Buchtipp

Die Zeit nach dem Amoklauf

Im Buch „Alles still auf einmal“ geht es um einen sechsjährigen Jungen, der bei einem Amoklauf seinen Bruder verliert. Mit der Tragödie gehen die Familienmitglieder ganz unterschiedlich emotional um.

Im Buch „Alles still auf einmal“ geht es um einen sechsjährigen Jungen, der bei einem Amoklauf seinen Bruder verliert. Mit der Tragödie gehen die Familienmitglieder ganz unterschiedlich emotional um.

Foto: Olaf Fuhrmann / Funke Foto Services GmbH

Rhiannon Navin erzählt in „Alles still auf einmal“ von den Folgen eines Amoklaufes für einen Sechsjährigen. Ihr Sohn gab ihr die Inspiration.

Hochsauerland. Unser Buchtipp der Woche kommt heute aus der Stadtbibliothek Meschede. Es geht um das Buch „Alles still auf einmal“ von Rhiannon Navin. Erschienen ist es dtv Verlag.

Worum geht es?

Der sechsjährige Zach wird in seiner Schule Zeuge eines Amoklaufes, bei dem auch sein eigener Bruder Andy ums Leben kommt. Dieses schreckliche Ereignis lässt das Leben seiner Familie fast zusammenbrechen. Aus seiner kindlichen Perspektive erzählt er, wie er und seine Eltern mit der Tragödie umzugehen versuchen.

Was macht das Buch aus? Wo liegen Stärken oder Schwächen?

Die in Bremen aufgewachsene Autorin, die mittlerweile mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern außerhalb von New York City lebt, wurde zu diesem Roman von ihrem eigenen Sohn inspiriert. Wenige Wochen, nachdem er in die Vorschule gekommen war, fand sie ihn unter dem Küchentisch, wo er sich „vor dem bösen Mann versteckte“. Am Morgen hatte er in der Vorschule geübt, was zu tun ist, wenn ein Amokläufer kommt. Rhiannon Navin fragte sich: „In welchen Zeiten leben wir, dass man Fünfjährigen beibringt, sich vor dem bösen Mann zu verstecken?“ und begann zu schreiben.

Sie schreibt aus der kindlichen Perspektive von Zach, der um seinen Bruder trauert, manchmal aber auch erleichtert ist, denn Andy war mit seiner Aufsässigkeit und seinem oft aggressiven Verhalten das Sorgenkind der Familie. Zachs Eltern gehen unterschiedlich mit dem gewaltsamen Tod ihres Sohnes um. Jim, sein Vater, zieht sich in sich selbst zurück, seine Mutter Melissa bricht über dem Tod ihres Sohnes zusammen und wandelt ihre Verzweiflung in Wut, indem sie einen Rachefeldzug startet gegen die Familie des von der Polizei getöteten Täters. Beide können sich nicht wirklich um Zach kümmern, der mit seinen Gefühlen lange Zeit allein zurecht kommen muss. Letztlich ist er es, der die Familie wieder zusammenführt.

Warum empfehlen Sie das Buch?

Die warmherzig erzählte Geschichte verzichtet auf unnötig grausame Szenen, sondern geht vielmehr der Frage nach, wie eine Familie mit einem unvorstellbar tragischen Erlebnis weiterleben kann. Behutsam verknüpft die Autorin die Themen Familie, Trauma, Vorurteil und Vergebung und geht der Frage nach, wie wir in Zeiten sinnloser Gewalt unsere Menschlichkeit bewahren. Dabei ist die kindliche Erzählperspektive berührend und stärkend zugleich. Zach stellt sich unvoreingenommen seinen unterschiedlichen Gefühlen. Da sind Trauer und Angst, Wut und Scham, Einsamkeit, aber auch Glück. Er versucht sie einzuordnen, indem er z.B. jedem Gefühl eine eigene Farbe zuordnet und auf unterschiedliche Blätter malt. Mit nur sechs Jahren versteht Zach mehr von Herz und Seele als die Erwachsenen um ihn herum, hat eine amerikanische Buchkritikerin geschrieben. Dem kann ich mich nur anschließen.

Für wen ist das Buch gedacht?

Für alle, die sich auf kindliche Weisheit einlassen können, für alle Eltern, die hier lernen, ihren Kindern zuzuhören und mit ihren Augen die Welt zu sehen.

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