10 Jahre nach Kyrill

Kyrill und die Folgen für die Sauerländer Sägewerker

Hoch über Assinghausen: Hans-Georg und Isabell Pieper auf dem Gelände der Pieper Holz GmbH.

Hoch über Assinghausen: Hans-Georg und Isabell Pieper auf dem Gelände der Pieper Holz GmbH.

Foto: Sonja Funke

Assinghausen.  Der Sauerländer Sägewerkbesitzer Hans-Georg Pieper aus Assinghausen berichtet von den Folgen, die Kyrill für die Holzbranche hatte.

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Das Schlimmste war, keine weiteren Zusagen mehr machen zu können, obwohl alles lag. Wenn sich Sägewerkbesitzer Hans-Georg Pieper an die Kyrill-Nacht und ihre Folgen erinnert, dann ist es vor allem die menschliche Seite, die ihm damals schlaflose Nächte bereitet hat. Die Tatsache, dass er seinen Waldbauern irgendwann sagen musste: „Es geht nicht mehr, ich kann euch nicht noch mehr Holz abnehmen.“

Pieper erzählt diese Geschichte im Beisein seiner Tochter Isabell, die gerade als Assistentin der Geschäftsführung ins Unternehmen eingestiegen ist, um die Firma womöglich bald von ihrem Vater zu übernehmen. Kyrill ist ein Lehrstück dafür, worum es in der Sägewerks-Branche geht: Vertrauen in die Lieferanten und gute Geschäftsbeziehungen, teils unbeeinflussbares, weil international geprägtes Marktgeschehen sowie Kunden, die ständig neue Produkte brauchen. Das Wichtigste: Der Rohstoff muss da sein und das auch noch in einem vernünftigen Verhältnis zur Nachfrage.

Kyrill sorgte für viele schlaflose Nächte

Das war nach Kyrill kein Thema. Nein, im Gegenteil, es war viel zu viel. „Und das ist fast noch schlimmer, als zu wenig zu haben“, bilanziert Pieper. Er meint die menschliche Seite. Nach und nach meldeten sich in den Wochen nach Kyrill die Waldbauern, Waldbesitzer, Forstinteressenten sowie Förster und Forstämter, zu denen er jahrzehntelange Beziehungen pflegt. Sie boten nicht das Übliche an. Nein, das Fünffache, teils das Zehnfache des jährlichen Einschlags. „Und als das Holz dann kam, war es noch mal mehr als angekündigt“, schildert der Geschäftsführer der Pieper Holz GmbH, was ihm damals schlaflose Nächte bereitete. Erstmal sagten seine Einkäufer zu, das Holz abzunehmen, irgendwie klappe das schon, nur einen Preis könne man so schnell noch nicht nennen.

Die menschliche Seite: 40 neue Mitarbeiter

Bald aber war klar: Alles schafft das Sägewerk auch im Zweitschichtbetrieb nicht. „Wir mussten bis zu 40 neue Mitarbeiter anlernen.“ Noch dazu hatte es 2005 gebrannt. Die neu errichtete Anlage war gerade erst richtig in Betrieb genommen worden. „Das war natürlich eine doppelte Belastung“, erinnert sich Pieper. Von 200 000 Festmetern im Jahr fuhr er die Verarbeitungsmenge auf 550 000 Festmeter hoch und dennoch: „Wir konnten den menschlichen Verpflichtungen nicht nachkommen“, schmerzte ihn am meisten, wenn er doch absagen musste. „Waldbauern saßen mit Tränen in den Augen vor mir. Sie sagten, ihre Existenz sei weg, fragten, ob ich ihr Holz nehme. Ich musste absagen.“ An der Kirchentür seien die Holzeinkäufer damals abgefangen worden. Pieper richtete schon zwei Nasslager ein, um mehr abnehmen zu können, riet auch den Lieferanten dazu. Aber nicht jede Art der Lagerung tat dem Holz gleichermaßen gut. Das nächste Thema.

Die Umwelt: Bis aus Skandinavien kamen die Havester

„In Tallagen gilt ein besonderer Naturschutz“, war auch ein Nasslager nicht sofort angelegt. Verschiedene Behörden mussten zusagen, einen Schotterweg im FFH-Gebiet anzulegen. Und es war wenig Zeit. „Das Holz muss früh genug, also drei bis fünf Monate nach dem Windwurf eingelagert sein und es muss gesund sein.“ Das Rausholen aus dem Wald war recht zügig organisiert. Bis aus Skandinavien kamen die Havester. Sie arbeiteten schnell, die Mühlen der Behörden mahlten eher langsam. Folienlager und Trockenlager wurden als Alternativen angelegt. Aber bei allem galt: „Sie müssen intensiv betreut und gepflegt werden, wenn das Holz keinen Schaden erlangen soll.“ Ein Vogel, der in die Folie pickt und schon kann das Holz leiden. Gleiches beim Nasslager, die ständige Versorgung mit Wasser, ein Muss. Wege zu Nassholzlagern mussten inzwischen zurückgebaut werden.

Immer wieder wird im Gespräch klar, dass zu viele Umweltschutz-Maßnahmen die Holzindustrie massiv unter Druck setzen. „Wir brauchen unseren Rohstoff.“ Und das ist Nadelholz, denn vor allem Bauholz wird bei Pieper produziert. Bei allem Fokus auf den Laubwald, muss ein Dachstuhl eben aus Nadelholz produziert werden. Deutschland dürfe kein reines Naturschutzgebiet werden, so Pieper. „Wir leben als Holzindustrie doch eng mit Natur und Naturschutz zusammen. Aber hier lässt sich Nadelholz am besten verarbeiten.“ So langsam käme auch der Naturschutz in einen Konflikt. Denn auch als CO-2-Speicher eigne sich das Nadelholz besser. „Wir müssen über Standorte reden, über Feuchtigkeitsversorgung, nicht über Prozente. Aber 50 Prozent Laubholz in der Fläche halte ich definitiv für zu viel. Sonst werden wir Bedürfnisse unserer Kunden langfristig nicht bedienen können.“ Fichte Lärche, Douglasie, Kiefer. „Wir brauchen 250 000 Festmeter Holz im Jahr, damit der Betrieb hier einschichtig laufen kann.“ Aus einem Radius von 80 Kilometer kommt das Holz.

„Ich haben nicht geglaubt, dass ich in drei Jahren nichts mehr habe“, gesteht der 55-Jährige. Aber was war schon drei Jahre später? Da hatte sich das Kyrill-Chaos erledigt. Das Preis-Niveau für Rundholz erreichte einen Stand wie vor Kyrill. So musste er wieder auf eine Schicht zurückfahren - zu wenig Rohstoff, weniger Aufträge. Zum Glück kamen nahezu alle Arbeiter woanders unter. Tochter Isabell lernt heute, in dieser Bilanz, welchem Auf und Ab sie demnächst ausgesetzt sein wird.

Die Kunden: Alles geht heute vor allem an deutsche Abnehmer

Alles geht heute vor allem an deutsche Abnehmer, denen Pieper Holz, Kantholz und Bretter zuliefert, damit sie ihre Produkte herstellen können: Leimbinder, das Holzständerwerk, der Dachstuhl, das Spielgerüst, die Verspackungsindustrie.Waren es zu Kyrill-Zeiten noch 45 Prozent, so ist der Export inzwischen auf fünf Prozent zusammengeschrumpft. Deutsche Holzlieferanten können bei den Preisen auf dem Weltmarkt nicht mithalten. „Damals haben wir bis nach Japan und Nordafrika verkauft.“

Es war ein enormes Anpacken aller Beteiligten gemeinsam

So richtig will Pieper sich nicht mit der Wandererfreude an der freien Sicht anfreunden. Aber ein Positives: „Es war ein enormes Anpacken aller Beteiligten gemeinsam.“ Auch die Waldbauern hätten grundsätzlich verständnisvoll reagiert. „Immer hieß es, wir Sägewerke sind die Gewinner. Aber da s war nicht so. Wir haben genauso mittendrin gehockt, wie andere.“ Für den Spaziergänger im Wald ist Kyrill nicht mehr vorhanden, für die Holzwirtschaft noch lange.

Und wie war das mit den Zusagen - in diesem Fall der Politik? Ein Versprechen, wir helfen euch bei der Holz-Vermarktung und kriegen das schon hin, führte letztlich auch zu den umstrittenen Klausner-Verträgen. Und mit anderen Mittelständlern lässt Pieper über die Initiative Holz und Arbeit den EU-Gerichtshof die Rechtmäßigkeit dieser Verträge prüfen.

Damit die Sauerländer Fichte auch zukünftig im Sauerland verarbeitet wird.

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