Fernsehereignis

Professor erklärt – Darum ist Game of Thrones so erfolgreich

Die achte und angeblich letzte Staffel der Fantasy-Serie „Game of Thrones“ ist angelaufen. In den USA guckten am Sonntagabend 17,4 Millionen Zuschauer. In Deutschland ist die Staffeln zurzeit nur über Streaming-Dienste zu sehen.Foto: Sky/dpa

Die achte und angeblich letzte Staffel der Fantasy-Serie „Game of Thrones“ ist angelaufen. In den USA guckten am Sonntagabend 17,4 Millionen Zuschauer. In Deutschland ist die Staffeln zurzeit nur über Streaming-Dienste zu sehen.Foto: Sky/dpa

Hochsauerland.   John Schnee, Weiße Wanderer oder Königin der Drachen - der Erfolg dieser Figuren aus der TV-Serie „Games of Thrones“ beschäftigt Wissenschaftler.

Weshalb fesselt der Kampf und den Eisernen Thron Millionen Menschen weltweit wie kein zweites Fernseh-Ereignis? Der Paderborner Medienwissenschaftler Prof. Dr. Ralf Adelmann erklärt den Erfolg der Serie „Game of Thrones“. Im WP-Interview sagt er auch, weshalb sich ARD und ZDF radikal ändern müssen, wenn sie am Medienmarkt überhaupt noch eine Chance haben wollen.

Das Fernsehen als Lagerfeuer, um das sich die Zuschauer generationsübergreifend scharen. Eine TV-Serie als Gesprächsthema, über das man sich im Beruf oder in der Freizeit austauschen kann. Fernseh-Unterhaltung, die von Budget und Aufwand neue Maßstäbe setzt. Am Montag ist im Bezahlfernsehen die (angeblich) letzte Staffel der Fantasy-Saga „Game of Thrones“ gestartet. Und selbst an der Universität Paderborn hat der Kampf von Gut und Böse um Macht und Überleben Einzug in die Vorlesungen gehalten. In seinen Seminaren und Forschungsprojekten beschäftigt sich der Medienwissenschaftler Prof. Dr. Ralf Adelmann mit dem Phänomen dieses Serienerfolgs.

Serie schafft Lagerfeuer-Atmosphäre

Haben Sie die erste Folge der letzten Staffel schon geguckt oder soll ich Ihnen verraten, was passiert ist?

Prof. Dr. Ralf Adelmann: Nein, ich habe noch nicht geschaut. Aber Sie können mir ruhig davon erzählen; sie würden mich damit nicht treffen. Ich gucke das ja nicht nur aus persönlichem Interesse.

Wie ist es möglich, dass eine Fernsehserie es schafft, eine Lagerfeuer-Atmosphäre zu entfachen?

Das Phänomen ist in der Populärkultur eigentlich gar nicht so ungewöhnlich. Es gibt immer Stoffe und Themen, die sich so weit verbreiten, dass man das Gefühl hat: wenn ich das nicht gesehen oder gelesen habe, sitze ich nicht mit am Lagerfeuer, bin ich sozial ausgeschlossen. Ich denke an Harry Potter. Das ist also nicht neu. Die Qualität bei ,Game of Thrones’ liegt eher darin, dass die Serie es schafft, ein Genre wie die Fantasy, das sich eher an eine geschlossene Interessensgruppe richtet, für den Mainstream aufzubereiten. Und das auf der Basis von ,Herr der Ringe‘ , was ja in gewisser Weise ein Vorreiter für diese Serie war. Auch das ist ja von einer kleinen auf eine große Fan-Gemeinde über gesprungen.

Einblicke in eine andere Welt

Ist die Serie also gerade zur richtigen Zeit entstanden, als der Boden quasi schon bereitet war?

Das kann man so sagen. Zumal viele der neuen Qualitätsserien nicht unbedingt einem Realismus frönen. Es sind diese fantastischen Welten, die Unwahrscheinlichkeiten, aber auch die Einblicke in durchaus reale Welten, die mir sonst verschlossen bleiben, die den Reiz ausmachen. Hinzu kommen die sehr gut entwickelten Figuren – im Gegensatz zu anderen Serien, wo die Figuren eher Abziehbilder waren.

Hat der Erfolg auch etwas mit dem Wunsch nach Flucht aus der Gegenwart zu tun?

Diese Eskapismus-These gibt es schon sehr lange. Da müsste man die Serien aber genauer untersuchen. Ein kleiner Teil des Erfolgs mag darin begründet sein. Ich glaube, es steckt weitaus mehr dahinter: Es hat auch viel mit Abstiegsängsten zu tun: Denkt man an die Figur des Walter White in ,Breaking Bad‘ - ein Wissenschaftler, der durch Krankheit vor dem finanziellen Ruin steht und Drogen herstellt. Das ist eine Abstiegsangst der weißen Mittelklasse, die letztlich auch Trump gewählt hat. Da würde ich einen Gegenwartsbezug sehen. Und diese Abstiegsangst hat uns in Europa ja auch erreicht – ohne, dass sie direkt mit der Realität etwas zu tun hat. Eine emotionale Kondition, die sich sozial weiterverbreitet hat.

Fernsehen im Hollywood-Format

Sind der hohe Produktionsaufwand und das Streben nach Perfektionismus weitere Erfolgsfaktoren?

Definitiv: Das ist das eigentlich Neue, dass Fernsehen fast als Kunst verstanden wird. HBO und viele andere Sender und Streaming-Plattformen müssen immer wieder Serien auf diesem Niveau produzieren, um zu sagen: ,Schaut her, wir sind kein normales Fernsehen. Das, was wir machen, ist eine eigene Marke, die sich neben dem normalen Fernsehen etabliert und beweist. Dazu braucht man diese produktionsaufwändigen Formate auf einem hart umkämpften Markt. Man will zeigen, dass da ein Zug von Hollywood-Kino zu Hollywood-Fernsehen ins Rollen gekommen ist. Fernsehen ist nicht mehr trash; es wurde zu einer Kunstform und damit Teil des Alltagsgesprächs. ,Game of Thrones‘ ist auch deshalb so populär geworden, weil man solchen Produktionen mittlerweile einen Wert beimisst innerhalb der Gesellschaft. Auch im hochkulturellen Zusammenhang werden Fernsehserien zu Smalltalk-Themen auf Partys. Für die Sender lohnen sich diese hohen Aufwendungen, weil sie die Marke stärken.

Glauben Sie, dass solche Formate Auswirkungen auf das gute, alte Fernsehen, wie wir es noch kennen, haben wird?

Wir sprachen eben von Realitätsflucht. Wir dürfen aber auch nicht vergessen, wie gut Reality-TV läuft. Das ist werbe-relevant und wird bleiben. Auch Aktuelles und Nachrichtliches wird bleiben. Aber im öffentlich-rechtlichen Rundfunk muss sich radikal etwas ändern. Einerseits, weil nicht davon auszugehen ist, dass die heute Bis-Mitte-30-Jährigen, die kein klassisches Programmfernsehen mehr schauen, mit 60 dorthin zurückkehren werden. Fernsehen wird sich komplett verändern, aber es wird nicht verschwinden. Die Verbreitungswege haben sich verändert. Fernsehen und Serien werden heute nebenher auf dem Smartphone konsumiert.

Fernsehen muss experimenteller werden

Was wird sich Ihrer Ansicht nach verändern?

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat den hohen Qualitätsdruck erkannt. Sehen sie z.B. die Serie „Babylon Berlin“. Da wurde viele Geld in die Hand genommen und die Sender wurden dafür belohnt. Da tut sich komplett etwas. Die BBC hat das sehr früh erkannt mit Serien wie „Sherlock“. Die Briten haben aber auch eigens einen Innovations-Etat – so etwas fehlt bei uns komplett. Das sind hier so eingefahrene Strukturen. Man müsste auch mal die jungen Leute auf der Produktionsseite ranlassen und vielleicht ein wenig auf Risiko gehen und experimentieren. Die Zuschauer von „Rote Rosen“ werden irgendwann mal ausgestorben sein.

Wie sind Sie auf die Serie gestoßen?

Ich habe die Bücher gelesen, von denen seit Jahren der letzte Band nicht erscheint, weil der Autor nicht dazukommt, das Buch weiter zu schreiben. Ich hätte es gerne auch zu Ende gelesen. Wie so oft, wenn man erst das Buch gelesen und dann den Film gesehen hat – war ich trotz aller Euphorie eher enttäuscht. Der Autor hat übrigens darauf bestanden, seine Geschichte fürs Fernsehen und eben nicht fürs Kino zu verfilmen, weil er auch die Brutalität und Sexualität dargestellt wissen wollte. Er wusste, wenn das zu einem Major-Studio geht, werden die darauf bestehen, dass die Altersbeschränkung auf 12 Jahre runtergesetzt wird und das wollte er nicht.

Wer wird am Ende auf dem Eisernen Thron sitzen?

(lacht) Sie glauben nicht, wie oft ich das in den letzten Tagen gefragt wurde. Ich denke, das Ende wird irgendwie offen bleiben.

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