Fragendomino

Ein Grenzgänger und -kenner

Der Rezess zwischen Kurköln und Waldeck aus dem Jahre 1654 - der vorletzte Versuch, die Teilung zu verhindern.

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Der Rezess zwischen Kurköln und Waldeck aus dem Jahre 1654 - der vorletzte Versuch, die Teilung zu verhindern. Foto: WP

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Altkreis.  Der Fanclub „Schalker Buiterlinge“ aus Olsberg war vergangene Woche beim „Fragen-Domino“ am Zuge. Heute fällt der Dominostein von Olsberg nach Düdinghausen. Fanclub-Vorsitzender Uwe Hees befragt den Vorsitzenden des Heimat- und Verkehrsvereins Düdinghausen, Horst Frese.


Die Freigrafschaft Düdinghausen steht zurzeit häufig in den Zeitungen. Warum ist diese alte Geschichte heute noch so interessant?
2013 ist ein besonderes Erinnerungsjahr. Vor 350 Jahren, also 1663, wurden die acht Dörfer der Freigrafschaft Düdinghausen auseinandergerissen und zwischen der Grafschaft Waldeck und dem Kurfürstentum Köln aufgeteilt. So kamen das Kirchspiel Eppe mit Hillershausen und Niederschleidern zum lutherischen Waldeck, heute Hessen, während die Kirchspiele Deifeld (Wissinghausen) mit Titmaringhausen und Referinghausen sowie Düdinghausen mit Oberschledorn zum katholischen kurkölnischen Herzogtum Westfalen, heute NRW, kamen. Grund dafür war ein über 100 Jahre langer Territorialstreit um den Besitz der Dörfer.

Aber die Verbindungen der drei überwiegend katholischen Waldecker Dörfer mit ihren westfälischen Nachbarn waren lebendig geblieben. Bis heute sind Eheschließungen über die Grenze hinweg populär.

Auch in den Bereichen Musik, Sport und Feste gibt es viel Miteinander. Basis ist die bewegte 1000 Jahre alte gemeinsame Geschichte dieser sächsischen Dörfer an der Wilden Aar. Und dazu beschlossen sie Ende 2011, im Jahr 2013 ihre Geschichte gemeinsam in den Mittelpunkt zu stellen.
Was wird im Freigrafschaftsjahr 2013 hierfür getan?
Die acht Dörfer haben eine AG Freigrafschaftsjahr 2013 gegründet mit mir als Koordinator. Mitglieder sind auch die Geschichtsvereine, die Städte und die Touristiken. Wir haben größtenteils ehrenamtlich, teils mit Hilfe von Sponsoren, eine Wanderausstellung entwickelt. Eine Steuerungsgruppe sorgte für den Fortschritt, Akteure aus jedem Dorf beteiligten sich. Die Ausstellung geht durch alle Dörfer und die angrenzenden Museen. Zurzeit steht sie gerade in der Oberschledorner Kirche und ist bald in Buchform zu haben. Über eine Kindermalaktion haben sich die Grundschule Oberschledorn sowie die Gemeinschaftsschule Eppe mit der Geschichte beschäftigt. Die Bilder gingen als Ausstellung nach Medebach und Korbach.

Auch gibt es in jedem Dorf ein Fest, bei dem unsere Geschichte eine Rolle spielt, z.B. jüngst das Jubiläumsfest in Nieder-schleidern auf Waldecker Seite oder – auf Medebacher Seite – am 11. August das Historische Dorffest in Deifeld und am 31. August/1. September das Freigrafschaftsfest mit fünftem Drechselmarkt in Düdinghausen. Auf Sternwanderungen besuchen die Nachbardörfer die Feste.

Zudem setzen erste Dörfer begreifbare Projekte zu zentralen Ereignissen ihrer Geschichte um, so Eppe den Bau der Kapelle in Erinnerung an die damalige Simultankirche, so Düdinghausen die Einrichtung des Freistuhls, bald auch Deifeld/Wissinghausen mit einem Infopunkt zur Weiberschlacht. Der Abschluss des Freigrafschaftsjahrs wird in Niederschleidern um die neue Grenzlandkelterei herum mit einem zünftigen Kartoffelbraten gefeiert.


Wie sind Sie persönlich eigentlich auf dieses Thema gekommen?
Diese Geschichte beginnt in Leipzig im Sommer 1990. Ich wirkte dort als NRW-Umweltjurist mit bei der Erhaltung des Auewaldes, bei Plänen zur Aufdeckelung der Flüsse, beim Wiederaufbau von Mölbis, des damals dreckigsten Dorfs Europas und auch als Führer von Prinz Charles durch den devastierten Südraum Leipzig. Dies machte zwar viel Spaß, jedoch brauchte unsere junge Familie ab und zu gute Luft. So wurde für uns Düdinghausen, das Dorf meiner Kindheit, unser häufiges Wochenendziel. Hier half ich Antonie Finnemann bei der

Herausgabe ihrer Dokumentation „Düdinghausen - umstrittenes Dorf an der Grenze“. Aus dem Buch heraus entwickelte ich dann zwischen 1995 und 1997 mit Hilfe meines ersten Laptops einen Dorfrundgang („Häusertafeln erzählen“). Das Thema ließ mich dann nicht mehr los. So entwarf ich auch einen Bildervortrag, den ich immer häufiger halte. Und zuletzt sah ich es als große Chance an, über ein Freigrafschaftsjahr 2013 die Geschichte der Dörfer zu einer breit getragenen Bewegung zu machen. Und meine Hoffnungen sind mehr als erfüllt.


Und wie geht es nach 2013 weiter?
Zunächst werben wir dafür, dass in jedem Dorf ein zentrales Geschichtsereignis auch begreifbar gemacht wird, z.B. durch Hinweise an historischen Gebäuden, durch eine neue Skulptur, ein Exponat wie einen Handelswagen auf der Heidenstraße. Auch planen wir einen Freigrafschafts-Rundweg, der die Dörfer, die Menschen, die Skulpturen und auch die Gasthäuser miteinander verbindet. Die Geschichtszeugnisse der Freigrafschaft sollen dann eine Säule des geplanten Geschichtserlebnisparks Medebach werden – zum Nutzen für die Menschen in unserer Region und auch für unsere Gäste.

Auch wünschen wir uns noch mehr grenzübergreifende Kooperationen: Schön wäre es z.B., wenn es von den westfälischen Dörfern aus bessere ÖPNV-Verbindungen auch nach Korbach und Willingen gäbe, wenn wir gemeinsam den grenzübergreifenden Geopark zur Blüte führen, mit dem angrenzenden Naturpark Diemelsee in eine erfolgreiche Zusammenarbeit kommen können.

Das wichtigste aber ist, dass wir – wie bisher - unser Miteinander weiter gut pflegen. Und wenn die gemeinsame Beschäftigung mit unserer Geschichte dazu einen Beitrag geleistet hat, dann ist sie aller Mühen wert gewesen.

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