Verkehrsrecht

„Haftpflichtversicherer kürzen die Ansprüche Geschädigter“

Bei Verkehrsunfällen ist es ratsam, eine Rechtsschutzversicherung zu haben. Denn die Versicherungen versuchen häufig,  die Ansprüche der Versicherer unberechtigt zu kürzen.

Bei Verkehrsunfällen ist es ratsam, eine Rechtsschutzversicherung zu haben. Denn die Versicherungen versuchen häufig, die Ansprüche der Versicherer unberechtigt zu kürzen.

Foto: Lutz von Staegmann

Brilon.   Wenn es im HSK um Streitigkeiten geht, dann dreht es sich in jedem dritten Fall um das Verkehrsrecht und umd Ärger mit Versicherungen.

Verkehrsstreitigkeiten sind laut der Streitatlas-Studie von Advokat die zweithäufigste Ursache für gerichtliche Auseinandersetzungen. Allein im HSK drehten sich 30,7 Prozent aller gerichtlichen Streitigkeiten um Verkehrsdelikte. Warum das so ist, erklärt Fachanwalt Oliver Brock.

Können Sie eine Zunahme von Verkehrsstreitigkeiten bestätigen? Gibt es Zahlen aus Ihrem Bereich?

Ich führe seit mehr als 20 Jahren ein umfangreiches Verkehrsrechtsdezernat, das in puncto gerichtlich anhängiger Streitigkeiten steigt. Waren es vor 20 Jahren noch 100 Verkehrsunfälle, die pro Jahr zu bearbeiten waren, so hat sich diese Zahl über die Jahre hinweg verfünffacht. Ein Teil der Schadenfälle wird außergerichtlich erledigt. Aber leider nehmen auch die Verfahren zu, die vor Gericht landen. Auch hier sprechen wir von einer Verfünffachung in den vergangenen 20 Jahren.

Woran liegt das?

Ich glaube nicht, dass die Unfallgeschädigten „streitbarer“ geworden sind. Die Ursache für die Zunahme von Klageverfahren liegt darin begründet, dass die jeweils gegnerischen Haftpflichtversicherer im Rahmen ihres „Schadenmanagements“ schon seit Jahren die Ansprüche Geschädigter unberechtigt kürzen. Fast jedes Jahr nimmt die Versicherungswirtschaft eine andere Schadenposition ins Visier, um Reduzierungen vorzunehmen. Mal sind es die Reparaturkosten, mal die Wertminderung, mal die Sachverständigengebühren. Dieses führt auf Seiten der Versicherungswirtschaft zu einem erheblichen Einsparpotential, wenn sich ein Unfallgeschädigter dagegen nicht zu Wehr setzt.

Das klingt so, als ob man einen Verkehrsstreit als Privatmann kaum noch alleine ausfechten kann?

Die Gerichte sind in der Zwischenzeit zu der Überzeugung gelangt, dass die Regulierung auch eines einfachen Verkehrsunfallgeschehens ohne Einschaltung eines Rechtsanwalts geradezu fahrlässig erscheint. Das liegt nicht zuletzt auch an dem überragenden Wissensvorsprung und der Regulierungsmacht der Versicherungen. Insofern kann ich nur jedem Geschädigten raten, für die Regulierung des Unfallschadens anwaltliche Hilfe in Anspruch zu nehmen um hierdurch sämtliche Schadenpositionen auch ungekürzt durchsetzen zu können.

Ist eine Verkehrsstreitigkeit keine Frage mehr von schuldig oder nicht schuldig?

In der Vielzahl der gerichtlichen Verfahren geht es nicht mehr ausschließlich darum, wer Schuld an dem Unfall hat und ob gegebenenfalls die Gegenseite ein Mitverschulden trägt. Auch bei einer eindeutigen Haftungslage geht es vielmehr sehr häufig um die Höhe einzelner zu Unrecht von der gegnerischen Haftpflichtversicherung gekürzter Schadenpositionen. Das stellen wir übrigens mittlerweile nicht nur im Bereich des reinen Fahrzeugschadens fest, sondern auch, wenn es um Schmerzensgeld geht.

Liegen Männer bei Streitigkeiten rund ums Auto eigentlich vorn?

Eine Signifikanz männlicher Kläger lässt sich nicht feststellen. Verkehrsunfallangelegenheiten sind zwischen den Geschlechtern ausgeglichen. Bei Streitigkeiten außerhalb eines Verkehrsunfallgeschehens (Geltendmachung von Gewährleistungsansprüchen oder Rückgabe eines vermeintlichen „Montag-Autos“) ergibt sich jedoch eindeutig eine überwiegende Anzahl männlicher Kläger.

Natürlich kann man sich überversichern und Sie sollen auch keine Werbung machen. Aber würden Sie jedem Verkehrsteilnehmer zu einem Verkehrsrechtsschutz raten?

In manchen Fällen müssen die Gerichte Gutachten einholen. Da kommen schnell 3000 bis 4000 Euro zusammen. Und der Kläger ist dann kostenvorschusspflichtig. Insofern würde ich jedem raten zu prüfen, ob die Rechtsschutzversicherung auch einen Verkehrsrechtsschutz abdeckt. Häufig fehlt gerade dieser Baustein. Ich kann nur jedem empfehlen, einen Verkehrsrechtsschutz abzuschließen bzw. einen bestehenden Rechtsschutz auf diesen Bereich auszuweiten.

>>> Oliver Brock arbeitet bei „Cramer & Laws“ in Brilon. Er ist u.a. Fachanwalt für Straf,-Verkehrs- und Versicherungsrecht. Das Magazin focus hat ihn mehrfach als führenden Verkehrsrechtsanwalt in Deutschland ausgezeichnet.

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