Justiz

Missbrauchsprozess in Brilon: Gericht glaubt dem Opfer (16)

Das Landgericht Arnsberg

Das Landgericht Arnsberg

Foto: Rita Maurer

Brilon/Arnsberg  Das Landgericht Arnsberg verurteilt einen Wuppertaler zu einer mehrjährigen Haftstrafe. Er soll 2014 ein zehnjähriges Mädchen missbraucht haben.

Während in einem der Sitzungssäle am Landgericht Arnsberg die Plädoyers in einem Missbrauchsprozess gehalten werden, sitzt die Ehefrau des Angeklagten vor dem Raum. Sie wartet, dass die Sitzung wieder für die Öffentlichkeit freigegeben wird.

Still blättert sie in einem kleinen Fotobuch voller Erinnerungen an gemeinsame Zeiten. Als sie ihren Mann Minuten später wiedersieht, bricht sie in Tränen aus. Richter Markus Jäger verurteilt den 28-Jährigen zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und acht Monaten.

Das Gericht ist davon überzeugt, dass der Angeklagte von Frühjahr bis Sommer 2014 ein damals elfjähriges Mädchen mehrfach sexuell missbraucht hat. Sie ist die Tochter einer Frau, die damals mit dem Vater des Angeklagten liiert war. Alle Parteien wohnten zusammen in einem Haus. Der zum Tatzeitpunkt 23-Jährige bestritt die Vorwürfe während der gesamten Verhandlung.

Geschädigte bricht in Tränen aus

„Nehmen Sie das Urteil einfach hin, egal wie es ausfällt“, riet Volker Regenbogen. Er vertritt das Mädchen und ihre Mutter als Nebenkläger. Doch als Richter Jäger erklärte, dass die große Strafkammer die Vorwürfe als erwiesen ansehe, verschwand die eiserne Miene des Mannes zusehends. „Wir verurteilen Sie nicht, wegen eines Gutachtens, das der Geschädigten glaubt, sondern, weil wir ihr glauben.“ Die Worte reichten, um das heute 16-jährige Mädchen in Tränen ausbrechen zu lassen.

Markus Jäger nahm sich die Zeit, um jeden Aspekt des Urteils genau zu erläutern.

Die Aussage des Mädchens

„Im Grunde steht hier Aussage gegen Aussage nach der Verhandlung. Daher mussten beide Aussagen genau geprüft werden“, erklärt Jäger den Sachverhalt. Gutachterin Janine Dickers gab an, dass sie die Schilderungen der Geschädigten für erlebnisbasiert hält. Ein Eindruck, den auch die Strafkammer bei der Vernehmung gewonnen hatte. „Was sie erzählt, ist sehr komplex und sie beschreibt immer, dass die Übergriffe durch Störungen von anderen unterbrochen wurden. Wenn sie den Angeklagten nur zu Unrecht belasten wollte, würde sie an dieser Stelle nicht Halt machen“, begründet Jäger.

Das Mädchen habe außerdem nicht mit dem schlimmsten Erlebnis angefangen, sondern geschildert, was immer ihr gerade einfiel. „Es ging ihr nicht darum, die höchste Strafe herauszuholen. Sie wirkte auf uns authentisch und was sie sagte, ist nachvollziehbar“, erklärte Jäger weiter.

Es sei außerdem schwierig für ein unerfahrenes elfjähriges Mädchen, ein derart komplexes Lügenkonstrukt in dem Alter aufzubauen und über fast fünf Jahre aufrecht zu erhalten. Von Zeugen und auch dem Angeklagten wurde sie außerdem als kindlich bezeichnet, als ein Mädchen, das noch kein Interesse an Sex hatte.

Ein Komplott des Vaters

Eine Verteidigungsstrategie war es zu zeigen, dass das Mädchen unter dem Einfluss des ehemaligen Stiefvaters steht. Doch der Vater holte seinen Sohn erst in die Patchwork-Familie und ging den Vorwürfen gegen sein Kind dann nach. Vielleicht, um die eigenen Versäumnisse wieder gut zu machen, wie Jäger spekulierte.

„Es gab bestimmt Druck, der auf die Geschädigte ausgeübt wurde. Aber sie erzählte hier auch Sachverhalte, die ihr nicht von anderen vorgehalten wurden. Außerdem wollte sie zunächst nicht aussagen und drängte auch nicht auf ein Verfahren“, merkte Jäger an. „Sie lässt sich Sachverhalte auch nicht einreden und sagt klar, wenn etwas nicht so geschehen ist, wie ihre Mutter oder der ehemalige Stiefvater es ausgesagt haben.“

Die Tonband-Aufnahmen

Tonbandaufnahmen auf dem Handy des Angeklagten ließen das Mädchen hören. Sie klang für die Juristen authentisch und belastet, als sie erklärte, dass sie „zwischen den Stühle sitzt“ und der Angeklagte „nichts gemacht hat“. Die Strafkammer nahm an, dass sie das Gespräch vielleicht schnellstmöglich beenden wollte oder so verliebt in den Angeklagten war, dass sie sagte, was er in dem Moment hören wollte.

Auch Zeugenaussagen, die für den Angeklagten sprechen sollten, überzeugten das Gericht nicht. „Die Erinnerungsdichte war sehr unterschiedlich. An entlastende Geschehnisse konnten sich einige sehr detailliert erinnern, obwohl die Vorfälle so lange zurück liegen. Sobald aber belastende Fragen gestellt wurden, war das Erinnerungsvermögen nicht mehr vorhanden“, begründet Jäger die geringe Überzeugungskraft einiger Zeugen.

Nach der Verhandlung gaben sich alle Verfahrensbeteiligten wieder gefasst vor dem Sitzungssaal. Der verurteilte Sexualstraftäter muss jetzt eine Speichelprobe abgeben, um künftig digital registriert zu sein. Er kann innerhalb von einer Woche noch das Rechtsmittel der Revision einlegen.

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