Umweltverschmutzung

Paukenschlag im Prozess um PFT-Skandal im Sauerland

Ein Anlagenmechaniker steht in der Trinkwasseraufbereitungsanlage der Stadtwerke in Arnsberg an einem Anreicherungsbecken.

Ein Anlagenmechaniker steht in der Trinkwasseraufbereitungsanlage der Stadtwerke in Arnsberg an einem Anreicherungsbecken.

Foto: dapd

Brilon/Paderborn.  Vor rund sieben Jahren ereignete sich der wohl größte Umweltskandal NRWs. Wer die giftige Industriechemikalie PFT in Ruhr und Möhne entsorgt hat, konnte bisher nicht geklärt werden. Nun beschuldigt ein ehemaliger Abteilungsleiter im NRW-Umweltministerium die Behörden, Daten manipuliert zu haben.

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Das Wasser im Sauerland ist wieder sauber, doch geklärt ist die ganze Angelegenheit noch lange nicht. Seit einem Jahr versucht das Paderborner Landgericht zu ermitteln, wer für einen der mutmaßlich größten Umweltskandale in der Geschichte Nordrhein-Westfalens verantwortlich ist – die Einleitung der giftigen Industriechemikalie PFT in Ruhr und Möhne und damit auch ins Trinkwasser. 2006 flog der Fall auf, sieben Jahre später ist ein Ende der juristischen Aufarbeitung nicht in Sicht.

Gut 50 Verhandlungstage, Zeugen, die sich nicht mehr erinnern können, eine schwierige Rechtslage: Bislang plätscherte das Verfahren vor sich hin. Doch vergangene Woche sorgte Harald Friedrich, ehemaliger Abteilungsleiter für Abfall-, Wasserwirtschaft und Bodenschutz im Landesumweltministerium, für einen Paukenschlag.

Im Zeugenstand erhob er schwere Vorwürfe gegen die Bezirksregierung in Arnsberg sowie den Kreis Soest und den HSK. Die Behörden seien „mehr als salopp“ mit der Biomüll-Verordnung umgegangen, die Bezirksregierung habe sogar falsche Messdaten vorgelegt, behauptete Friedrich und entlastete damit die Angeklagten: fünf Männer, denen vorgeworfen wird, illegal aus den Niederlanden und Belgien importierten Klärschlamm mit Dünger vermischt und an Landwirte verkauft zu haben.

Schlämme aus Ruhrverbands-Kläranlagen verusachten Verunreinigung

Nicht dieser Dünger habe die hohen PFT-Werte im Wasser verursacht, sondern Schlämme aus Kläranlagen des Ruhrverbandes, die seit über 20 Jahren im Kreis Soest und im HSK auf Feldern als Dünger ausgebracht oder zwischengelagert wurden – und das mit Wissen der Kreisbehörden. Nur ein geringer Teil der PFT-Belastung gehe auf der Konto der Firma GW Umwelt aus Borchen, deren Inhaber und Betriebsleiter derzeit in Paderborn auf der Anklagebank sitzen.

Die Kreise Soest, der HSK und die Bezirksregierung hätten auf die notwendigen chemischen Untersuchungen bewusst verzichtet, sagte Friedrich im Prozess, Arnsberg habe im Herbst 2006 sogar falsche Messdaten vorgelegt. „Das ist eine der übelsten Manipulationen, die ich jemals gesehen habe“, zitiert die „Lippische Landes-Zeitung“ den Zeugen aus Meschede.

Behörden weisen die Vorwürfe von sich

Vorwürfe, die alle beteiligten Behörden brüsk von sich weisen. „Unsere Daten aus Brilon-Scharfenberg sind mit Sicherheit nicht manipuliert“, sagt Martin Reuther, Sprecher des HSK. „Das kann auch jeder nachprüfen.“ Auch der Kreis Soest reagiert mit Unverständnis: „Wir weisen die Vorwürfe energisch zurück“, sagt Alfons Matuszczyk, Abteilungsleiter Umwelt. „Sie sind objektiv und sachlich falsch.“ Friedrich könne gar nicht wissen, welche Untersuchungen der Kreis Soest vorgenommen habe.

Die Schlämme aus den Kläranlagen seien damals ordnungsgemäß verbrannt worden. Zurückhaltender gibt sich die Bezirksregierung in Arnsberg: „Wir nehmen die Aussage von Herrn Friedrich zur Kenntnis, aber wir haben keinen Grund, uns diesen Schuh anzuziehen“, sagt Sprecher Christoph Söbbeler. Hausintern werde man die Vorwürfe noch einmal überprüfen – „aus Gründen der Korrektheit“. Unsere Anfrage an den Ruhrverband blieb bis gestern Abend unbeantwortet.

Derweil kämpft sich die Vorsitzende Richterin Margret Manthey in Paderborn weiter durch das wohl aufwendigste Verfahren ihrer Karriere. Die Angeklagten selbst schweigen. Die Rechtslage ist schwierig. Manthey hat einen weiteren Sachverständigen geladen, der Friedrichs Aussagen überprüfen soll. Zudem soll ein Gutachten klären, wie gefährlich PFT tatsächlich ist - eine Frage, die sich erheblich auf das Strafmaß auswirkt.

Vorsichtshalber hat die Richterin mit den Prozessbeteiligten schon Termine für das gesamte Jahr 2013 verabredet. Bis zur Urteilsverkündung dürfte noch sehr viel Wasser die Ruhr herunterfließen - hoffentlich PFT-freies.

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