt. „Viele Menschen hat das Schicksal der Tiere schockiert“, schreibt SBL-Fraktionssprecher Reinhard Loos. Unter anderem erkundigt sich die Fraktion, ob es auf dem Ziegenhof in Medebach gestorbene Tiere mit Ohrmarken aus dem Hof in Brilon gab. In Medebach hatte das Kreis-Veterinäramt veranlasst, dass sämtliche Tiere von dem Hof entfernt werden, da dort Ziegen unter desolaten Bedingungen gehalten wurden.

Die Kreisverwaltung hatte auf eine erste Anfrage der SBL-Fraktion eine Stellungnahme abgegeben. Darin betont das Kreis-Veterinäramt erneut, dass bei regelmäßigen Kontrollen nur geringfügige Mängel auf dem Hof in Brilon festgestellt worden seien. „Die letzte Kontrolle der in Rede stehenden Tierhaltung erfolgte am 16.02.2017 auf Grund einer anonymen Anzeige die Gänsehaltung betreffend. Die Gänse- und Hundehaltung war nicht zu beanstanden. Die Ziegenhaltung war bis auf einzelne magere Ziegen erneut völlig unauffällig“, heißt es in der Antwort der Kreisverwaltung.

Hauptakteur 1: Ziegenhalter

Der Betreiber des Ziegenhofes beteuert, dass seine Tiere korrekt gehalten werden. Die Westfalenpost war vor Ort. Eine Momentaufnahme. Der Ziegenstall war zu diesem Zeitpunkt in einem guten Zustand. „Das, was hier passiert, soll die gesamte Biobranche schädigen“, sagt der Landwirt mit Blick auf die Aufnahmen, die PETA ins Netz gestellt hatte. Ein Großteil der Tiere sei zwar erkrankt, es handele sich aber um ein häufig vorkommendes Krankheitsbild bei Ziegenherden: Pseudo-Tuberkulose – eine chronische, bakterielle Infektionskrankheit. „Der wichtigste Weg der Einschleppung dieser Erkrankung in eine Herde ist der Zukauf unerkannt infizierter Tiere. Dem Tierhalter wurde geraten, Kontakt mit dem Tiergesundheitsdienst der Landwirtschaftskammer NRW aufzunehmen“, so die Kreisverwaltung. Ziel war ein Sanierungskonzept. Dieser Empfehlung sei der Ziegenwirt gefolgt. Da 90 Prozent der Herde infiziert seien, sei eine Bestandssanierung nicht möglich, beteuert der Hofinhaber. Er habe 2016 mit einer Entfernung der erkrankten Ziegen aus dem Bestand begonnen, die im Endstadium angekommen waren. Bis 2019 will er nach eigener Aussage den Bestand seiner Herde immer weiter zurückfahren und dann durch eine Herde mit 300 neuen Ziegen ersetzen. Dadurch, dass der Verein Bioland ihm das Bioland-Siegel entzogen habe, könne er seine Milch, die er in einem Genossenschaftsverbund vermarktet hatte, nicht mehr verkaufen. Sie werde derzeit entsorgt. In einem Schiedsverfahren soll geklärt werden, ob der Entzug des Siegels rechtmäßig war. Die Zertifizierung als Erzeuger ökologisch/ biologischer Erzeugnisse im Sinne der EU-Verordnung wurde ihm indes nicht entzogen. Sie wurde Ende Januar um ein Jahr verlängert.

Hauptakteur 2: Kronzeuge

Sven W. tritt als eine Art Kronzeuge auf. Er beteuert: Auf dem Ziegenhof werden die Tiere alles andere als ordentlich gehalten. Er selbst hatte bis 2014 eine Ziegenherde. Aufgrund einer Erkrankung musste er den Betrieb aufgeben. Er veräußerte damals einen Teil seiner Herde an den Briloner Ziegenbauern. „Damals waren die Tiere in einem guten Zustand. Das kann ich mit Bildern belegen“, sagt er. Der in der Kritik stehende Briloner Landwirt behauptet das Gegenteil. Für einige Monate arbeitete Sven W. auf dem Hof – bis es zum Bruch kam. Grund seien u.a. Differenzen wegen der Tierhaltung gewesen. Dass es sich bei Erkrankung der Herde um eine typische „Ziegenseuche“ handelt, sagt auch W.. Aber: „Die Sanierung einer Herde ist äußerst aufwändig.“ Der jetzt in der Kritik stehende Briloner Ziegenbauer habe den Hof nie im Griff gehabt. Fütterung, Hygiene, eine hohe Sterblichkeit – es habe eine Reihe von Mängeln gegeben, die dazu geführt hätten, dass der Zustand der Herde jetzt so desolat sei. Die Missstände habe er über einen langen Zeitraum dokumentiert.

Sven W. möchte den Hof übernehmen. Dafür sei er bereit, dem Briloner Ziegenbauern eine Leibrente zu zahlen. „Ich will es auch zum Wohle der Tiere“, sagt er. Dass er sein Übernahmeangebot fast zeitgleich mit der Veröffentlichung der PETA-Aufnahmen gemacht habe, sei „unglücklich und ungeschickt“ gewesen. Hintergrund sei ein laufender Rechtsstreit mit dem Briloner Ziegenbauern, in dem es um unbeglichene Forderungen aus dem Jahr 2014 gehe, als er seine Herde verkauft habe.

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