Fragendomino

„Gedichte sind Sachbücher für die Seele“

Christiane Kretzschmar

Christiane Kretzschmar

Foto: WP

Brilon.   Der Fragendomino-Stein purzelt heute von der Sängerin Schirin Partowi zu Christiane Kretzschmar. Sie ist mittlerweile nicht nur „dienstältestes Ratsmitglied“, sondern auch kulturell sehr gut vernetzt und interessiert.

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Der Fragendomino-Stein purzelt heute von der Sängerin Schirin Partowi zu Christiane Kretzschmar. Sie ist mittlerweile nicht nur „dienstältestes Ratsmitglied“, sondern auch kulturell sehr gut vernetzt und interessiert. Los geht’s.

Kommst Du eigentlich aus Brilon und wie gefällt es Dir dort?

Ich wohne schon 30 Jahre in Brilon und wurde in Bigge geboren. Die ersten zwei Jahre, nachdem mein Mann und ich aus Münster wieder hier her zogen, waren sehr schwer. Mein Mann Thomas hatte sein Studium beendet und eine Assistenzarztstelle im Krankenhaus Maria Hilf angenommen. Er war von seiner Arbeit und den Notdiensten sehr in Anspruch genommen. Ich hatte gerade unser erstes Kind bekommen und war mit unserem Sohn schwanger, arbeitete nicht mehr und vermisste die alten Freundinnen und Freunde in Münster und meine Arbeit in der Apotheke. Die Rettung kam von unerwarteter Stelle. Im fernen Russland brannte ein Reaktor durch. Meine Kinder waren zwei und ein halbes Jahr alt. Ich fühlte mich völlig hilflos, angesichts der Katastrophe, von der jeder wusste, dass sie möglich war, an die aber kaum jemand geglaubt hatte. Da las ich in der Westfalenpost von einer Einladung im alten Gasthaus Wilmkes. Menschen, die wie ich, nach praktischen Verhaltensregeln suchten aber auch nach gemeinsamen Austausch oder Möglichkeiten, vielleicht gesellschaftlich oder politisch etwas zu ändern, trafen sich. Und plötzlich saßen sie da, die Gleichgesinnten vom BUND, VNV, von der BBL, dem Blatt, die Friedensbewegten und die Naturschützer. Viele hatten Kinder im Alter meiner Kinder und wir stellten uns die gleichen Fragen und schauten ideologisch in die gleiche Richtung. Lösungen hatte keiner von uns, aber ich fühlte mich nicht mehr allein. Und viele der Gefährten von damals zähle ich noch heute zu den wichtigen Menschen in meinem Leben. Im Jahr 1986 begann dann auch meine politische Arbeit für die Briloner Bürgerliste. Mittlerweile bin ich im Rat der Stadt Brilon die Dienstälteste. Brilon mit seinen vielleicht manchmal sperrigen Menschen und seiner großartigen Landschaft ist meine Heimat, nicht zuletzt weil meine drei Kinder hier aufgewachsen sind.

Dein ursprünglicher Beruf ist der der Pharmazeutisch technischen Assistentin. Ich habe Dich in deinem Geschäft „Alte Werkstatt“, das sich mehr und mehr vom Laden für edle Geschenke zum anspruchsvollen Buchladen entwickelte, kennen gelernt. Du hast in der Praxis Deines Mannes gearbeitet, eine zertifizierte Ausbildung zur Gestalttherapeutischen Beraterin gemacht, eine paartherapeutische Ausbildung angeschlossen und bist noch Beerdigungsrednerin. Wie passt das alles in einem Leben zusammen?

Manchmal sind es ja die Verwerfungen im Lebenslauf, die Wendepunkte darstellen. Ich kann sagen, dass ich das Glück hatte und habe, viele meiner Seiten auch beruflich leben zu können. Immer war es mir jedoch wichtig, mit Menschen zu tun zu haben.

Kannst du ein, zwei Gegenstände nennen, die symbolhaft für Deine Interessen stehen?

Da fallen mir sofort Bücher ein und vielleicht mein Fächerbesen, der immer griffbereit vor meiner Küchentür steht. Das Draußensein ist für mich unbedingt wichtig. Der Fächerbesen steht also für die gezähmte Gartenkultur hinter meinem Haus. Wenn ich schlecht drauf bin, brauch ich nur in den Garten zu gehen und schon sieht alles ein wenig sonniger aus. Mein Garten bedeutet mir mehr als mein Haus, hat er doch wesentlich mit meinem Sein zu tun und weniger mit meinem Haben. Mein Verhältnis zum Lesen, also zu den Büchern, hat Suchtcharakter. Wie in einem gut gefüllten Kühlschrank brauche ich mindestens 20 ungelesene Titel auf der Sofakante, zwischen denen ich nach Lust und Laune auswählen kann. Im Übrigen bin ich davon überzeugt, dass Romane und Gedichte Sachbücher für die Seele sind und in der Lage sein können, Leben zu retten. Aus diesem Grund freue ich mich, mich auch gerade professionell mit der bibliotherapeutischen Seite des Lesens zu beschäftigen.

Was stelle ich mir darunter vor und was planst Du als Nächstes?

Die Europäische Akademie für bio- psycho-soziale Gesundheit beschäftigt sich u. a. mit der Heilkraft der Sprache. In entsprechenden Fortbildungen geht es darum, therapeutische Methoden zu entwickeln und einzusetzen zur Bewältigung von Lebenskrisen sowie zur vertieften Selbsterfahrung und Entwicklung der Persönlichkeit. Dort geh ich noch mal in die Schule.

Aus der Entfernung habe ich mitbekommen, dass du seit Jahren verschiedene kulturelle Veranstaltungen machst. Ich hörte von Abenden über Brecht, Puschkin, Jane Austen, das Glück oder europäische Freiheitskriege.

„Briefe von der Front“ heißt der Abend, den ich mit der Evangelischen Kirchengemeinde und Brilon Kultour am 16. November in der Evangelischen Stadtkirche plane. Aus den Briefen und Notizen, die der französische Autor Henri Barbusse vor 100 Jahren an seine Frau schrieb, habe ich eine literarische Collage zusammengestellt. Sie beleuchtet den widersprüchlichen Prozess der Desillusionierung und Auflehnung gegen das Völkergemetzel, der sich an der Front anbahnt und zeugt dennoch von großer Innigkeit, Liebe und Hoffnung des Soldaten. An dem Thema reizte mich besonders die französische Sicht auf den fürchterlichen Ersten Weltkrieg. Um ein Gespür für die Zeit zu bekommen, habe ich im Briloner Archiv Zeitungsartikel studiert. Im Kloster Einsiedeln hatte ich die Möglichkeit, Einsicht in die wohl umfassendste Sammlung von Frontbriefen und Fotos vieler Nationalitäten zu nehmen. Besonders begeistert bin ich, dass ich, sozusagen als musikalisches Echo, zwei tolle Musiker gewinnen konnte. Das sind die Sängerin Betty Striewe aus Köln mit französischen Liedern aus der Zeit und Dirk Mündelein an der Gitarre.

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