Wirtschaft

Landwirte leiden unter Preisverfall der Milch

Die Kühe im Stall interessiert der allgemeine Preisverfall der Milch nicht. Ob es für ihr Produkt 30 oder 40 Cent gibt – sie haben denselben Appetit. 

Die Kühe im Stall interessiert der allgemeine Preisverfall der Milch nicht. Ob es für ihr Produkt 30 oder 40 Cent gibt – sie haben denselben Appetit. 

Foto: Rita Maurer

Altkreis Brilon.  Statt 40 gibt’s zurzeit nur 30 Cent pro Liter. Parallel dazu steigen aber die Betriebskosten. Schuld an dem EInbruch könnte das Lebensmittel-Embargo durch Russland sein.

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Landwirt Frank Stemmer aus Brunskappel war in den letzten Wochen schwer zu erreichen, Bei dem heißen Sommerwetter musste er fast rund um die Uhr aufs Feld, um Silo zu machen. Auf dem Hof der Stemmers leben 24 Milchkühe und weitere 80 Rinder, Bullen und Kälber. Seine Milch verkauft er an die Hochwald-Molkerei weiter. Im vergangenen Jahr bekamen er und seine Milchbauern-Kollegen noch 40 Cent für den Liter bzw. das Kilogramm Rohmilch, mittlerweile ist der Preis auf unter 30 Cent gesunken, Tendenz weiter fallend.

Die Betriebskosten auf den Höfen steigen dagegen an, z.B. durch die schlechte Getreide- und Grasernte in diesem zu trockenen Sommer und höhere Düngerpreise.

Einbruch des asiatischen Milchmarktes

Josef Schreiber als Vorsitzender des landwirtschaftlichen Kreisverbandes begründet den derzeitigen Abwärtstrend der Milchpreise hauptsächlich mit dem Einbruch des asiatischen Milchmarktes sowie dem seit August 2014 geltenden und aktuell um ein weiteres Jahr verlängerten Lebensmittel-Embargo durch Russland.

Bei Verhängung dieses Embargos seien unter anderem 250 000 Tonnen Butter, was 4 Mio. Tonnen Milch entspricht, vor der russischen Grenze abgewiesen und zurück in den europäischen Markt transferiert worden. Russland als großer Milchimporteur ist seitdem komplett ausgefallen.

China habe im vergangenen Jahr mehr importiert als verbraucht und zehre derzeit von seinen noch vollen Lagern: „Letztes Jahr war die Nachfrage und damit auch der Preis für Milch noch hoch. Wir sind in der Weltmarktwirtschaft angekommen“, so Schreiber.

An Auf und Ab gewöhnen

Die seit dem 1. April weggefallene Milchquote sei in seinen Augen aber nicht der Anlass für den Preissturz, denn es werde seitdem nicht mehr Milch als vorher produziert: „Die Landwirte können nicht unbegrenzt neue Kühe zukaufen oder deren Produktion steigern. Die neue Quote ist im Grunde die den Höfen zur Verfügung stehende Fläche. Je mehr Land, desto mehr Futter kann produziert und mehr Gülle ausgebracht werden. Nur dann kann ich auch mehr Milchkühe halten.“

Eine erneute Steuerung der Milchpreise durch die Politik hält Josef Schreiber für nicht sinnvoll. Man müsse sich an das Auf und Ab des Marktes gewöhnen. Mittelfristig geht er von wieder ansteigenden Milchpreisen aus: „Die Weltbevölkerung wächst und braucht Nahrung.“

Bei 29 Cent zahlt der Landwirt drauf

Vor sechs Jahren hat Frank Stemmer den Betrieb von seinem Vater übernommen, über 80 Jahre gibt es den Familienhof schon. Da er die Landwirtschaft im Nebenerwerb betreibt, kann er die aktuelle Preissituation eher aussitzen als ein Vollerwerbslandwirte: „Ab 35 Cent kann ich kostendeckend arbeiten. 38 bis 40 Cent müsste ich haben, wenn ich etwas verdienen will. Beim momentanen Milchpreis von 28 oder 29 Cent zahle ich drauf.“

Ein Problem sieht er neben der Weltmarktsituation auch darin, dass die Endverbraucher zu sehr auf möglichst billige Lebensmittel achten und die Bauern in seinen Augen keine wirkliche Lobby in Berlin haben, nicht geschlossen genug auftreten: „Billiganbieter wie Aldi & Co. haben die Macht und tragen das auf unseren Schultern aus, so dass ein hochwertiges Lebensmittel zu solchen Preisen verschleudert wird.“

Ein Jahr abwarten

Die Stemmers haben noch einen Stall zum Anbinden für ihre Kühe, keine modernen Laufboxen mit Melkstand. Investitionen sind jedoch momentan nicht drin.

Wie es in Zukunft weiter geht? „Ich weiß es nicht“, sagt Stemmer. Er habe sich vorgenommen, noch ein Jahr abzuwarten. „Wenn die Preise auf dem derzeitigen Niveau bleiben und ich bei jedem Liter Milch Verluste mache, geht es nicht weiter.“

Aber erstmal liegt eine lange Nacht vor ihm, in der weiter Silo gefahren wird. Seine Kühe interessiert der Preisverfall ihrer kostbaren Milch nicht, sie haben immer den gleichen Hunger.

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