Dorfentwicklung

In der „Heimat-Werkstatt“ schlummern die Impulse fürs Dorf

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Die Dorfgemeinschaft von Referinghausen beim Dorf-Workshop zur „Heimat-Werkstatt“.

Die Dorfgemeinschaft von Referinghausen beim Dorf-Workshop zur „Heimat-Werkstatt“.

Foto: Thomas Winterberg / WP

Referinghausen.  Was ist eine Heimat-Werkstatt? Und wer schmiedet dort Heimat? In Referinghausen wurde ein interessantes Projekt zur Dorfentwicklung umgesetzt.

Kleine Dörfer brauchen Perspektiven und Impulse. War früher ein vernünftiger Straßenausbau wichtig, muss jetzt die Datenautobahn gut ausgestattet sein. Denn wenn man seinen Arbeitsplatz unter den Arm klemmen kann, dann ist auch Leben auf dem Land und Zuzug dorthin möglich. Trotzdem müssen weitere Infrastruktur und Willkommenskultur stimmen und Zukunftsweichen gestellt werden. Um all das ging es bei einem ungewöhnlichen Workshop. Die Hauptstraße war gesperrt, mitten drauf ein Zelt, in dem zeitlich bis zu 70 Teilnehmer einen ganzen Tag lang die Köpfe rauchen ließen, aber auch bei Frühstück, Mittagessen oder Kaffeetrinken Dorfgemeinschaft pflegten und lebten.

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Referinghausen hatte zur „Heimat-Werkstatt“ eingeladen. Sie ist ein Angebot des NRW-Heimatministeriums zur Förderung und Stärkung der vielfältigen Regionen des Landes. Mit den fünf Elementen Heimat-Scheck, Heimat-Preis, Heimat-Werkstatt, Heimat-Fonds und Heimat-Zeugnis fördert die Landesregierung mit 150 Millionen Euro bis 2022 die Gestaltung der Heimat vor Ort, in Städten und Gemeinden. Das Dorf hatte sich um eine Förderung beworben und sie erhalten.

210 Bewohner – das ist nicht viel. Aber wenn viele konstruktiv mit anpacken, sind ehrgeizige Projekte möglich. Vornehmlich junge Leute hatten an dem Tag mit dem Journalisten und KoDorf-Mitgründer Frederik Fischer eine Arbeitsgruppe gebildet. Sie entwickelten Visionen, wie das Dorf sich und seine Aktivitäten in den modernen sozialen Netzwerken darstellen kann. Dabei gab es Vorschläge wie einen regelmäßigen Newsletter, der in alle Haushalte geliefert werden könnte. Aber auch eine digitale „Screen-Tafel“ in der Ortsmitte ist denkbar. Motto auf allen Ebene: „Tue Gutes und rede darüber!“

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Fischer war am Tagesende überrascht, wie gut das Miteinander von Jung und Alt funktionierte und wie viele Ideen aufs Tapet gekommen waren: „Wir haben hier eine gute Diskussionskultur erlebt; das hat man nicht überall.“

Während die AG im Jugendraum modernes Story-Telling für Dorfgeschichten entwickelte, hatten sich andere Arbeitsgruppen fünf Wohnhäuser vorgenommen, wo in jüngster Vergangenheit einiges auf den Kopf gestellt wurde oder noch wird. Da ist ein ehemaliger Gasthof, in dem sich nach dem Tod der Großeltern drei Geschwister (Enkel der Besitzer) drei separate Wohnungen einrichten möchten und dafür von Brilon nach Referinghausen ziehen. Anschaulich berichteten die Drei, was sie vorhaben. In der Schlussbesprechung wollte einer der „Neubürger“ wissen, wie denn das Dorf die Idee und den Neuzugang bewerte: Daumen hoch und spontaner Beifall waren die Antworten.

Beispiele für verantwortungsvollen Umgang

Bei drei weiteren Beispielen wurde deutlich, mit wie viel Liebe zum Bestand und wie viel Verantwortungsbewusstsein die alten Häuser nach modernsten Gesichtspunkten umgestaltet wurden. Bei allen Besitzern war der Gang aufs Dorf eine sehr bewusste Entscheidung. Ein weiteres Beispiel zeigte, wie aus einem heruntergekommenen Haus nach Abriss ein Neubau entstehen und eine Ruine in der Ortsmitte verhindert werden konnte.

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Nachmittags stand die Entwicklung weiterer Perspektiven auf dem Programm. „Es ging dabei gar nicht mal um konkrete Ziele, davon haben wir noch einige auf der Agenda. Aber wenn z.B. in diesem Jahr der Fernwärme-Ring geschlossen wird und das Einmessungsprotokoll vorliegt ist, geht es ans Glasfasernetz. Leerrohre in den einzelnen Häuser liegen bereits; wir wollen über die Graue-Flecken-Förderung vorankommen“, sagt Ortsvorsteher Reinhard Figgen. Schnelles Internet ist ein sehr wichtiger Standortfaktor geworden, dem nicht nur Referinghausen große Bedeutung beimisst.

Auch über ökologische Akzente, Baumpatenschaften, Ladestationen, dauerhafte Geschwindigkeits- bzw. Lärmmesser oder eine barrierefreie Anlaufstelle in der Dorfmitte (Stichwort „REFeringHaus“) mit öffentlicher Toilette und Erfrischungsmöglichkeit (Snacks und/oder Getränke) wurde diskutiert.

Ein mutiges Format

Die offene Werkstatt sei ein mutiges Format, habe aber im Dorf sehr gut funktioniert, meinte Ortsvorsteher Figgen. „Ich möchte mich im Namen des erweiterten Dorfvorstandes bei allen Beteiligten bedanken – für Auf- und Abbau, für die fünf mutmachenden Beispiele von Leben und Wohnen im Ort und für alle eingebrachten Hinweise. Zusammengefasst war es eine klasse Impuls-Veranstaltung.“

Bürgermeister Thomas Grosche und Wirtschaftsförderer Michael Aufmhof nahm sich einige Stunden Zeit und Ideen aus dem Workshop mit ins Rathaus. Die „Heimat-Werkstatt“ knüpfe an das Architekten-Seminar vor zehn Jahren an. Vieles sei in der Zeit schon bewegt worden, die Stadt sei offen für Vorschläge und sichere auch weiterhin ihre Unterstützung zu, so Grosche.

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