NS-Verbrecher

Olsbergerin forscht über NS-Vergangenheit eines Biggers

Franz Fischer im Gefängnis

Franz Fischer im Gefängnis

Olsberg.  Die Großnichte von Franz Fischer aus Olsberg-Bigge schreibt ihre Dissertation über die Taten von NS-Verbrechern. Als Quelle dient ihr sein Nachlass.

„Ich freue mich, dass die Hütte voll ist“, begrüßt Lehrerin Eva Lettermann die Besucher im Rathaus Olsberg. Über 70 Menschen sind am Dienstagabend zu dem Vortrag ihrer Doktorarbeit über ihren Großonkel Franz Fischer gekommen.

Bigger Junge war Teil der bekannten „Vier von Breda“

Denn der ist sowohl vor Ort als auch geschichtlich kein Unbekannter: Er war nicht nur gebürtiger Bigger, sondern wurde auch 44 Jahre für seine Verbrechen während der NS-Zeit im sogenannten Judenreferat in den Niederlande inhaftiert. Er war damit Teil der bekannten „Vier von Breda“, die nach dem Zweiten Weltkrieg eine lange Haftstrafe im gleichnamigen Gefängnis absaßen.

Eva Lettermann wollte sie wissen, wer ihr Großonkel wirklich war

„Wenn wir in Breda waren, haben wir immer über Neuigkeiten aus Bigge geredet, aber nie darüber, was Onkel Franz getan hat“, sagte Lettermann. In der Familie wurde von ihm als „Kriegsgefangenen“ geredet und seine Taten entschuldigt.

Als Eva Lettermann, Lehrerin im Detmolder Grabbegymnasium, 2003 für eine Fortbildung nach Israel reiste, fing sie durch Fragen ihrer israelischen Kollegen zu der Kriegsvergangenheit ihrer Familie, an zu grübeln.

Danach wollte sie wissen, wer ihr Großonkel wirklich war. Deshalb arbeitete sie die Taten ihres Onkels wissenschaftlich, familienbiografisch und für ihren Schulunterricht auf.

Auf der Suche nach der Wahrheit

Fünf Jahre hat sie die Arbeit begleitet, herausgekommen sind 400 Seiten Text und 400 Seiten Anhang. Sie behandelt sechs Täter aus unterschiedlichen Hierarchieebenen des Reichskommissariat in Den Haag. Hans Calmeyer war im selben Kommissariat wie Fischer tätig, versuchte jedoch Juden unklarer Abstammung zu retten.

Er bewahrte 3000 Menschen vor der Deportation. Das beweist: Möglichkeiten, sich anders zu verhalten, waren da. Eva Lettermann betonte: „Es geht nicht darum, wie ich mich verhalten hätte, sondern darum, wie ich mich heuite verhalte!“

Die Taten des NS-Verbrechers

Eva Lettermann nach, war Franz Fischers Motto „Befehl ist Befehl“. Sich selbst sah er als „Schlachtopfer“ in der Nachkriegszeit. Zeugen zufolge neigte er zu großer Gewalttätigkeit, die sich auch durch Schläge mit der Eisenstange äußerte.

Er betrieb zudem das „U-Boot-Spiel“ im Kommissariat, bei dem der Kopf von Verhörten in einer Badewanne längere Zeit unter Wasser gedrückt wurde - wie beim Waterboarding. „Juden-Fischer“ wurde er gerufen, was er selbst mit seiner Aufgabe im Referat und seinem Nachnamen erklärte.

Zeugen sagten, dass der Name entstand, da er Juden aufspürte, regelrecht nach ihnen „fischte“. Durch einen Zeugen hatte Lettermann auch einen Hinweis darauf, dass er von Auschwitz gewusste hat: „Ich kann die Juden nicht mehr sehen, ich kann die Juden nicht mehr riechen, alle müssen nach Polen, keiner muss zurückkommen.“

Die Reaktionen in Bigge damals: Gnadengesuche

Teil der Dissertation waren die Reaktionen aus der Heimat: Sowohl der Ortsverband der CDU 1947 als auch der SPD schickten 1947 Persilscheine für Fischer in die Niederlande.

Ein Schreiben des Bigger Pfarrers Schröder von 1947 besagte, dass Fischer „innerlich niemals ein Nationalsozialist“ gewesen sei, ein weiteres von 1949, dass Schröder „voll und ganz“ von seiner Unschuld überzeugt sei.

Diskussion im Anschluss an den Vortrag

Nach der Präsentation bestand Redebedarf im Publikum: Ein Neffe Fischers sagte: „Franz hat gesagt, er wüsste nicht, dass die Leute in den Tod geschickt werden.“

Im Anschluss an den Vortrag sagte Zuhörer Thomas Göddecke: „Die Geschichte wurde gut aufgearbeitet. Am Ende hat man aber noch mal gesehen, dass unsere Generation eher hinterfragt, während die vorherige Generation eher in die Verteidigung geht.“

> > > Das Leben von Franz Fischer

Er arbeitet bei der Schutzpolizei und der Kriminalpolizei. 1937 fängt er bei der Gestapo an und 1941 im Judenreferat.

1949 wird er lebenslang verurteilt. 1989 kommt er frei und stirbt acht Monate später.

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