Naturfilm

Heike Grebe aus Deifeld recherchiert für Iran-Dokumentation

Die „Mars Mountains“ sind Kalksteingebilde. Sie entstanden, als sich das Meer zurückzog und die Felsen jahrelang von heißem,  sandigen Wind geschliffen wurden.

Die „Mars Mountains“ sind Kalksteingebilde. Sie entstanden, als sich das Meer zurückzog und die Felsen jahrelang von heißem, sandigen Wind geschliffen wurden.

Foto: Heike Grebe

Deifeld/Teheran.  Die Journalistin Heike Grebe aus Deifeld wird für den ORF einen zweiteiligen Naturfilm im Iran drehen. Drei Wochen ist sie durchs Land gereist.

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Aufgeregt sitze ich im Flieger in Richtung Teheran. Endlich kommt die Stewardess mit dem Servicewagen - hab ich einen Durst. Ich will schon meinen Wunsch nach einer Cola herausposaunen, als sie mich anschaut und fragt: „Hähnchen oder Fleisch?“ Ähm…Hähnchen… Ist dies etwa kein Fleisch? Wie oft mich diese Frage noch beschäftigen wird, ahne ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

„Hähnchen oder Fleisch?“ - eine oft gestellte Frage

Landeanflug in Teheran, alle Frauen werden hektisch. Aus ihren Taschen ziehen sie Tücher hervor, überall wird ordentlich das Haar bedeckt, egal ob Iranerinnen oder deutsche Frauen, das ist im Iran Pflicht. Ich tue es ihnen gleich und danke mir selbst für den Einfall, einen „Strumpf“ gekauft zu haben, ein Kopftuch, welches ich einfach nur über den Kopf stülpen muss ohne etwas binden zu müssen. Alles andere hätte ich in meiner Nervosität wohl kaum geschafft.

Passkontrolle problemlos durchlaufen, das Gepäck wartet auch schon. Und auch mein iranischer Kontaktmann erwartet mich. „Salam“ – Hallo! Endlich da!

Mit Kopftuch ausgestattet geht es direkt ins erste Meeting. Unsicher drücke ich ein schüchternes „Salam“ hervor und verbeuge mich leicht. Hände schütteln ist zwischen Männern und Frauen verboten. Ich fühle mich völlig fehl am Platz. Das Gefühl wird nicht besser, als alle permanent miteinander nur Farsi (persisch) reden. Mein Begleiter übersetzt nur sporadisch mal etwas auf Englisch, so dass ich die meiste Zeit ahnungslos den fremden Worten um mich herum lausche.

Einfach lächeln, am schwarzen Tee nippen und ruhig bleiben

Ich versuche, mir meine Verwirrung nicht anmerken zu lassen. Einfach lächeln, am schwarzen Tee nippen und ruhig bleiben. Der Stadtverkehr Teherans trägt auch nicht zu meiner Beruhigung bei. Ob es hier überhaupt Regeln gibt? Zebrastreifen werden jedenfalls ignoriert, genauso die gezogenen Linien der mehrspurigen Straßen. Es fährt einfach alles wild durcheinander. Ich beobachte das mit panisch geweiteten Augen – das ist definitiv zu viel für den ersten Tag.

Am Abend gehen wir Essen, und wieder die Frage: „Hähnchen oder Fleisch“? Ich bin mittlerweile zu müde, um mich zu fragen, woher diese seltsame Unterscheidung stammt und ob Fleisch eigentlich Hammel- oder Lammfleisch ist. Ich bin jedenfalls froh, als ich im Hotelzimmer endlich das Kopftuch abreißen kann. So eingeengt habe ich mich selten gefühlt. Dazu noch der lange Mantel, den ich selbst in den Meetings nicht ausziehen darf. Mir ist permanent heiß. Diese Kultur verwirrt mich. Aber es ist ein Abenteuer, auf das ich mich einlassen muss…

Ein Jahr lang haben wir diese Reise geplant. Als im November 2015 ein Redakteur vom Österreichischen Rundfunk (ORF) bei mir anfragte, ob ich Lust hätte, einen Naturfilm über den Iran zu machen, musste ich zunächst schlucken.

Iran – Gedanken an Krieg, verschleierte Frauen und Atomwaffen schossen mir durch den Kopf. Trotz eines mulmigen Gefühls ging ich gemeinsam mit dem ORF und einer Wiener Produktionsfirma das ehrgeizige Projekt an. Unser Ziel: einen zweiteiligen Dokumentarfilm über Natur und Tiere des Landes zu produzieren, das fünf Mal so groß ist wie Deutschland. Als Autorin und Regisseurin sollte ich zunächst herausfinden, was wir den Zuschauern vom Iran überhaupt zeigen sollten. Zu diesem Zweck sollte ich schnellstmöglich ins Land reisen. Aus schnellstmöglich wurde dann fast ein Jahr Vorbereitungszeit, bis ich endlich zum bisher größten Abenteuer meiner Karriere aufbrach.

„Ich traf viele liebevolle Menschen, die mir die schönen Seiten ihres Landes nähergebracht haben“

Drei Wochen lang reiste ich mit meinem iranischen Begleiter Hasani quer durch das ganze Land, um mögliche Drehorte zu besichtigen und herauszufinden, welche Tiere ich dort vor die Kamera bekommen kann. Dabei lernte ich viel über die Kultur der Menschen, ihre Religion, ihre Probleme und Sorgen und erhaschte einen intensiven Einblick in eine mir so fremde Kultur. Ich traf viele liebevolle Menschen, die mir die schönen Seiten ihres Landes nähergebracht haben. Und davon gibt es so viele!

Besonders landschaftlich überrascht der Iran: dichte grüne Wälder, Wasserfälle, traumhafte Sandstrände und skurrile Felsformationen. Iran ist wunderschön! Zeit, auch den Menschen in Deutschland dieses fremde Land näher zu bringen…

Vorurteile über ein Land, das vielen von uns sehr fremd ist 

Während der „Islamischen Revolution“ wurde 1979 Schah Mohammad Reza Pahlavi gestürzt, die Monarchie beendet und durch die Islamische Republik ersetzt. Der schiitische Klerus ergriff die Macht. Unter der Herrschaft der Ajatollhas, der höchsten geistlichen Autorität, wurde Iran zum Gottesstaat. 98 Prozent der Bevölkerung sind Muslime, der Großteil Schiiten. Präsident Hassan Rohani gilt als gemäßigt und hat es geschafft, viele Fehler seines Vorgängers Mahmud Ahmadinedschad zu bereinigen. Gerüchte und Vorurteile über den Iran sind sehr vielfältig, einige treffen zu, andere nicht. Zeit, sich die genauer anzuschauen:

1. Im Iran herrscht strikte Geschlechtertrennung. Dies stimmt nur zum Teil. In den Moscheen beten Männer und Frauen getrennt. Wo kein separater Raum zur Verfügung steht, wird ein Teil durch Vorhänge abgetrennt. Absurd wirkt die Geschlechtertrennung in Bussen und Bahnen. Abgetrennt durch eine Plexiglasscheibe sitzen Frauen vorn oder hinten. Während in Bussen diese Trennung streng eingehalten werden muss, dürfen Frauen in der Teheraner Metro die Abteile der Männer nutzen. Fast alle Frauen ziehen es jedoch vor, in dem für sie reservierten Abteil zu sein.

Man trägt dort keine Burka, religiöse Frauen hängen sich einen Tschador um

Das Gesetz verpflichtet Frauen seit knapp 40 Jahren, ihr Haar und ihre Körperkonturen in der Öffentlichkeit zu bedecken. Es gibt jedoch im ganzen Iran keine Burka, diese trägt man in Afghanistan und Pakistan. Religiöse Frauen hängen sich ein langes schwarzes Tuch, Tschador genannt, um. Dabei schaut das gesamte Gesicht hervor, Vollverschleierung gibt es nicht. Vorschrift ist der Tschador lediglich in der Moschee.

Im Alltag tragen Frauen ein Kopftuch, Hijab genannt, locker um den Kopf geschwungen. Vor allem in Großstädten reizen sie die Kleiderordnung aus, schminken sich stark und lassen so viel Haar wie möglich unterm Kopftuch hervor schauen. Dafür riskieren sie Geldstrafen, Haft und Peitschenhiebe. Trotzdem hat der Iran den höchsten Verbrauch an Make-Up weltweit und die höchste Zahl an Schönheitsoperationen.

2. Frauen haben in der Gesellschaft nichts zu sagen. Stimmt nicht. Frauen drängen immer mehr in Führungspositionen. Im Parlament sitzen 17 Politikerinnen, das sind nur sechs Prozent, aber mehr als je zuvor. Die Leiterin der Umweltbehörde, Massumeh Ebtekar, ist Vizepräsidenten des Iran. An den Universitäten sind mehr Frauen als Männer eingeschrieben.

Trotzdem haben es Frauen aber nach wie vor schwerer als Männer, einen gut bezahlten Job zu bekommen. Und auch an den Universitäten gibt es Zugangsbeschränkungen. Besonders skurril: Solosängerinnen dürfen per Gesetz nicht vor einem Publikum auftreten, in dem sich Männer befinden. Frauen, die ein Instrument spielen, dürfen dies dagegen auch vor gemischtem Publikum.

3. Iran ist ein unsicheres Land. Im Iran kann man sich genauso frei bewegen wie in unseren westlichen Ländern, vorausgesetzt , man hält sich an die Kleidervorschriften. Einzig die Grenzregionen gelten als unsicher. Fremden gegenüber reagiert man dort misstrauisch, denn viele Drogenschmuggler verkehren zwischen den benachbarten Ländern. In Nationalparks sorgen Wilderer für Unruhen und bei Schießereien sterben immer wieder Wildhüter. Die Einheimischen sind gastfreundlich, heißen einen in ihren Häusern willkommen und bieten Tee und Gebäck an. Auch untereinander verhalten sich die Menschen freundlich und zuvorkommend, machen ihren Platz im Bus für alte Menschen oder Frauen mit Kindern frei und unterhalten sich statt auf ihre Handys zu starren.

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