Gericht

Der unendliche Prozess um ein verhungertes Kleinkind

Seit dem vergangenen September steht Rechtsanwalt Stephan Lucas der zehnfachen Mutter im Prozess vor dem Landgericht Arnsberg zur Seite.

Foto: Frank Tischhart

Seit dem vergangenen September steht Rechtsanwalt Stephan Lucas der zehnfachen Mutter im Prozess vor dem Landgericht Arnsberg zur Seite. Foto: Frank Tischhart

Arnsberg/Winterberg.   Das Arnsberger Schwurgericht wollte ein Urteil im Prozess um ein verhungertes Kleinkind fällen. Jetzt sollen doch noch vier Geschwister aussagen

Die Luft nach oben wird dünn für die 40-jährige Angeklagte. Folgt das Schwurgericht den Anträgen von Staatsanwalt und Nebenkläger, dann müsste die zehnfache Mutter ins Gefängnis. Kein Wunder daher, dass ihr Verteidiger alles versucht, um für seine Mandantin eine Strafe auf Bewährung herauszuholen.

Vier ältesten Kinder werden in Zeugenstand gerufen

Im Prozess um den Hungertod eines Kindes hat es am Mittwoch überraschenderweise kein Urteil gegeben. Stattdessen stellte Verteidiger Stephan Lucas einen neuen Beweisantrag, dem das Gericht gefolgt ist: Am 20. Februar sollen nun doch die vier ältesten Kinder in den Zeugenstand gerufen werden.

Es ist der zwölfte Verhandlungstag und es geht nach wie vor um den Tod eines Zweijährigen und das Leiden seiner jüngeren Schwester. Der Angeklagten wird Körperverletzung mit Todesfolge und vorsätzliche Körperverletzung vorgeworfen. Zwischen 2013 und Februar 2014 soll sie zwei ihrer Kinder im Raum Winterberg nicht ausreichend mit Nahrung und Flüssigkeit versorgt haben. Der Junge starb, seine kleinere Schwester konnte gerettet werden.

Angaben zum Ernährungszustand

Verteidiger Lucas ist der Ansicht, dass besonders der älteste Sohn sehr konkrete und unverzichtbare Angaben zum Ernährungszustand seiner jüngeren Geschwister machen kann. Er sei der „tatnächste“ Zeuge. „Mit der Mutter und den Kindern saß er bei Tisch und hat gesehen, dass die jüngeren Geschwister sehr wohl gegessen haben und dass gekuschelt wurde. Er hat das Geschehen vor allem über einen längeren Zeitraum verfolgt.“

Strafanzeige gegen den Vater der Kinder

Als skandalös empfindet es Lucas, dass die Staatsanwaltschaft bislang nicht gegen den Vater der Kinder ermittle. Der habe seelenruhig zuschauen dürfen, dass der Junge - Aussage des Vaters - „fast zerbricht“ und bleibe womöglich straffrei. Hingegen werde seiner Mandantin ein Strick daraus gedreht, dass der Junge trotz eines fest geplanten Arztbesuches gestorben sei. Im Namen seiner Mandantin werde er jetzt Strafanzeige wegen gefährlicher Körperverletzung durch Unterlassen gegen den Vater stellen. Lucas außerdem: „Ich sehe nicht, dass wir zu einem Urteil kommen, solange nicht alle Möglichkeiten zur Tataufklärung ausgeschöpft sind.“

Nicht genügend strafmildernde Gründe

Staatsanwalt Klaus Neulken und Verteidiger Oliver Brock, der den Vater der Kinder als Nebenkläger vertritt, hatten sich gegen eine Vernehmung der Kinder ausgesprochen. Für so einen Antrag müsse die Angeklagte definitiv ihr Geständnis widerrufen. Das habe sie vor Gericht bislang nicht getan, so dass die Kammer von einer geständigen Einlassung ausgehen müsse, kritisierte Oliver Brock das Procedere. Der Verteidiger stelle jetzt überraschenderweise einen neuen Beweisantrag, weil er mit dem geforderten Strafrahmen nicht einverstanden sei.

Staatsanwalt Klaus Neulken hatte vergangene Woche drei Jahre und acht Monate Freiheitsstrafe gefordert. Er sehe nicht genügend strafmildernde Gründe für einen minderschweren Fall. Die Angeklagte habe viele Hilfsangebote ausgeschlagen und das Leid der Kinder zu lange tatenlos hingenommen. Oliver Brock als Vertreter hatte sogar vier Jahre Freiheitsstrafe gefordert.

„Das Gericht kann den neuen Beweisantrag nicht ablehnen“, sagte die Vorsitzende Richterin Dorina Henkel. Vier weitere Verhandlungstage sind anberaumt.

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