Gericht

Haftstrafe nach Messerattacke in Flüchtlingsheim Marsberg

Urteil am Landgericht Arnsberg: Zu Jahren und drei Monaten hat das Schwurgericht am Landgericht Arnsberg am Donnerstag einen 30-Jährigen verurteilt.

Urteil am Landgericht Arnsberg: Zu Jahren und drei Monaten hat das Schwurgericht am Landgericht Arnsberg am Donnerstag einen 30-Jährigen verurteilt.

Foto: Stephan Wallocha

Arnsberg/Marsberg.   Im Prozess um eine brutale Messerattacke in Marsberg wurde ein 30-jähriger Asylbewerber verurteilt. Er ging gezielt auf seinen Mitbewohner los.

Zu drei Jahren und drei Monaten hat das Schwurgericht am Landgericht Arnsberg am Donnerstag einen 30-jährigen Marokkaner mit palästinensischen Wurzeln verurteilt. Wie die Staatsanwaltschaft, sah die Große Strafkammer es als erwiesen an, dass der Mann am 3. Dezember 2018 in einer Marsberger Asylbewerber-Unterkunft gezielt auf einen Mitbewohner aus Guinea losgegangen war, mit der Absicht, ihm mit der 20 Zentimeter langen Klinge in den Hals zu stechen. Es gibt eine Geschichte hinter der Tat.

Streit wegen eines entwendeten Portemonnaies

Dank der beherzten Abwehr des Mannes, kam es nur zu einer gefährlichen Körperverletzung in Form eines 1 cm starken Schnitts in den Finger. Ein anderer Mitbewohner aus Somalia hatte bestätigt, dass es einen solchen Kampf gab, nachdem zuvor Streit wegen eines entwendeten Portemonnaies entstandenen war und die beiden den Guineer zweimal des Zimmers verwiesen hatten. Beim dritten Mal soll er mit dem Messer wiedergekommen sein.

Das Urteil zur Rangelei in der Marsberger Asylbewerberunterkunft ist relativ schnell erzählt. Anders aber die Geschichte dahinter: Der Guineer kommt 2013 nach Deutschland, er ist damals 25 Jahre alt und hat schon eine Odyssee hinter sich. Als er europäischen Boden betritt, ist es „der glücklichste Tag“ in seinem Leben. Neun Jahre zuvor hat er den „unglücklichsten Tag“ seines Lebens erlebt, wie er dem Gutachter erzählte. Mit 16 muss er aus dem Heim ausziehen, in das ihn seine Mutter als Kleinkind brachte, weil er Sohn eines Palästinensers war und sie einen Marokkaner heiratete. Sie besucht ihn im Heim, wo er eine neue Familie findet, allerdings keine Schulbildung genießt.

Aus Langeweile immer wieder Alkohol

In „Europa“ vermutet er sein Heil. Über Algerien und Libyen schlägt er sich erst mit Arbeiten am Bau und in der Landwirtschaft durch, bezahlt 800 Euro für einen Schleuser, übersteht die Fahrt übers Mittelmeer, landet erst in Italien, dann in Deutschland. Er erhält aber keine Aufenthaltserlaubnis und bekommt daher keine Arbeit – eine frustrierende Erfahrung für ihn.

Aus Langeweile greift er immer wieder zum Alkohol, auch 2014 gibt es ein erstes Urteil wegen gefährlicher Körperverletzung, er hat sich alkoholisiert geschlagen. Fünf Jahre lang fällt er nicht mehr auf. Mit dem Opfer, das selbst einen Aufenthaltsgenehmigung und Arbeit hat, ist er befreundet, die Lage im Heim ruhig.

Steuerungsfähigkeit erheblich eingeschränkt?

Am Tag der Tat aber war er stark betrunken. In diesem Zustand hatte ihn auch der Hausmeister noch nie gesehen. Ebenso wie den Polizeibeamten, die ihn mit Gewalt fesseln mussten, erschien er ihm aggressiv. Ob seine Steuerungsfähigkeit erheblich eingeschränkt war bei 1,79 Promille? Der Gutachter meinte ja, Gericht, Staatsanwalt und Vertreter der Nebenklage wichen davon ab, sahen keine verminderte Schuldfähigkeit. Seine Version: Er habe das Messer von Küchenarbeiten in der Hand gehabt, sei nur ins Zimmer des Opfers zurückgekehrt, um sich eine Zigarette zu holen. Dort sei er als erstes angegriffen worden mit einer Kopfnuss. Verletzungen, die diese bezeugten, gab es nicht. Wohl aber Abbröckelungen im Putz, dort, wo das Messer gestoppt wurde.

Richter: „Sie sind kein schlechter Mensch“

Dies alles bezog der Richter in seiner Erklärung zum Urteil mit ein. „Sie sind kein schlechter Mensch, das möchten wir als Kammer nicht beurteilen. Aber was am 3. Dezember passiert ist, darf nicht passieren und muss bestraft werden. Wir sehen hier die ganze Bandbreite, was bei versuchtem Totschlag und anderen Delikten entstehen kann. Das Urteil ist eher moderat.“ Denn was der Angeklagte betrunken als Spaß angesehen habe, sei für den Geschädigten nie einer gewesen. Mit Kraft habe er versucht, quer durch das Zimmer, dem Opfer in den Hals zu stechen, das erfolgreich abwehrte. Erst die Wand habe das Werkzeug stoppen können. „Wer unter Alkohol Späße macht, die er als einziger versteht, der hat möglicherweise auch Probleme mit seiner Umwelt.“

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