Hilfe

Leukämie – Wie ein Dorf im Sauerland für einen Vater kämpft

Heiligabend dürfen Julia und Jakob ihren Vater besuchen, mit Mundschutz. Der 2-jährige Johann ist krank und darf nicht mit.

Heiligabend dürfen Julia und Jakob ihren Vater besuchen, mit Mundschutz. Der 2-jährige Johann ist krank und darf nicht mit.

Foto: Privat

Deifeld.  Florian Hellwig aus Deifeld erfährt vor Weihnachten, dass er an Leukämie erkrankt ist. Eine Welle der Hilfe setzt ein – und jeder kann mitmachen.

Noch vier Tage bis Weihnachten. Freitagvormittag. Florian Hellwig und seine Frau Nicole haben mit dem Christkind die letzten Vorbereitungen für ihre drei Kinder Julia (9), Jakob (6) und das Nesthäkchen Johann (2) getroffen. Der 36-jährige Landwirt freut sich auf ein paar ruhigere Tage zum Jahresende mit seiner Familie. 2019 war ein gutes Jahr, aber auch durchaus anstrengend. Viel Arbeit gibt es auf einem Bauernhof mit rund 150 Milchkühen immer. Der zweite Trockensommer in Folge, der den Landwirten viel Kopfzerbrechen bereitet. Das erfolgreiche Jubiläumsjahr für die Deifelder Schützenbruderschaft, deren Hauptmann Florian Hellwig ist. Aber was soll’s, Hauptsache, alle sind gesund.

Aggressive Form von Blutkrebs

À propos, da ist noch das ausstehende Ergebnis der Blutprobe. In den letzten Wochen fühlte sich Florian Hellwig oft schlapp und grippig – ganz ungewöhnlich für den sonst so sportlichen und vor Energie strotzenden Familienvater, der bei der Feuerwehr aktiv ist und als Torwart beim SV Deifeld spielt. Vielleicht ein verschleppter Infekt. Wird schon nichts Schlimmes sein.

Noch vier Tage bis Weihnachten. Freitagnachmittag. Florian Hellwig liegt in der Uniklinik in Marburg auf der Isolierstation und kämpft um sein Leben. Akute myeloische Leukämie. Das hat die Blutprobe ergeben. Eine besonders aggressive Form von Blutkrebs. Der Hausarzt hat Florian und Nicole Hellwig sofort ins Krankenhaus geschickt. Sechs Stunden nach diesem Gespräch, das die Welt der jungen Familie völlig auf den Kopf stellt, läuft die erste Chemotherapie an. Weihnachten. Statt Tannenbaum, Geschenken und leuchtenden Kinderaugen Schmerzen, Sorgen und existenzielle Angst vor einer lebensbedrohlichen Krankheit, der Zukunft der Familie und des Hofes.

Das Immunsystem ist außer Kraft gesetzt

Auf Heiligabend dürfen Julia und Jakob ihren Papa kurz besuchen – gründlich desinfiziert und mit Mundschutz. Der Jüngste kann wegen einer Infektion nicht zum Papa – ja, noch nicht einmal zu seiner Mama, die ihren todkranken Mann täglich besucht. Er bleibt bei seinen Großeltern, um auf gar keinen Fall eine Ansteckung zu riskieren, die fatale Folgen haben könnte: Durch die starken Medikamente werden nicht nur die Krebszellen zerstört, sondern auch das Immunsystem außer Kraft gesetzt. Deshalb könnte ein harmloser Schnupfen schon schlimme Auswirkungen haben.

Nachricht von Florian Hellwigs Erkrankung erschüttert Deifeld

Die Nachricht von Florian Hellwigs Erkrankung erschüttert Deifeld und die ganze Region. Und sie löst eine Riesenwelle an Hilfsangeboten aus. Verwandte, Freunde, Berufskollegen, die Dorfgemeinschaft, Schützen- und Sportvereine, Feuerwehrkameraden, Firmen und auch völlig unbeteiligte Menschen: Alle wollen etwas tun, um den Hellwigs wenigstens die Rahmenbedingungen dieses unerwarteten Schicksalsschlages zu erleichtern, die Kinder aufzufangen und die Arbeit auf dem großen Bauernhof weiterzuführen.

Einen Teil dieser Hilfswelle setzt Florian Hellwig selbst in Gang: Als noch gar nicht feststeht, ob er eine sogenannte Stammzellenspende brauchen wird, bittet er seine Freunde schon, die große Anteilnahme zu nutzen und eine Typisierungsaktion auf die Beine zu stellen – damit zumindest andere Leukämie-Erkrankte profitieren können. Die ersten Untersuchungsergebnisse zeigen dann, dass auch er dringend auf neue Stammzellen angewiesen ist.

Unglaubliche Hilfsbereitschaft

Diese Typisierungsaktion (Infobox) wird in enger Zusammenarbeit mit der Deutschen Knochenmark-Spenderzentrale (DKMS) stattfinden: am Sonntag, 26. Januar, in der Schützenhalle Medebach. Jeder Mensch zwischen 17 und 55 Jahren kann sich hier als Stammzellenspender registrieren lassen. Hierfür ist keine Blutentnahme nötig, es reicht eine Speichelprobe mit einem Wattestäbchen. Dieser Abstrich wird untersucht und in der Spenderdatei der DKMS abgespeichert. In dieser Datei kann bei Bedarf weltweit für Leukämie-Kranke nach passenden Spendern gesucht werden. Für viele Betroffene die einzige Chance auf ein Überleben! Alle halten zusammen. Auf der eigens eingerichteten Aktionsseite „Ohne Papa geht’s nicht“ auf deifeld.de heißt es: „Florian braucht eine Stammzellspende. Jetzt geht die Suche los.“

Unglaubliche Hilfsbereitschaft gibt zusätzliche Kraft zum Durchhalten

Dass Florian Hellwig es schaffen wird, davon sind er und seine Familie fest überzeugt, auch wenn allen klar ist, dass die nächsten Wochen und Monate weiter sehr hart und anstrengend sein werden. Momentan erholt er sich in Marburg vom ersten Chemo-Block, der zweite mit einer erhöhten Dosis steht kurz bevor. Die unglaubliche Hilfsbereitschaft gibt ihm zusätzliche Kraft zum Durchhalten.

Gut vier Wochen nach Weihnachten. Sonntag. Ein paar Minuten Zeit für die Typisierung. Ein winziger Aufwand für einen gesunden Menschen, der aber für Florian Hellwig sowie weitere Erkrankte einen Riesenschritt bedeutet und ein Stück Hoffnung in die aus den Fugen geratene Welt bringt.

Stichwort myeloische Leukämie

Bei einer myeloischen Leukämie ist die Blutbildung aus den eigenen Stammzellen im Knochenmark gestört. Vereinfacht ausgedrückt gerät dabei die normale Mischung von roten und weißen Blutkörperchen sowie Blutplättchen ins Ungleichgewicht, indem sich zu viele entartete weiße Blutkörperchen bilden, die die gesunden Blutbestandteile verdrängen. Betroffene fühlen sich dadurch müde und fiebrig, sind anfällig für Infektionen und neigen zu blauen Flecken und Blutarmut. Im Fall von Florian Hellwig müssen das kranke Knochenmark und die Krebszellen durch eine Chemo-Therapie zerstört werden. Aus dem Blut eines geeigneten Spenders werden frische Stammzellen gewonnen und dem Patienten transplantiert. Diese Zellen sollen sich in den Markhöhlen der Knochen ansiedeln und dort neues gesundes Blut produzieren.

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