Landwirtschaft und Umwelt

Gülle-Tourismus auch ins Sauerland

Zwischen den Windrädern auf dem Gut Almerfeld steht ein großer Güllebehälter. Dort kommen inzwischen auch Gülle-Tanklaster aus dem Münsterland und aus Ostwestfalen an.

Zwischen den Windrädern auf dem Gut Almerfeld steht ein großer Güllebehälter. Dort kommen inzwischen auch Gülle-Tanklaster aus dem Münsterland und aus Ostwestfalen an.

Foto: Hans Blossey

Madfeld.   Aufgrund der hohen Nitratbelastung in den Mastvieh-Regionen wird die Gülle von dort in andere Gegenden transportiert - auch ins Sauerland.

Ortsvorsteher Heinz Bickmann und Franz Nolte, Vertrauensmann der Landwirtschaftskammer und des Westfälisch-Lippischen Bauernverbandes für die Landwirte im Raum Madfeld, haben sie schon gesehen: die Tanklastzüge mit Nummernschildern aus Ostwestfalen und dem Münsterland, die den riesigen Gülle-Bunker zwischen den Windrädern auf dem Gut Almerfeld anfahren. Sie liefern die Gülle aus der starken und deshalb das Grundwasser belastenden Mastvieh-Region auf die Grünlandflächen des Hochsauerlandes.

Für diesen Gülle-Tourismus hat der Europäische Gerichtshof jetzt deutliche Worte gefunden: Deutschland habe jahrelang gegen die EU-Nitratrichtlinie verstoßen. Hintergrund: Seit Jahrzehnten gelangt in einigen Regionen von Deutschland, insbesondere in der Region Weser-Ems und im Münsterland, durch die intensive landwirtschaftliche Düngung deutlich zu viel Nitrat in Böden und Gewässer.

Nitratmenge unter dem Grenzwert

„Die Folgen der Überdüngung in den genannten Regionen merken wir auch bei uns im Sauerland. Mehr und mehr Gülletransporte erreichen auch unsere Region, was auch mittelbar negative Folgen bei uns haben wird. Diesem Gülle-Tourismus muss Einhalt geboten werden,“ so der heimische SPD-MdB Dirk Wiese, Mitglied im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft des Deutschen Bundestages.

Das Grünland auf der Briloner Hochfläche könne mit seiner dicken Humusschicht die Gülle „gut halten“, sagt Landwirt Franz Nolte. Bisher habe das Ausbringen der Gülle aus den heimischen Betrieben keine Probleme gemacht, die Lagerkapazität reiche in der Regel für sechs Monate, zudem helfe man sich untereinander.

Die Nitratwerte des Trinkwassers liegen deutlich unter den Grenzwerten, wie dem Qualitätsbericht der einzelnen Wassergewinnungsanlagen auf der Homepage der Stadtwerke Brilon zu entnehmen ist. Der Grenzwert liegt bei 50 mg/l, in Brilon liegt die Belastung zwischen 8 und 22 mg/l.

Trinkwasser schwerer zu reinigen

Was ein wenig grotesk anmutet: Um das Grundwasser im Münsterland zu schonen, kommt die Gülle – als Handelsware wird aus dem überschüssigen Fäkalienabfall im Nährstoffkreislauf Wirtschaftsdünger – ins Hochsauerland. In Gegenrichtung liefert die Aabachtalsperre Trinkwasser nach Ostwestfalen und ins Münsterland.

Die Kosten der immer aufwändigeren Trinkwasseraufbereitung seien „für Mensch, Umwelt und Klima mehr als deutlich“, sagt Dirk Wiese. Einem Drei-Personen-Haushalt in nitratbelasteten Gebieten droht ein Anstieg der Wasserrechnung um rund 140 Euro pro Jahr.

Gefahr für Gewässer und Artenvielfalt

Darüber hinaus seien bereits die Folgen des Stickstoffanstiegs in den Oberflächengewässern und Meeren mit verstärkter Algenbildung und sauerstoffarmen Bereichen sichtbar. Zudem nehme auf überdüngten Böden die Artenvielfalt ab. Wiese in seiner Pressemitteilung: „Schäden zu vermeiden, ist immer preiswerter, als sie zu reparieren.“

Der Abgeordnete aus dem Hochsauerland sieht das Bundeslandwirtschaftsministerium gemeinsam mit der Landwirtschaft in der Pflicht. Beide müssten „ernsthaftere Anstrengungen unternehmen, um die Nitratbelastung nachhaltig zu senken“. Wiese: „Weder die Allgemeinheit noch die Landwirte, die ordentlich arbeiten, dürfen für die Versäumnisse der letzten Jahrzehnte in Haftung genommen werden,“ meint Wiese abschließend. Folgen Sie der WP im Altkreis Brilon auf facebook

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