DOKTORARBEIT

Olsbergerin forscht über NS-Vergangenheit ihres Verwandten

Franz Fischer half mit, 13 000 Juden in Vernichtungslager in Polen zu schicken.

Franz Fischer half mit, 13 000 Juden in Vernichtungslager in Polen zu schicken.

Olsberg.  Wie ist es, mit einem Nazi-Verbrecher in der Familie zu leben? Eva Lettermann hat darüber ihre Doktorarbeit geschrieben.

Dass Franz Fischer ein NS-Verbrecher war, hat seine Familie nie offen ausgesprochen: In Erzählungen wurde von ihm nur als „Kriegsgefangenem“ gesprochen. Dabei saß der gebürtige Bigger fast 44 Jahre Haft. Das war der Grund für Eva Lettermann sich mit der Biografie ihres Großonkels in einer Doktorarbeit kritisch auseinanderzusetzen.

In einem Vortrag thematisiert die Lehrerin anhand der Lebensgeschichte des Großonkels das Handeln, Selbst- und Fremdbild Franz Fischers sowie Reaktionen in dessen Heimat Bigge. Zu dem Vortrag „Onkel Franz doch nicht!“ hat die Dorfgemeinschaft Bigge sie am Dienstag, 10. Oktober, um 19.30 Uhr ins Rathaus eingeladen. Der Eintritt ist frei.

Der Auslöser

„Und, was hat dein Großvater im Zweiten Weltkrieg gemacht?“ - diese Frage israelischer Lehrender während eines Schüleraustauschs brachte Eva Lettermann dazu, in ihrer Familie nachzuforschen. „Anstatt andauernder Unsicherheit bezüglich der Rolle meines Großonkels Franz Fischer wollte ich einfach Klarheit über dessen Aufgabe, Rolle und Verantwortung in der NS-Zeit“, erklärt die Geschichtslehrerin und Historikerin. Durch ihren Beruf bringe sie „zudem ausgeprägtes Interesse am Nationalsozialismus und insbesondere an der Shoah“ mit, erklärt sie.

Der Fund

Gestoßen ist Lettermann auf ihre Familiengeschichte, als sie von ihrem Vater den Nachlass des Großonkels erbte. Dazu gehörten Briefe und andere zahlreiche Dokumente. Sie suchte weiter in Archiven der Niederlande, in Deutschland sowie Israel und studierte Fachliteratur. Nach dieser Recherche war das Gesamtbild für sie „eindeutig“, wie sie sagt.

Die Verbrechen

Denn Franz Fischer war Mitarbeiter im sogenannten „Judenreferat“, dem Referat IV B 4 in Den Haag. In dieser Dienststelle wurden die „Sicherheitspolizei“ und der „Sicherheitsdienst“ zusammengefasst. Er war zuständig für den Bereich „Transport“, was ihn mitverantwortlich für die Zusammenstellung der Deportationen von ca. 13 000 niederländischen Juden macht.

Aus Den Haag und Umgebung wurden sie über das Durchgangslager Westerbork in die deutschen Vernichtungslager im besetzten Polen zwangsverschickt. „Außerdem belegen Zeugenaussagen von Überlebenden, dass er zu gewalttätigen Übergriffen neigte“, fügt die Historikerin hinzu.

Die Doktorarbeit

Geforscht hat Lettermann zu fünf Tätern und einer Täterin, die im Reichskommissariat in den besetzten Niederlanden tätig waren. Zu ihnen gehört auch Franz Fischer. Das Handeln einzelner Täter in der Shoah angemessen im Geschichtsunterricht zu thematisieren, ist ebenso Teil ihrer Forschung. Zudem zeigt sie, wie unterschiedlich die zweite und dritte Generation der Nachkommen von Tätern mit der eigenen Familiengeschichte umgehen.

Somit ist das Ziel einerseits, die Chancen eines offenen und kritischen Umgangs der dritten Generation aufzuzeigen. Andererseits demonstriert sie an den sechs Beispielen, wie Menschen zu Tätern wurden und wie Einzelne versuchten, dem Täterhandeln zu entgehen. „Im Gegensatz zu den jüdischen Opfern hatten die Täter Wahlmöglichkeiten“, sagt Eva Lettermann.

Deutlich werde, wie eine verbrecherische Ideologie im Entscheiden und Handeln verschiedener Menschen zum Tragen und an seine Grenzen kommt. „Das macht das Thema hochaktuell und relevant für unsere Gegenwart und Zukunft“, bekräftigt sie.

Die Reaktionen

Ihre Familie reagierte positiv auf ihr Forschungsvorhaben. Der Vater hatte einerseits Bedenken, da er selbst ein gutes Verhältnis zu seinem Onkel hatte, andererseits hatte er Vertrauen in seine Tochter. „Sonst hätte er mir den Nachlass Franz Fischers ja auch nicht anvertraut“, betont Lettermann. Andere Verwandte bestärkten sie sogar in ihrem Vorhaben.

Dass diese positive Resonanz nicht selbstverständlich für Familien von Tätern ist, weiß auch Lettermann: „Dafür bin ich meiner Familie dankbar.“

>>>Dissertation in drei Teilen

Die Dissertation entstand an der Fakultät für Kulturwissenschaften an der Universität Paderborn.

Die Arbeit setzt sich aus einem fachwissenschaftlichen, fachdidaktischen und familienbiografischen Teil zusammen.

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