Rechtsextremismus

NSU: Tanjev Schultz will in Brilon über Versäumnisse reden

| Lesedauer: 6 Minuten
Der Investigativ-Journalist und Professor Tanjev Schultz begleitet das Thema NSU schon seit Jahren. In Brilon wollte er sein neues Buch vorstellen.

Der Investigativ-Journalist und Professor Tanjev Schultz begleitet das Thema NSU schon seit Jahren. In Brilon wollte er sein neues Buch vorstellen.

Foto: JS Mainz

Brilon/Mainz.  Die Terrorzelle NSU verübte zehn Morde. Ein Investigativ-Journalist möchte in Brilon über Staatsversagen und Versäumnisse in den Medien reden.

Vor zehn Jahren, im November 2011, hat sich der sogenannte „Nationalsozialistische Untergrund“ (NSU) selbst enttarnt. Jüngst wurde hierzu das Buch „NSU – Zehn Jahre danach und kein Schlussstrich“, herausgegeben von Tanjev Schultz, veröffentlicht. Eigentlich sollte der preisgekrönte Investigativjournalist und Hochschullehrer am Samstag, 27. November, in der Volkshochschule (VHS) in Brilon einen Vortrag halten. Leider macht Corona dieser Veranstaltung einen Strich durch die Rechnung. Die WP hat ihn im Vorfeld interviewen können.

Herr Schultz, die Morde des NSU beschäftigen Sie schon lange. Wieso veröffentlichen Sie zu dem Thema jetzt ein weiteres Buch?

Schultz: Es ist jetzt zehn Jahre her, dass die Taten des NSU ans Licht kamen. Ich habe seitdem sehr intensiv zu diesem Thema recherchiert. Es lässt mich einfach nicht los. Das gilt aber natürlich nicht nur für mich. Insbesondere die Familien der Ermordeten leiden und sind tagtäglich mit Folgen der Morde konfrontiert. Viele haben sich verständlicherweise zurückgezogen und wollen auch nicht mehr in die Öffentlichkeit.

Das liegt auch zum Teil an der Berichterstattung der Medien, die Sie in ihrem Buch heftig kritisieren...

Die Medien haben in dem Zeitraum, als der NSU die Morde beging, unkritisch die Position der Polizei übernommen und deren Verlautbarungen geglaubt und publiziert. Damals war auch von dem Unwort „Dönermorde“ die Rede. Nicht nur in den Boulevardmedien, sondern auch in Qualitätsmedien wie der Süddeutschen Zeitung (SZ) und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) tauchte der Begriff auf. Die Medien haben es damals versäumt, auch die Perspektive der Opferfamilien einzunehmen.

Lesen Sie auch:Knallhart-Kurs im HSK gegen Impfverweigerer am Arbeitsplatz?

Hat die Presse aus Ihren Fehlern gelernt?

Hat die Presse denn aus den eigenen Versäumnissen gelernt?

Nach meinem Eindruck versuchen die Medien es jetzt nach ähnlichen Fällen besser zu machen. Besonders bei der Berichterstattung nach den Anschlägen in Hanau und Halle war ein großes Bemühen da, das Leid der Opferfamilien in den Fokus zu rücken. Trotzdem wurde auf einem Online-Medium dann doch mit dem Begriff „Shisha-Morde“ aufgemacht.

Die Polizei spielte auch keine rühmliche Rolle bei der Aufklärung des NSU-Terrors.

Man hat zu sehr in eine Richtung ermittelt. 2006 gab es tatsächlich Ansätze von Ermittlern, die einen rechtsextremen Hintergrund vermuteten. Doch der Widerstand innerhalb der Behörden war zu groß. Natürlich haben da auch latente Vorurteile und Ressentiments eine Rolle gespielt. Manche Beamte haben einfach die Lebenswelt der Opfer nicht verstehen können. Die haben auf Türken und Kurden wie auf Marsmenschen geschaut.

Lesen Sie auch:Olsberg: Nach Feuer im Dachstuhl noch Rätsel um Brandursache

Eine Zeugin hatte die beiden NSU-Terroristen von einem Tatort wegfahren sehen und sie dann auf einem Überwachungsvideo, dass die Vorbereitungen zum Bombenanschlag in Köln zeigt, wieder erkannt.

Das war schon ein verrückter Moment. Eigentlich war man da ganz nah dran, die Zusammenhänge der Taten zu erkennen. Die Zeugin hat dabei sehr glaubwürdig zwei Männer mitteleuropäischen Aussehens beschrieben und sie dann auf dem Video wieder erkannt. Doch die Ermittler haben sich davon nicht überzeugen lassen. Das Gericht hat später im NSU-Prozess festgestellt, dass die Erinnerungen der Zeugin offenbar zutrafen.

Lesen Sie auch:Jetzt wird es Winter im Sauerland - Der erste Schnee kommt

Der Verfassungsschutz im Fokus

Im Fokus des kollektiven Versagens der Behörden steht aber die Arbeit des Verfassungsschutzes. Was wirft man dem Geheimdienst konkret vor?

Der Verfassungsschutz ist immer seiner inneren Logik gefolgt. Das heißt, man lässt sich nicht gerne von anderen Behörden in die Karten schauen. Das Ergebnis war in diesem Fall fatal. Der Geheimdienst, besonders der thüringische Verfassungsschutz, hat sich stark in die Ermittlungen der Polizei hineingedrängt und teilweise deren Arbeit blockiert und erschwert. Außerdem wurden Fall-Akten geschreddert. Auch die Rolle der V-Leute war immer wieder Thema in den unterschiedlichsten Untersuchungsausschüssen.

Mit ihren damaligen SZ-Kollegen haben Sie abwechselnd jeden einzelnen der 438 NSU-Prozesstage verfolgt und aufgezeichnet. Warum gibt es denn keine offiziellen Aufzeichnungen von einem der wichtigsten Prozesse der Bundesrepublik?

Da muss man wirklich sagen, dass das ein echtes Versäumnis war, das von dem Gerichtsprozess keinerlei offizielle Aufzeichnungen weder in schriftlicher noch in vertonter Form angefertigt wurden. Das wurde während des Prozesses zwei Mal beantragt, aber vom Gericht abgelehnt.

Kritik am Richter

In Ihrem Buch kritisiert Autorin Wiebke Ramm die Prozessführung des vorsitzenden Richters Manfred Götzl.

Grundsätzlich war es eine große Leistung des Richters, diesen hochkomplexen Prozess zu Ende zu bringen. Dafür gebührt dem Gericht schon Respekt. Kritikwürdig ist aber der Umgang mit den Opferfamilien. Richter Götzl ist bei den Zeugenbefragungen nicht immer sehr sensibel und empathisch vorgegangen. Er hat dann auch in der Urteilsverkündung kein einziges Mal das Wort an die Familien gerichtet und deren Leid anerkannt. Auch hat er sich in seinem Urteil nicht zum Versagen des Staats geäußert.

Lesen Sie auch:Brilon: Frust und Unverständnis über 2G im Fitnessstudio

Sie recherchieren schon länger im rechtsextremen Milieu und haben auch ein Buch über den Ku-Klux-Klan in Deutschland geschrieben. Sind Sie schon mal bedroht worden?

Darüber möchte ich eigentlich nicht so gerne reden. Nur so viel: Ich habe Sicherheitsmaßnahmen ergriffen.

Lesen Sie auch:Winterberg: Droht mit 2G noch eine katastrophale Ski-Saison?

2018 wurde Beate Zschäpe zu einer lebenslangen Haft verurteilt. Vier weitere Angeklagte erhielten Haftstrafen. Ist damit das Kapitel NSU beendet?

Sicherlich nicht. Dafür sind noch zu viele Fragen offen. Das Unterstützerumfeld von Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt während ihrer Zeit im Untergrund muss groß gewesen sein. Wir wissen von Rechtsextremen, die dem Trio geholfen haben, aber nicht mehr angeklagt werden können, weil deren Taten mittlerweile als verjährt gelten. In jedem Fall dürfen die Akten nicht geschlossen werden. Es muss noch viel aufgearbeitet werden.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Altkreis Brilon

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben