UNFALLFLUCHT

Jeden Tag kommt es zu fünf Unfallfluchten im Hochsauerland

Unfallflucht: Wenn man den Schaden bemerkt, ist der Verursacher oft schon über alle Berge. Solche Vorfälle gibt es im Hochsauerland immer öfter, dabei kann Fahrerflucht schwere Folgen für den Täter haben. Foto:dpa/ Christin Klose

Unfallflucht: Wenn man den Schaden bemerkt, ist der Verursacher oft schon über alle Berge. Solche Vorfälle gibt es im Hochsauerland immer öfter, dabei kann Fahrerflucht schwere Folgen für den Täter haben. Foto:dpa/ Christin Klose

Hochsauerlandkreis.   Auch nach einem kleinen Zusammenstoß darf der Verursacher nicht einfach wegfahren. Darum ist selbst das Hinterlassen eines Zettels schon strafbar

Beim Parken kann schnell ein anderes Fahrzeug touchiert werden. Aber dann einfach abhauen? Das geht auf legalem Weg nicht.

Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Verkehrsun­fälle mit Flucht im Hochsauerlandkreis um 128 auf 1675 gestiegen. Sie bezieht sich auf angezeigte Unfälle, die Dunkelziffer dürfte höher sein. Mangelndes Unrechtsbewusstsein oder einfach Sorglosigkeit? Ein „Parkrempler“ hat meist nur kleinere Bagatellschäden zur Folge. Je geringfügiger der Schaden, desto größer offenbar der Impuls, sich einfach vom Unfallort zu entfernen.

Zettel an der Windschutzscheibe ist keine gute Idee

Und wen doch das schlechte Gewissen plagt, der hinterlässt einen an die Windschutzscheibe geklemmten Zettel mit seinen Kontaktdaten. Aber Vorsicht: Wer so handelt, der macht sich strafbar.

Rechtsanwalt Oliver Brock: „Es kann sein, dass jemand den Zettel wegnimmt oder Regen ihn unlesbar macht. Deswegen immer am Unfallort bleiben oder wegfahren, um schnellstmöglich zur Polizei zu fahren.“

Angemessene Zeit am Unfallort verbleiben

Unabhängig von der Größe des Schadens muss eine angemessene Zeit am Unfallort gewartet werden. Mindestens eine halbe Stunde Wartezeit gilt laut Gesetz als zumutbar. Der Geschädigte kehrt nicht zeitnah zurück? Polizei informieren und den Unfall melden. Behauptet ein Unfallverursacher, er habe den Unfall beim Parken nicht bemerkt, wird in der Regel ein Gutachter hinzugezogen. Kommt dieser anhand der Spuren zum Ergebnis, der Verursacher müsse den Parkschaden wahrgenommen haben, ist der Tatbestand der Fahrerflucht erfüllt.

64 Mal ermittelte die Kreispolizei 2018 nach Unfällen, bei denen Menschen verletzt wurden und der Verursacher flüchtete. 38 dieser Straftaten wurden aufgeklärt, die Aufklärungsquote lag bei 60 Prozent. Die entgeht auch Rechtsanwalt Brock nicht. „Irgendetwas bleibt immer am Unfallort zurück. Ich erlebte schon, dass sich ein perfekter Kennzeichen-Abdruck in einem Haufen Schnee befand und der Fahrzeughalter so gefunden werden konnte.“

Angeklagte entgeht hoher Strafe

Rechtsanwalt Oliver Brock übernimmt sofort das Wort, als seine Mandantin vor dem Amtsgericht Brilon aussagen soll. Ihr wird vorgeworfen sich am 30. Januar vom Unfallort entfernt zu haben, nachdem sie beim Einparken ein anderes Fahrzeug mit ihrem Wagen berührte. Der Schaden betrug 1035 Euro. „Es geht ihr nicht gut“, beginnt Brock, „Wir hatten zwei oder drei Besprechungen. Mehr als ich sonst mit Mandanten bei einem solchen Fall habe. Jedes Mal weint sie. Sie hat große Schuldgefühle.“

Laut Anwalt war seine Mandantin an besagtem Tag auf der Schulstraße mit ihrem Auto unterwegs und merkte beim Einlenken in eine Kurve ein kratzendes Geräusch, es war Schnee in ihrer Radauswuchtung. Beim anschließenden Einparkmanöver nahm die 58-jährige Angeklagte wieder ein ähnliches Geräusch wahr und dachte an den Schnee. Sie schaute am anderen Fahrzeug nach, aber fand nichts. Auch, weil sie auf der entgegengesetzten Seite des Pkw schaute, der doch beschädigt war. Die Brilonerin setzte ihre Fahrt fort, kehrte aber nach ihrer Arbeit zurück zum Unfallort, entdeckte den Schaden und fuhr sofort zur Polizei, wo sie eine Eigenanzeige stellte.

Einspruch gegen die Fahrerflucht

Der Schaden am Fahrzeug ist beglichen. Lediglich gegen den Aspekt der Fahrerflucht versuchte Brock Einspruch zu erheben, weswegen es überhaupt zu dem Verfahren kam. „Meine Mandantin ist nicht vorbestraft und hat den Schaden selbst angezeigt. Der Geldbetrag ist längst gezahlt, daher könnte hier über eine Einstellung des Verfahrens nachgedacht werden“, regte der Anwalt an. Aber Staatsanwalt Christoph Pente wollte davon nichts hören, weil der Schaden zu hoch sei. „Diese Delikte werden immer mehr und keiner sieht sich in der Verantwortung. Ich denke hier auch an ein Fahrverbot“, erklärt er und forderte darum Konsequenzen. Auch Richter Härtel gab zu bedenken, dass die Mandantin den Schaden durchaus hätte erkennen können und sagte ironisch: „Wenn Sie jemandem in den Wagen fahren, schauen Sie auch nicht, ob auf dem Dach ein Kratzer ist und fahren dann wieder.“

Oliver Brock sah daraufhin keine Chance mehr auf Erfolg mit seinem Einspruch, solange es noch für die verhängte Geldstrafe von 750 Euro ging. Sie war aufgrund des Tatbestandes und des Einkommens der Angeklagten ermittelt worden. „Hätten wir das jetzt bis zum Ende durchgezogen, wäre die Strafe wesentlich höher ausgefallen, da die Einkommensverhältnisse des Ehemannes bekannt wurden. Die Geldstrafe wäre dann auf circa 2500 Euro angewachsen, weil bei den Beträgen das Einkommen von Ehemann und Ehefrau zusammen betrachtet wird.“ Nach der Verhandlung verließen die Angeklagte und der Geschädigte gemeinsam den Saal und wünschten sich händeschüttelnd alles Gute.

<<<Drei Fragen an Gregor Mertens,

Leiter Direktion Verkehr bei der HSK-Kreispolizei >>>

Der Verkehrsbericht weist für den HSK 2018 mehr Unfallfluchten aus als 2017 – „nur“ Statistik, oder steckt auch mehr dahinter?

Tatsächlich haben wir seit 2012 steigende Zahlen im Sauerland. Neben erhöhtem Verkehrsaufkommen sind sicher auch Unwissenheit und ein mangelndes Verantwortungsbewusstsein für die steigenden Zahlen verantwortlich. Wer einen Schaden verursacht, muss vor Ort auf den Geschädigten warten. Um auf der sicheren Seite zu sein, sollte er die Polizei rufen.

Wie häufig melden sich Zeugen, die eine Unfallflucht beobachtet haben – und wie hilfreich sind deren Hinweise?

Leider melden sich Zeugen viel zu selten bei der Polizei. Die Aufklärungsquote von 45 Prozent zeigt, wie schwer die Arbeit der Ermittler ist. Zeugen geben aber häufig den entscheidenden Tipp! Deshalb ­appellieren wir auch mit der Kampagne „Unfallflucht ist unfair“ an alle Bürgerinnen und Bürger: „Sie haben eine Unfallflucht beobachtet? Informieren Sie die Polizei!“.

Welche Folgen hat es, wenn ich Unfallflucht begehe – und später doch erwischt werde?

Unfallflucht ist kein Kavaliersdelikt. Wer vom Unfallort flüchtet, ­begeht eine Straftat, für die neben hoher Geldstrafen und Führerscheinentzug in besonders ­schweren Fällen sogar eine ­Gefängnisstrafe droht.

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